Katja Kraus : "Was haben Sie denn gegen Nächstenliebe?"

Im Alles-außer-Fußball-Gespräch plädiert Katja Kraus für weniger Kontrolle. Auch wenn's nach Paolo Coelho klingt: Vertrauen ist für sie die Basis jeder Verbindung.
Katja Kraus während eines Interviews im Jahr 2009. © Maurizio Gambarini, DPA

ZEIT ONLINE: Frau Kraus , wem vertrauen Sie nicht?

Katja Kraus: Wenn Sie so einsteigen, verliere ich das Vertrauen in ein fröhliches Gespräch mit Ihnen. Grundsätzlich vertraue ich erst mal. Misstrauen muss man sich bei mir erarbeiten.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie denn zuletzt heimlich eine E-Mail oder SMS eines anderen gelesen?

Kraus: Ohje, ich kann mich nicht daran erinnern. Es ist aber ohnehin besser, solche Situationen zu vermeiden. Wenn man nach etwas sucht, lässt man sich womöglich durch das Gefundene allzu leicht in der eigenen These bestätigen.

ZEIT ONLINE: Es heißt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Nach Ihrer Auffassung ist das eine Lüge?

Kraus: In beruflichen Situationen habe ich Verständnis dafür, das Handeln anderer auf die Übereinstimmung mit dem eigenen Anspruch hin zu überprüfen. In persönlichen Begegnungen ist es anders. Vertrauen ist die Basis jeder Verbindung. Meinem Menschenbild entsprechend glaube ich daran, dass mir mein Gegenüber ebenso vertrauenswürdig entgegentritt wie ich ihm.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht naiv?

Kraus: Ich bin damit bislang gut durchs Leben gekommen.

ZEIT ONLINE: Muss Vertrauen sich nicht erst entwickeln, wachsen?

Kraus: Natürlich ist Vertrauen auch ein Wert, der sich durch Zeit, gemeinsame Erlebnisse und Wissen voneinander verfestigt – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten.

ZEIT ONLINE: Wie viel Vertrauen braucht es, um einen Fußballclub zu managen?

Kraus: So viel wie für das managen jedes anderen Unternehmens.

ZEIT ONLINE: Braucht es für das Managen eines Fußballclubs genauso viel Vertrauen wie für das Führen einer Bäckerei?

Kraus: Der Unterschied liegt vielmehr in der Managementkompetenz. Ich bin überzeugt, dass vertrauensvolle Führung erfolgreicher ist. Und es ist auch ein Zeichen eigener Sicherheit, denn die Fähigkeit zu vertrauen kommt aus einem selbstbewussten Kern. Vertrauen macht Menschen stärker und freier. Und spart Zeit.

ZEIT ONLINE: Das hört sich an, als würde es aus einem Werbefilmchen für Nächstenliebe kommen.

Kraus: Was haben Sie denn gegen Nächstenliebe? Ist die Perspektive nicht eher erschreckend, dass Sie eine Haltung, die Vertrauen voraussetzt naiv finden, oder seicht? Das mag klingen, wie aus einem Paolo-Coelho-Roman, macht das Leben aber leichter.

ZEIT ONLINE: Vertrauen und Selbstvertrauen ist ja schön. Aber muss man nicht beispielsweise den Trainingszustand oder gar Teile des Privatlebens eines Fußballprofis kontrollieren?

Kraus: Auch da sollte man grundsätzlich erst einmal davon ausgehen, dass man es mit Menschen zu tun hat, die wissen, oder denen man imstande ist zu vermitteln, was ihre Verantwortung ist und welches Privileg es ist, diesen Beruf auszuüben.

ZEIT ONLINE: Sie haben anfangs gesagt, es gibt niemandem, dem Sie nicht vertrauen ...

Kraus: Moment, das habe ich nicht gesagt. Vertrauen hat etwas mit dem Verhalten des Einzelnen zu tun, nicht mit meinem Grundverständnis. Um Sie jetzt mal zu beruhigen, es gibt auch Menschen, denen ich nicht vertraue.

ZEIT ONLINE: Wer ist das denn, vielleicht ein Journalist?

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