Fußball in FrankreichDer Prozess um eine verunglückte Flanke

Vor 19 Jahren machte David Ginola einen Fehler, der die Franzosen die WM-Qualifikation kostete. Sein Trainer beschimpft ihn bis heute. Nun trafen sich beide vor Gericht. von Matthias Sander

David Ginola (r.) mit seinem Anwalt

David Ginola (r.) mit seinem Anwalt  |  © Boris Horvat/AFP/Getty Images

Eine Flanke nur. Eine verunglückte Flanke. Eine Flanke in der letzten Minute, im letzten, entscheidenden Spiel, die David Ginola bis heute verfolgt. Hätte er nur den Ball gehalten, wäre er nur zur gegnerischen Eckfahne spaziert, hätte ein wenig auf Zeit gespielt. Aber Ginola flankte, über drei bulgarische Verteidiger, über den einzigen Franzosen, auf den Fuß des Gegners. Dann ging alles ganz schnell: Drei Pässe und der Bulgare Emil Kostadinov hämmerte den Ball unters Lattenkreuz. Plötzlich führte Bulgarien mit 1:2 und fuhr anstelle von Frankreich zur WM 1994 in die USA.

Jenes Spiel vom 17. November 1993 gilt noch heute als eine der schwärzesten Stunden des französischen Fußballs. Den Franzosen fällt es schwer, "France-Bulgarie", wie es nur heißt, zu überwinden. Einem ganz Besonders: Gérard Houllier, der damalige Nationaltrainer. Direkt nach der Partie hatte er gesagt, über das Scheitern müsse man nicht lange diskutieren – die entscheidende Szene sei jener von Ginola getretene Ball. Ginola habe ein "Verbrechen gegen die Mannschaft" begangen.

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So wenig hat Houllier diese Niederlage verarbeitet, dass er noch heute von ihr spricht, als sei sie gestern erst geschehen. In dem im Oktober in Frankreich erschienen Buch Secrets de coach (Trainergeheimnisse) sagt er über seine Mitschuld an der Niederlage: "Der Anteil von Gérard Houllier ist es, David Ginola eingewechselt zu haben." Und kurz darauf fügt er hinzu: "Ohne ihn hätten wir uns qualifiziert, da bin ich mir sicher!"

Weil Houllier diese These nicht zum ersten Mal aufstellt, und weil er diesmal Ginola auch noch als "Dreckskerl" bezeichnet, haben sich die beiden am Mittwoch vor dem Strafgericht der südfranzösischen Stadt Toulon wiedergesehen. Ginola hatte Houllier wegen "öffentlicher Beleidigung" und "Rufschädigung" auf 5.000 Euro Schadensersatz verklagt. In der Verhandlung erklärte er nun: "Man hat mich zum Scheiterhaufen geführt. Mein Leben wird auf zehn Sekunden Spielzeit reduziert, und 18 Jahre danach macht man mich immer noch zum Sündenbock." Houllier entgegnete, er habe "nichts gegen David, eine reizende Person". Nur eines bereue er: Ginola ein "Verbrechen" und nicht ein "schwerwiegendes Vergehen" vorgeworfen zu haben.

Ein Unschuldslamm war Ginola vor dem wichtigen Spiel im Pariser Prinzenpark 1993 nicht gewesen. In der Équipe de France kam der Torjäger von Paris Saint-Germain einfach nicht an den Koryphäen Jean-Pierre Papin und Éric Cantona vorbei. Vier Tage vor dem Spiel sprudelt Ginolas ganzer Frust wohl spontan im Mannschaftshotel aus ihm heraus. Ein Journalist ist dabei, dann zwei und schließlich eine ganze Traube. Der sehr von sich selbst überzeugte Jungstar ist nicht mehr zu bremsen. "Ich werde nicht wie alle anderen behandelt", beschwert er sich. "Ich bin nicht in der Nationalelf, um den netten zwölften Mann zu geben, der für gute Stimmung sorgt. Mir ist es lieber, als Dreckskerl (sic) wahrgenommen zu werden und dafür meinen Beruf zu machen: zu spielen."

Leserkommentare
  1. ... vor dem bulgarischen Tor und den anschließenden Konter durch die Bulgaren habe ich mir bei Youtube angesehen und kann dazu nur folgendes konstatieren: Wenn die französische Mannschaft beim Heimspiel eine Minute vor Schluss nicht vorne liegt und sich ihre Abwehr so übertölpeln lässt wie gesehen, dann verdient sie es nicht, das Spiel zu gewinnen. Ginola mag einen ziel- und planlosen Pass geschlagen haben, aber die Niederlage hat viel mehr Gründe als dieser eine Ballverlust, der zudem in weiter Entfernung vom eigenen Tor stattfand.

    Das scheint mir eine Eigenart der französischen Nationalmannschaft zu sein, daß nach Niederlagen nicht nach den Ursachen gesucht wird, sondern nach Sündenböcken.

