Recht auf KurzberichterstattungBayern-Tore gehören allen

TV-Sender dürften jedes Bundesligator zeigen, ohne dafür Millionen Euro zu zahlen. Um Streit mit der Deutschen Fußball Liga zu vermeiden, tun sie es nicht. von 

Die Bayern treffen und treffen, aber kaum einer sendet es.

Die Bayern treffen und treffen, aber kaum einer sendet es.  |  © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Am Dienstag triumphierte der letzte deutsche Klub im Achtelfinale der Champions League. Gesprächsstoff für Millionen, denn der FC Bayern ist der beliebteste und meistgehasste Fußballverein. Zu bestaunen war das 7:0 gegen Basel zunächst nur im Bezahlsender Sky , der alle Spiele in voller Länge, live und in umfangreichen Nachberichten zeigen darf. Die Quote lag knapp unter einer Million. Die große Menge der Zuschauer konnte kurze Höhepunkte in den Tagesthemen der ARD senden. Gemessen an der Bedeutung dieses Ereignisses eine geringe Free-TV-Präsenz.

Geregelte Knappheit an Bildern herrscht auch in der Bundesliga, die wie die Konkurrenz aus England , Italien , Spanien und Frankreich von teuren TV-Rechten lebt. Sky zahlt der Deutschen Fußball Liga ( DFL ) im Jahr 240 Millionen Euro für Live-Rechte, ARD und ZDF rund 100 Millionen für die so genannte Zweitverwertung, die zeitversetzt längere Zusammenfassungen gestattet. Die Nachrichtensendungen aller anderen Sender zeigen am Samstag, dem Hauptspieltag, keine Bilder. Die Tore des Freitagsspiels sieht man im Normalfall erst zwanzig Stunden nach Abpfiff im Free-TV.

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Wortlaut

Auszüge aus § 5 Rundfunkstaatsvertrag – Kurzberichterstattung

(1) Das Recht auf unentgeltliche Kurzberichterstattung über Veranstaltungen und Ereignisse, die öffentlich zugänglich und von allgemeinem Informationsinteresse sind, steht jedem in Europa zugelassenen Fernsehveranstalter zu eigenen Sendezwecken zu. Dieses Recht schließt die Befugnis zum Zugang, zur kurzzeitigen Direktübertragung, zur Aufzeichnung, zu deren Auswertung zu einem einzigen Beitrag und zur Weitergabe (...) ein.

(4) Die unentgeltliche Kurzberichterstattung ist auf eine dem Anlass entsprechende nachrichtenmäßige Kurzberichterstattung beschränkt. Die zulässige Dauer bemisst sich nach der Länge der Zeit, die notwendig ist, um den nachrichtenmäßigen Informationsgehalt der Veranstaltung oder des Ereignisses zu vermitteln. Bei kurzfristig und regelmäßig wiederkehrenden Veranstaltungen vergleichbarer Art beträgt die Obergrenze der Dauer in der Regel eineinhalb Minuten. Werden Kurzberichte über Veranstaltungen vergleichbarer Art zusammengefasst, muss auch in dieser Zusammenfassung der nachrichtenmäßige Charakter gewahrt bleiben.

(7) Für die Ausübung des Rechts auf Kurzberichterstattung über berufsmäßig durchgeführte Veranstaltungen kann der Veranstalter ein dem Charakter der Kurzberichterstattung entsprechendes billiges Entgelt verlangen. Wird über die Höhe des Entgelts keine Einigkeit erzielt, soll ein schiedsrichterliches Verfahren vereinbart werden. Das Fehlen einer Vereinbarung über die Höhe des Entgelts oder über die Durchführung eines schiedsrichterlichen Verfahrens steht der Ausübung des Rechts auf Kurzberichterstattung nicht entgegen; dasselbe gilt für einen bereits anhängigen Rechtsstreit über die Höhe des Entgelts.

(11) Trifft der Veranstalter oder der Träger eines Ereignisses eine vertragliche Vereinbarung mit einem Fernsehveranstalter über eine Berichterstattung, hat er dafür Sorge zu tragen, dass mindestens ein anderer Fernsehveranstalter eine Kurzberichterstattung wahrnehmen kann.

