David Ginola (r.) mit seinem Anwalt © Boris Horvat/AFP/Getty Images

Eine Flanke nur. Eine verunglückte Flanke. Eine Flanke in der letzten Minute, im letzten, entscheidenden Spiel, die David Ginola bis heute verfolgt. Hätte er nur den Ball gehalten, wäre er nur zur gegnerischen Eckfahne spaziert, hätte ein wenig auf Zeit gespielt. Aber Ginola flankte, über drei bulgarische Verteidiger, über den einzigen Franzosen, auf den Fuß des Gegners. Dann ging alles ganz schnell: Drei Pässe und der Bulgare Emil Kostadinov hämmerte den Ball unters Lattenkreuz. Plötzlich führte Bulgarien mit 1:2 und fuhr anstelle von Frankreich zur WM 1994 in die USA.

Jenes Spiel vom 17. November 1993 gilt noch heute als eine der schwärzesten Stunden des französischen Fußballs. Den Franzosen fällt es schwer, "France-Bulgarie", wie es nur heißt, zu überwinden. Einem ganz Besonders: Gérard Houllier, der damalige Nationaltrainer. Direkt nach der Partie hatte er gesagt, über das Scheitern müsse man nicht lange diskutieren – die entscheidende Szene sei jener von Ginola getretene Ball. Ginola habe ein "Verbrechen gegen die Mannschaft" begangen.

So wenig hat Houllier diese Niederlage verarbeitet, dass er noch heute von ihr spricht, als sei sie gestern erst geschehen. In dem im Oktober in Frankreich erschienen Buch Secrets de coach (Trainergeheimnisse) sagt er über seine Mitschuld an der Niederlage: "Der Anteil von Gérard Houllier ist es, David Ginola eingewechselt zu haben." Und kurz darauf fügt er hinzu: "Ohne ihn hätten wir uns qualifiziert, da bin ich mir sicher!"

Weil Houllier diese These nicht zum ersten Mal aufstellt, und weil er diesmal Ginola auch noch als "Dreckskerl" bezeichnet, haben sich die beiden am Mittwoch vor dem Strafgericht der südfranzösischen Stadt Toulon wiedergesehen. Ginola hatte Houllier wegen "öffentlicher Beleidigung" und "Rufschädigung" auf 5.000 Euro Schadensersatz verklagt. In der Verhandlung erklärte er nun: "Man hat mich zum Scheiterhaufen geführt. Mein Leben wird auf zehn Sekunden Spielzeit reduziert, und 18 Jahre danach macht man mich immer noch zum Sündenbock." Houllier entgegnete, er habe "nichts gegen David, eine reizende Person". Nur eines bereue er: Ginola ein "Verbrechen" und nicht ein "schwerwiegendes Vergehen" vorgeworfen zu haben.

Ein Unschuldslamm war Ginola vor dem wichtigen Spiel im Pariser Prinzenpark 1993 nicht gewesen. In der Équipe de France kam der Torjäger von Paris Saint-Germain einfach nicht an den Koryphäen Jean-Pierre Papin und Éric Cantona vorbei. Vier Tage vor dem Spiel sprudelt Ginolas ganzer Frust wohl spontan im Mannschaftshotel aus ihm heraus. Ein Journalist ist dabei, dann zwei und schließlich eine ganze Traube. Der sehr von sich selbst überzeugte Jungstar ist nicht mehr zu bremsen. "Ich werde nicht wie alle anderen behandelt", beschwert er sich. "Ich bin nicht in der Nationalelf, um den netten zwölften Mann zu geben, der für gute Stimmung sorgt. Mir ist es lieber, als Dreckskerl (sic) wahrgenommen zu werden und dafür meinen Beruf zu machen: zu spielen."