    8 Leserempfehlungen
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    • Matths
    • 08. März 2012 12:33 Uhr

    Eigentlich kannte ich den Spruch so:

    "In Deutschland gilt ein Problem als gelöst, wenn der Schuldige gefunden ist."

    Gilt wohl auch woanders :D.

    Gruß, matths

  2. ... ist es nicht Uli Hoeness, dessen Fussballkarrierer immer auf einen verschossenen Elfmeter reduziert wird (obwohl er sowohl '72 wie '74 im Endspiel stand ?)

    Bei Hans-Peter Briegel denken die meisten auch nur an Maradona und nicht an die Tatsache, dass er es geschafft hat, Hellas Verona, einer Mannschaft voller Lahmer und Fusskranker, gegen das Establishment und bestochene Schiedsrichter zum italienischen Meister zu machen.

    So ist halt Fussball, leider, manchmal.

    • Matths
    • 08. März 2012 12:33 Uhr

    Eigentlich kannte ich den Spruch so:

    "In Deutschland gilt ein Problem als gelöst, wenn der Schuldige gefunden ist."

    Gilt wohl auch woanders :D.

    Gruß, matths

    Antwort auf "Die Flanke von Ginola"
  3. Nur mal so am Rande:

    "... Fehler, der den Franzosen die WM-Teilnahme kostete." Der Autor meint doch vermutlich nicht nur einen Franzosen, David Ganola, sondern mehrere (das ganze Team)?

    Dann würde der interessierte Leser wohl erwarten, dass es ein Fehler war, der die Franzosen die Teilnahme kostete?

    Merke: Im (ehemaligen) Qualitätsblatt "Die Zeit" ist der Dativ auch den Akkusativ sein Tod.

    Eine Leserempfehlung
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    Redaktion

    ClaudiusP, wir haben verbessert. Danke für den Hinweis, wir sind froh, dass Sie unsere Texte lesen und uns Feedback geben.

    Gruß aus dem Redaktion

    Lieber Claudius und werte Redaktion. Es kostet ihn oder ihm den Sieg. beides ist richtig. Empfehle den Kauf des gelben Buches aus Mannheim oder eines anderen gängigen Wörterbuchs.

    Lieber Lyorist und sehr geehrte Herr Dobbert, die Duden-Redaktion sieht sich ja eher in der Position eines Buchhalters: Gleichermaßen aufmerksam wie deskriptiv erfasst sie Nachlässigkeiten als "richtig", wenn sie mit einer gewissen Häufigkeit beobachtbar sind (à la "Jetzt auch mit Dativ!").

    Oder, in Anlehnung an ein Bonmot von Johannes Gross: Die Duden-Redaktion teilt die Neigung vieler Menschen, etwas für richtig zu halten, wenn sich nur genügend Leute finden, die es immer wieder falsch machen.

    So gesehen ist es allerdings wirklich schade, dass die Worte, die dem großen Lothar Emmerich zugeschrieben werden, normalerweise nur als Zitat auf Fußballplätzen zu hören sind: "Gib mich die Kirsche!". Wenn es zukünftig oft genug gesagt und vor allem geschrieben wird, können Sie sicher sein, dass der Duden das eines Tages tapfer als "auch richtig" bezeichnen wird.

    Sie erwägen den Kauf "eines anderen gängigen Wörterbuchs"? Schauen Sie doch mal in den anspruchsvolleren Wahrig, auf den sich meines Wissens einige der verbliebenen Qualitätszeitungen wie die FAZ stützen. [...] Dann sind Sie vielleicht bald parkettsicher!

    Nichts für ungut: Fehler machen wir alle, immer wieder. Aber nun sage noch noch einer, Fußball sei nix für richtig tiefschürfende Dialoge.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/ls

  4. Redaktion

    ClaudiusP, wir haben verbessert. Danke für den Hinweis, wir sind froh, dass Sie unsere Texte lesen und uns Feedback geben.

    Gruß aus dem Redaktion

    3 Leserempfehlungen
  5. Schönen Dank für die launige Antwort auf einen Leserbriefschreiber, der Korinthen ganz eindeutig missbraucht ...

    2 Leserempfehlungen
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    zeigt sich die Qualität einer Zeitung. Schon mal von Karl Kraus gehört?

  6. ...wenn DAS der Fehler war, dann könnten auch der Trainer und der Ball schuld sein. Ein Stürmer zieht ne Flanke in des Gegeners Strafraum...die anderen Franzosen pennen kollektiv beim Gegenzug.

  7. das Klopp etc. niemals einen Spieler wegen eines Fehlers derart öffentlich an die Wand nageln würde. Man erinnere sich etwas Kehls folgenschweren Fehlpass´gegen Arsenal

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Frankreich | Fußball | Prozess | FC Liverpool | Laurent Blanc | Bulgarien
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