Bildsignal

Ein Profifußballspiel wird heute von rund zwanzig Kameras mitgeschnitten. Ein Sender, der Kurzberichterstattung in eigener Regie durchführen würde, müsste wohl mit deutlich weniger auskommen, was Sehgewohnheiten unterlaufen würde. Er könnte aber die Bilder vom Produzenten kaufen, wie das heute kleine Sender wie n-tv gelegentlich und zeitversetzt tun (news access). Das Bildsignal in der Bundesliga wird einheitlich von Sportcast hergestellt, einer Tochter der DFL.

Wie das in der Praxis aussehen könnte, erfährt man aus einem Kommentar des Online-Lexikons Presserecht: "Weil aufgrund der räumlichen und technischen Kapazitäten meistens nicht beliebig viele Fernsehteams zugelassen werden können, steht dem Veranstalter ein Auswahlermessen zu. Er kann dabei Sender bevorzugen, zu denen er vertragliche Beziehungen unterhält. Die zugelassenen Sender sind dann verpflichtet, den nicht zugelassenen das Signal und die Aufzeichnung der Sendung zu überlassen, wofür sie eine Aufwandsentschädigung verlangen können."

Großereignisse

Ein Sonderfall sind Großereignisse. Sie dürfen gemäß Rundfunkrecht nur dann an das Pay-TV verkauft werden, wenn sie gleichzeitig im Free-TV gezeigt werden. Dazu zählen Olympische Spiele, alle Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft, Champions League- und Europa-League-Endspiele mit deutscher Beteiligung, der DFB-Pokal ab dem Halbfinale sowie das Eröffnungsspiel, die Halbfinale und das Endspiel von Fußball-Europa- oder Weltmeisterschaften.

Online

Unbearbeitetes Rechtsgebiet ist das Internet. Auch dort stecken ARD und ZDF zurück und schneiden Spielszenen aus ihren Sendungen heraus, bevor sie sie online stellen. Die jüngsten Tore von Gomez, Robben und Müller gegen Basel konnte man im Frühstücksfernsehen sehen, im zeitgleichen Live-Stream schaltete ard.de auf einen blauen Bildschirm. Vor wenigen Wochen sah man Ralf Rangnick, Gast im Sportstudio, in der ZDF-Mediathek Szenen kommentieren, die dem User selbst vorenthalten wurden.

Ob die Sender zu solch rigiden Maßnahmen per Gesetz verpflichtet wären, bezweifeln Rechtsexperten. An einem Bundesligaspiel gibt es, anders als im Urheberrecht, keine absoluten Rechte.

Champions League

Champions-League-Spiele, die in Deutschland stattfinden, sind nach Auffassung von Claudia Wildmann von dem Recht gedeckt. Champions-League-Spiele im Ausland wahrscheinlich auch, obwohl es sich bei dem Kurzberichterstattungsrecht zunächst um eine deutsche Regel handelt, die für deutsche Veranstaltungen gilt. Aufgrund der europäischen Richtlinie über Audiovisuelle Mediendienste erfolgte jedoch eine Harmonisierung, sodass auch im europäischen Ausland ähnliche Regelungen bestehen, auf die sich deutsche Sender stützen könnten (zitiert nach Wildmann).

Sat1 hält zurzeit auch Live-Rechte an der Champions League, doch eine Sonderklausel besagt, dass der Sender nur Mittwochsspiele live zeigen kann, solange mindestens zwei deutsche Mannschaften im Rennen sind. Ab dem Viertelfinale ist nur noch der FC Bayern übrig, also darf Sat1 dessen Hin- und Rückspiel (von denen eins an einem Dienstag und das andere an einem Mittwoch stattfinden wird) in voller Länge übertragen. Für die nächste Saison hat das ZDF die Rechte gekauft, kolportiert wird eine Summe von über fünfzig Millionen Euro pro Saison.

Der Zuschauer hat sich an eine Regel gewöhnt: Wer Fußball zeigen will, muss viel Geld zahlen. Doch das ist ein Irrtum, das Fernsehen darf viel mehr als es tut. Jeder in Europa zugelassene Sender, so lautet §5 im Rundfunkstaatsvertrag , darf Bilder von Ereignissen zeigen, "die öffentlich zugänglich und von allgemeinem Informationsinteresse sind". Durch dieses Recht auf Kurzberichterstattung will das Bundesverfassungsgericht Meinungsmonopole unterbinden und Informationsfreiheit sichern.

