Thomas Hitzlsperger: "Ich habe nicht die Nerven fürs Schwarzfahren." © Jörn Pollex/Bongarts/Getty Images

ZEIT ONLINE : Herr Hitzlsperger , hält der ICE inzwischen wieder in Wolfsburg ?

Thomas Hitzlsperger : Ja. Wir sind erst vor zehn Tagen zum Auswärtsspiel in Kaiserslautern bis Mannheim mit dem Zug gefahren. Abfahrt und Ankunft pünktlich.

ZEIT ONLINE : Ist das üblich, dass die Mannschaft mit dem Zug reist?

Hitzlsperger : Das kommt oft vor, vor allem bei Spielen im Ruhrgebiet. Zurück fahren wir meist mit dem Mannschaftsbus.

ZEIT ONLINE : Können Sie sich im Bus nicht besser, weil abgeschotteter, auf Ihre Aufgaben vorbereiten?

Hitzlsperger : Ich finde Bahnfahren angenehmer. Im Zug hat man mehr Fußfreiheit, kann mal rumlaufen, auch in den Speisewagen. Die Vorbereitung auf das Spiel stört es auf keinen Fall.

ZEIT ONLINE : Fahren Sie auch viel privat?

Hitzlsperger : Ab und an, die Verbindung Wolfsburg– Berlin ist ja sehr gut. Auch in die Heimat, nach München , bin ich schon mit dem Zug gefahren. Ich habe eine Bahncard, die lohnt sich.

ZEIT ONLINE : 1. Klasse?

Hitzlsperger : Ja.

ZEIT ONLINE : Fenster oder Gang?

Hitzlsperger : Gang. Da ist mehr Platz, und ich muss nicht über Leute steigen, sie darum bitten, aufzustehen, wenn ich aufstehe oder gar aufwecken, wenn sie schlafen.

ZEIT ONLINE : Abteil oder Großraum?

Hitzlsperger : Abteil. Kommt natürlich drauf an, wer drin sitzt, ob's schmutzig ist, Essen schon am Boden liegt oder ein Hund mitreist. Ich schau mir das Abteil genau an, bevor ich mich reinsetze.

ZEIT ONLINE : Stören Sie auch diejenigen Mitreisenden, die ihre Schuhe ausziehen?

Hitzlsperger : Ähm, ich hab das auch schon gemacht. In der Regel öffne ich aber nur die Schnürsenkel und ziehe die Schuhe nicht komplett aus. Mich stört eher Krach.

ZEIT ONLINE : Die Wichtigtuer mit Handy?

Hitzlsperger : Ja, die lange und laut telefonieren und auf Business machen. Oder Leute, die so laut Musik hören, dass der halbe Waggon mithören kann. Das sind so Unarten. Ich lese meist oder höre Musik über Kopfhörer. Einmal allerdings hab ich auch länger telefonieren müssen, da ist die Dame gegenüber angesäuert aufgestanden und gegangen. Ich habe leise gesprochen, aber sie war trotzdem bedient. Vermutlich lag's an meinem bayrischen Akzent. Hätte sie mir zuvor ein Signal gegeben, wäre ich rausgegangen.

ZEIT ONLINE : Werden Sie denn nicht erkannt?

Hitzlsperger : Ab und zu. Im Gespräch kommt es schon mal vor, dass einer sagt: "Sie kenn' ich doch." Oder wenn ich sage, dass ich Fußball spiele, dass der dann antwortet: "Hab ich's doch gleich gewusst." Aber meistens fahre ich völlig unbehelligt durchs Land. Die Leute verhalten sich natürlich anders, wenn wir mit der Mannschaft, alle in grünen Trainingsanzügen, reisen.

ZEIT ONLINE : Wie denn, jagen die Autogramme?

"In England fahr' ich nur noch Bahn, wenn es sein muss."

Hitzlsperger : Auch schon mal. Manche machen Bilder von und mit uns, geben Kommentare zum Spiel ab. Die Leute sind dann offensiver, mutiger. Neulich standen zwei Typen vor mir und haben meine Kollegen und mich ausgequetscht. Die hatten schon was getrunken und nicht bemerkt, dass wir eigentlich lieber unter uns bleiben wollten. Aber da müssen wir Profis durch. Wir sind höflich geblieben, irgendwann sind sie verschwunden.

ZEIT ONLINE : Nicht alle Fußballer legen so gute Manieren an den Tag wie Sie.

Hitzlsperger : Wenn einer den Konflikt will, findet er in einer Mannschaft auch den Richtigen – gerade nach Niederlagen.

ZEIT ONLINE : Schon mal schwarzgefahren?

Hitzlsperger : Mit der Deutschen Bahn nicht, da kann man ja Tickets nachkaufen. Im Nahverkehr schon, da war ich noch Schüler. Aber auch nur eine oder zwei Haltestellen. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, mich immer umgeschaut, wenn zwei oder drei Leute zustiegen. Ich habe nicht die Nerven fürs Schwarzfahren.

ZEIT ONLINE : Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Bahnpersonal gemacht?

Hitzlsperger : Gemischte. Manche sind höflich, manche brummig. Auf der Fahrt nach Mannheim habe ich meine Geldbörse verloren, da war alles drin: Kreditkarte, Perso, Bahncard, Bares. Dann habe ich schnell eine Verlustmeldung aufgegeben, die Zugbegleiter haben sie gefunden, jetzt bekomme ich sie wieder. Ich war heilfroh und bin den Bahnleuten sehr dankbar.

ZEIT ONLINE : Im Bordbistro?

Hitzlsperger : Im Speisewagen habe ich so manches Mal überfordertes Personal erlebt. Ein paar mehr Gäste als sonst, dann kann's schon mal dauern. Die Stimmung kann kippen, wenn einige Gäste bald aussteigen wollen und nichts bekommen.

ZEIT ONLINE : Was essen Sie dort, den Klassiker, Nürnberger Rostbratwürste?

Hitzlsperger : Ja, schon gegessen. Der Kuchen ist auch gut. Das Hühnerfrikassee werde ich beim nächsten Mal probieren.

ZEIT ONLINE : Welche Bahnhöfe gefallen Ihnen?

Hitzlsperger : Stuttgart gefällt mir, aber der sieht ja nicht mehr so aus wie zu meiner Zeit beim VfB. Auch am Hauptbahnhof München überkommen mich Heimatgefühle, denn an keinem anderen Bahnhof war ich so häufig wie dort. An Bahnhöfen halte ich mich generell gerne auf.

ZEIT ONLINE : Wieso?

Hitzlsperger : In den Zeitungsläden kann man alles kaufen: Magazine, Lokalzeitungen aus ganz Deutschland, internationale Presse. Ich kaufe mir, trotz Ipad, oft die Sun , den Guardian oder die Times , selbst vom Vortag. 

ZEIT ONLINE : Über die Bahn zu meckern, ist ein Volkssport. Wollen Sie zum Abschluss?

Hitzlsperger : Nein, den mache ich nicht mit. Ich weiß, sie gilt als unpünktlich, aber ich kann mich nicht beschweren. Ich mag die Eisenbahn, zumindest die deutsche. In England fahr ich hingegen nur noch, wenn es sein muss. Da ist die Verspätung manchmal länger als die Fahrtstrecke. Dazu kommt auf der Fahrt noch eine Signalstörung – und schon ist der Flieger weg.