"Ich würde meine Seele für Ahli geben", sagt Mohammed und stützt sich auf seinen Krückstock. Um seinen Kopf geschlungen, trägt der 24-Jährige einen roten Ahli-Schal. Unter dem linken Ärmel seines Ahli-Trikots lugt ein Verband hervor, sein rechtes Bein ist in Gips.

Mohammed ist Ahli-Ultra und war in der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag beim Spiel in Port Said, als Tausende Fans von Port Said's Al-Masry SC das Spielfeld und die Tribünen stürmten und mehr als 70 Ahli Fans und Sicherheitskräfte töteten . Einige davon waren Mohammeds Freunde.

"Die Fans von Al-Masry bewarfen schon auf dem Hinweg unseren Zug mit Steinen", sagt Mohammed mit bebender Stimme. "Das war eine geplante Sache."

Mohammed steht unweit von Ahlis Vereinsheim in Kairo . Auf dem Dach über dem Haupttor stehen fahnenschwenkende Fans in roter Kleidung. Vor dem Eingang drängen sich Tausende Ultras und gewöhnliche Ägypter, um die "Roten Teufel" zu unterstützen. Immer und immer wieder schallen Schlachtgesänge und revolutionäre Slogans durch die Menge.

Auch die Ultras des Erzfeindes Zamalek sind gekommen, um Solidarität zu zeigen. Das ist zuvor nur ein Mal in der Geschichte der beiden Vereine vorgekommen: Bei den Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften während der Revolution.

Mohammed hält sich Abseits. In seinem Gesicht ringt Trauer mit Wut. In seiner rechten Hand hält er den Umschlag mit den Röntgenaufnahmen seines gebrochenen Beins, der linke Arm ist mit Schnitten übersäht. "Alle Fluchttüren waren abgeschlossen worden. Also stellte ich mich auf die Schultern eines Freundes und versuchte über einen Zaun zu klettern. Doch ein Al-Masry-Fan riss mich zu Boden, stach mit einem Messer auf mich ein und trat mich", sagt er.

Sein Geld verdient Mohammed als Teeverkäufer in Kairos Armenviertel Imbaba. Für viele Ultras wie ihn ist ihr Klub alles. Junge Männer ohne Zukunftsperspektive finden hier eine zweite Heimat. In den vergangenen 15 Jahren ging Mohammed zu jedem Ahli-Spiel. Damit ist nun Schluss, der Verein hat bis auf weiteres alle Spiele abgesagt.

Auf dem Vereinsgelände von Ahli herrscht Fassungslosigkeit. Ahli ist bei weitem der beliebteste und reichste Fußballverein Ägyptens. Der Fernsehsender Ahli TV ist ganz ihm gewidmet. Die Innenwände des Vereinsheims sind mit dunklem Holz verkleidet, an den Wänden hängen die Bilder der früheren Manager des Clubs. Die ersten tragen noch den Fez, die traditionelle Kopfbedeckung des Nahen Ostens.

Für die Ahli-Ultras war die Tragödie eine Racheaktion des Militärs

"Ein Angriff auf Ahli ist ein Angriff auf ganz Ägypten ", sagt Emad Sayed, der schon seit 20 Jahren Mitglied des Vereins ist und schaut sich unter den Anwesenden im Vereinsheim um. Viele sitzen in den schweren Polstermöbeln und starren vor sich hin, andere sind von Müdigkeit übermannt eingeschlafen.

"Ahli hat mindestens 200.000 Ultra-Fans in Ägypten und auch ansonsten bei weitem die meisten Fans in ganz Ägypten", sagt der 36-Jährige. In seinem ganzen Leben habe er so etwas wie in Port Said noch nicht gesehen.

Die meisten Ultras geben dem herrschenden Militärrat die Schuld für die Auseinandersetzungen in Port Said. Sie sagen, dass sich die Sicherheitskräfte extra zurückgehalten haben, damit die Al-Masry ungehindert auf die gegnerische Tribüne konnten.

Für die Ahli-Ultras war die Tragödie eine Racheaktion des Militärs, da die Ultras in den Zusammenstößen mit Sicherheitskräften immer an in vorderster Front standen. "Normalerweise kommt es nicht zu Gewalt zwischen den Fans. Beleidigungen, Rufe und Plakate, ja, aber nie Gewalt", sagt Sayed.

Auch Mohammed ist überzeugt, dass es eine Falle war. "Vor dem Spiel gab es keine Sicherheitskontrollen wie sonst. Die Al-Masry Fans waren mit Stöcken, Böllern und Messern bewaffnet", sagt er.

Die Menge vor ihm wird immer größer , Rufe nach dem Sturz des Militärrats werden laut. Mohammed scheint das nicht zu interessieren. Zu tief sitzt der Schock. "Ich war schon Ahli-Fan bevor ich geboren wurde. Meine ganze Familie ist Ahli, sogar mein Großvater gehörte schon zum Verein", sagt Mohammed.

In der Menschenmasse vor ihm gewinnt die Wut die Oberhand. Gruppen von Fans ziehen protestierend Richtung Innenministerium, wo die Sicherheitskräfte des Militärs Stellung bezogen haben. Ihre Nachricht an sie brüllen die Ultras laut heraus: "Entweder die Märtyrer von Port Said werden gerächt oder wir sterben wie sie!"