Darüber, was von Interesse ist, ließe sich streiten. Doch Rechtsexperten wie Christian von Coelln von der Universität Köln , Peter Heermann von der Universität Bayreuth oder die Anwältin Claudia Wildmann, die alle über das Thema geforscht haben, sind sich einig, dass die Spiele der Bundesliga und die der Champions League (zumindest die, die in Deutschland stattfinden) dazu zählen. "Allen Fernsehveranstaltern steht das Recht auf Kurzberichterstattung auch von Profisportereignissen zu", schrieb Heermann in einem einflussreichen Kommentar. "Das Recht gesteht allen Sendern eine nachrichtliche Behandlung der Bundesliga zu, gerade mit Bewegtbildern", sagt Wildmann. "Fußball hat eine große Bedeutung in Deutschland. Darauf hat der Gesetzgeber reagiert, indem er den Informationszugang für alle Sender offen hält und ihnen ermöglicht, mit eigenen Bildern zu berichten", ergänzt von Coelln.

Was könnte ein Sender mit diesem Recht anfangen? Auf jeden Fall hätte jeder Sender problemlos die Tore des Bayern-Siegs am selben Abend zeigen dürfen. Auf jeden Fall darf er auch seine Nachrichtensendungen am Samstag und Sonntag mit Szenen aus der Bundesliga bestücken. Erlaubt wäre vermutlich auch eine "Sportschau light": eine halbstündige Fußballnachrichtensendung mit kurzen Highlights aus allen Spielen, ergänzt durch Kommentare, Interviews und Statistiken aus der Welt des Sports.

Leserkommentare
  1. Warum man nur zwei Spiele der Bundesliga überhaupt Live im Free-Tv sehen darf, ist mir ein Rätsel. Hier hat das öffentlich/rechtliche Fernsehen versagt aber auch der Fußball meiner Meinung nach. Außerhalb vom Radio kann man praktisch nie etwas Live verfolgen, es sei denn man geht ins Stadion. Alles beschränkt sich nur mehr auf Abos und die Zukunft der Sportschau ist ja auch nicht gerade sicher. Ich habe nichts gegen die hohen Gehälter oder Summen der Vereine, aber letztendlich bringt es dem Sport wenig wenn nur ein ausgewähltes Publikum diesem beiwohnen darf.

    • Maksi
    • 16. März 2012 11:46 Uhr

    ...könnte www.Zeit.de in den Video-News rechts am Bildrand die Zusammenfassung der Spiele ebenfalls anbieten. Wäre doch auch mal eine gute Idee.

    • eluutz
    • 16. März 2012 12:48 Uhr

    Es ist wahrscheinlich naiv, so etwas vorzuschlagen. Aber die Fernsehsender hätten eigentlich große Möglichkeiten, ihre Sportberichterstattung von der Abhängigkeit von UEFA und DFL zu "befreien". Zunächst einmal gibt es in Deutschland eine Menge Profisport, der praktisch gar nicht übertragen wird. Ich denke da vorallem an Sportarten wie Handball, Volleyball oder Basketball; dieser Sport wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr günstig zu haben.

    Fußball hat den gegenwärtigen Stellenwert aus zwei Gründen: erstens gibt es eine Menge aktive Sportler, zweitens wird es immer und überall gezeigt. Jede Menge Aktive haben die anderen drei Ballsportarten auch, die Präsenz in den Medien ist aber so gering, dass ein allgemeines Interesse gar nicht erst aufkommen kann. Das braucht natürlich etwas Zeit, aber solche Übertragungen können durchaus eine echte Alternative zum Fusball sein.

    Ansonsten sind die Rechte für die Übertragung von Fußballereignissen reichliche Mondpreise.

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    Könnte es sein, dass die (weltweit) hohe Beliebtheit des Fußballs auch etwas mit Fußball zu tun hat?
    Aber heutzutage wird ja gerne alles gleichgemacht/in einen Topf geworfen: Menschen, Geschlechter, Religionen oder eben Sportarten.

  2. 4. Moment

    Die Freiheit von den Ereignissen zu berichten beinhaltet doch nicht die Bilder von der DFL verwenden zu dürfen. Die Tagesschau müsste also ihre eigene Kamera im Stadion haben, diese Bilder dürfen Sie dann zeigen.

