Fett wie ein TurnschuhAlle schwitzen, ich komme mir vor wie ein Teich

Räumt die Bürgersteige Hamburgs, Ungläubige, denn hier kommt der göttliche Tuvia Tenenbom. Unser Fitness-Kolumnist überwindet seinen Hass aufs Radfahren und steigt auf.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe eine Aversion gegen Fahrräder. Ich mag sie einfach nicht. Punkt.

Mein Hass gegen Fahrräder stammt aus Hamburg, einer der Orte auf diesem Planeten, an dem sich Fußgänger und Radfahrer den Bürgersteig teilen müssen. Und fast alle fahren Fahrrad. Tatsächlich gibt es in Hamburg mehr Fahrradfahrer als China Einwohner hat – mit einem Unterschied: Die Radfahrer Hamburgs benehmen sich wie Milizen. Wenn du einen schmalen Bürgersteig entlang läufst, bepackt mit Koffern schwerer als durchschnittliche Nato-Raketen, hast du trotzdem stehen zu bleiben und den Weg frei zu machen, wenn Herr und Frau Radfahrer angefahren kommen. Sie verlangen das von dir. Wenn du nicht spurst, beschimpfen sie dich in saftigem Deutsch und drücken ihre Hupen, und sie hören nicht auf damit, ehe du taub bist oder tot.

Anzeige

Ganz anders in New York. Hier respektieren die Radfahrer die Fußgänger noch. Und ich bin Fußgänger.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Eine alte Dame von etwa 90 Jahren kommt auf mich zu. Sie gibt mir ein Flugblatt und will, dass ich es mir ansehe. Es geht um Jesus. "Erlösung durch das Blut Jesu Christi". Ich kann kein Blut sehen, und lasse die Gelegenheit zur Erlösung ungenutzt verstreichen. Ein paar Chassidim gehen an mir vorbei. Sie singen von der Ankunft des Messias und dem Tag, an dem die Heiden die Juden nicht länger beherrschen. Anscheinend hat ihnen noch niemand gesagt, dass der Bürgermeister dieser Stadt Jude ist. Ich gehe weiter und komme am Scientology Center vorbei. Ein Pakistani zeigt mir stolz seinen ledergebundenen Koran und will ihn mir leihen – für den Fall, dass ich aus dem arabischen Original beten will.

Was ist hier eigentlich los? Ist heutzutage jeder religiös? Ich muss mich in Sicherheit bringen, also gehe ich zu Equinox, meinem Fitness-Club. Die Leute da sind erklärte Liberale. Equinox-Mitglieder bekommen Kopien ausgewählter Artikel der New York Times, und ständig läuft MSNBC im Fernsehen.

Heute steht – wie konnte ich das nur vergessen? – ein Studio Cycling-Kurs auf meinem Plan, der in einem Cycling Studio stattfinden soll. Ich selbst, beziehungsweise mein dummes Ich hat letzte Woche diesen Plan gemacht. Ich muss betrunken gewesen sein. Jetzt gibt es kein Zurück, ich muss den Milizen beitreten!

Ich versuche, meine Aversion gegen Fahrräder zu überwinden und frage im Sportshop nach Whisky. Aber Equinox hat keinen Whisky im Sortiment, tut uns leid. Anstelle von Alkohol stehen Muscle Milk (die "keine Milch enthält"), zwei hartgekochte Eier und ähnliche Leckereien auf der Karte. Ich bin verwirrt: Wenn ich Muskeln aufbauen kann, indem ich milchfreie Muscle Milk trinke, warum soll ich dann trainieren? Warum Sport machen, wenn ich mit zwei hartgekochten Eiern abnehmen kann?

Wie auch immer diese Dinge zusammenhängen, zumindest will mich hier kein religiöser Fanatiker zu irgendeinem Glauben bekehren. Schließlich ist das hier ein Fitness-Club.

Ich betrete das Cycling Studio. Ein Ausbilder und fünfzig Jünger sind schon da. Die Fahrräder sind hervorragend, viel schöner als die in Hamburg. Sie glänzen, sie sind leistungsstark und sie haben jede Menge Knöpfe für Widerstand" und derlei Dinge, mit denen ich mich überhaupt nicht auskenne.

Leserkommentare
  1. Hilfe, Tuvia kommt!!

    Thanks for the hard boiled eggs and everything but one question, Sir: Why do N.Y. cyclists never use light in the dark? Is this for unsafety reasons?

    • seys
    • 19.03.2012 um 23:47 Uhr

    Frage an die Redaktion, gibt es die Artikel auch im Original zu lesen?
    Fände ich bereichernd, auch wenn die Übersetzung bestimmt sehr gut ist.

    4 Leserempfehlungen
  2. Ich kann mich der Bitte um (zusätzliche) Veröffentlichung des Originaltextes nur anschließen. Das wäre wirklich großartig, liebe Redaktion.

    2 Leserempfehlungen
  3. Der Autor ist ein Genie, ich staune, wie er es fertig bringt,
    mich bei jedem seiner Artikel laut zum Lachen zu bringen.
    Ich freue mich schon auf seinen nächsten Beitrag...

    2 Leserempfehlungen
  4. Grandios beobachtet! Der BODY als Zentrum unser Verehrung entspricht
    dem Zeitgeist.

    2 Leserempfehlungen
  5. ....kann ich nur empfehlen : Das Fahrrad auf das Auto packen und Richtung Baldeneysee zu fahren. Wenn du das Fahrrad als Alternative zum Auto oder ÖPV siehst, bist du in Essen ein toter Mann. Da fährt nur der Fahrrad, der seinen Führerschein verloren hat oder zu blöd ist einen zu machen! Mal abgesehen von den paar Öks natürlich !

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dacapo
    • 12.04.2012 um 13:11 Uhr

    Geht's nicht noch primitiver. Ist Ihnen der Sprit zu Kopf gestiegen?

    • dacapo
    • 12.04.2012 um 13:11 Uhr

    Geht's nicht noch primitiver. Ist Ihnen der Sprit zu Kopf gestiegen?

    • dacapo
    • 12.04.2012 um 13:11 Uhr

    Geht's nicht noch primitiver. Ist Ihnen der Sprit zu Kopf gestiegen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service