  3. >Im Free-TV mussten die Zuschauer bis Mittwoch früh warten, um im Morgenmagazin von ARD und ZDF die Glanzleistung von München in kurzen Ausschnitten zu sehen.

    Das ist so nicht richtig. Die Tore des Spiels FC Bayern gegen FC Basel waren bereits um 22:42 am Dienstag (also wenige Minuten nach Abpfiff) in den Tagesthemen der ARD zu sehen.

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    Redaktion

    Danke für Ihren Hinweis, naersjoen. Wir haben das korrigiert. Ich muss gestehen, die Tagesthemen hatte ich nicht auf dem Radar - ganz einfach, weil das Spiel ja erst um 22.35 abgepfiffen wurde. Da war die ARD aber auf Zack.

    An meiner Darstellung und Bewertung der Lage ändert das aber nichts bis wenig. Ich erwarte von allen TV-Sendern, dass sie die Interessen der Steuer-/Gebührenzahler und des Allgemeinwohls offensiv vertreten. Und das tun, was Fußball betrifft, die wenigsten. Zwar gibt es viel Fußball im Fernsehen, aber in den meisten Fällen als Ware teuer erkauft.

  4. Öffentlich zugänglich ist auch so eine Sache. Man zahlt ja schließlich für ein Ticket, daß sich nicht jder leisten kann.( Also ist es doch mit Einschränkungen) Parks stellen auch ihre eigenen Regeln auf, was filmen und fotografieren betrifft. Das Gesetzt ist hier einfach zu schwammig formuliert. Es sollte mehr auf Veranstaltungen mit Entgelt Charakter eingegangen werden.

  5. Könnte es sein, dass die (weltweit) hohe Beliebtheit des Fußballs auch etwas mit Fußball zu tun hat?
    Aber heutzutage wird ja gerne alles gleichgemacht/in einen Topf geworfen: Menschen, Geschlechter, Religionen oder eben Sportarten.

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    Ich spiele (aktiv) und schaue (gelegentlich) Fußball seit ca. 20 Jahren. Daher konnte ich beobachten, wie sich der extreme Fussball-Hype allmählich erst entwickelt hat.
    Naheliegenderweise liebe ich diese Sportart. Wenn bei WM und EM aber in jeder Kleinstadt nach jedem Gruppenspiel Abertausende auf die Straßen gehen, dann hat das m.E. absolut nichts mehr mit Sport zu tun. Das zeigt in der Tat den viel zu hohen Stellenwert von Fussball und äußerst bedenklich.

    Da könnte Deutschland Panzer an die Saudis verkaufen, Grundrechte mißachten, Sozialleistungen kürzen, Gesetzgebungskompetenzen abgeben, Steuergelder an Banken verbraten oder Herr Friedrich könnte den totalen Überwachunsstaat ausrufen- niemanden würde es aufregen. Was die Leute auf die Straße treibt, ist wenn Deutschland 4:2 gegen Griechenland gewinnt.

    Das finde ich dermaßen traurig...

  6. Information ist eine Ware wie jede andere. Der Eigentümer der Information entscheidet darüber, ob - und wenn ja, zu welchen Bedingungen - er diese vollständig oder teilweise, live oder zeitverzögert zur Nutzung durch Dritte frei gibt.
    Die Sender und die Printmedien haben m. E. keinerlei Grund zur Klage: Die Nutzung der "bildlosen" Basisdaten wie Ansetzungen, Tore und Torschützen sowie "besondere Vorkommnisse" werden nicht separat in Rechnung gestellt (obwohl dieses m. E. auch möglich wäre).
    Was darüber hinaus geht, ist auch zu bezahlen. Insoweit halte ich die Auffassung der "Rechtsexperten" unter dem Aspekt des Schutzes der Eigentumsrechte für sehr bedenklich.

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    Redaktion

    Das sehe ich anders. Nicht alles darf dem Markt unterworfen werden. Das wäre sehr gefährlich.

    Aus dem Grundgesetz Artikel 5, Absatz 1: "Jeder hat das Recht (...), sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt."

    Was würden Sie denn sagen, wenn wir uns über deutsche Außenpolitik nur im Pay-TV informieren könnten?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Recht | ARD | FC Bayern München | Achtelfinale | Bundesliga | DFL
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