Wladimir Klitschko ist millionenschwerer Mitinhaber der von ihm, seinem Bruder Vitali und dem ehemaligen Journalisten Bernt Bönte gegründeten Klitschko Management Group GmbH. Am Samstag verteidigt er freiwillig seinen "Bauchschmuck", sprich, alle vier Weltmeistergürtel, die er von den sogenannten Weltverbänden WBA, WBO, IBF und IBO nach seinem sogenannten Jahrhundertkampf gegen den Briten David Haye verliehen bekam. Die als Mega-Event inszenierte Titelverteidigung fasziniert Massen. Die 54.000 Zuschauer fassende Arena in Düsseldorf ist trotz stolzer Eintrittspreise – ein VIP-Ticket inklusive Aftershowparty kostet bis zu 692 Euro – seit Tagen bis auf wenige Restkarten ausverkauft.

Der TV-Partner RTL, wie bei allen Klitschko-Kämpfen exklusiv mit 300 Scheinwerfern, 17 Kameras und drei Dutzend Mitarbeitern vor Ort, erwartet neue Quotenrekorde. Kein Wunder, hat doch der in Deutschland wie weiland Max Schmeling vergötterte "Dr. Steelhammer", seines Zeichens auch Bambi-Preisträger, Unesco-Sportbotschafter, Bestseller-Autor, offizieller Fußball-EM-2012-Repräsentant, Mitbegründer der mildtätigen The Klitschko Brothers Foundation, Sportler-mit-Herz-Laureat, Milchschnitte-, Warsteiner- und Hugo-Boss-Werbeträger, feierlich angekündigt, bei seinem nächsten Kampf "Boxgeschichte zu schreiben" und der Sportwelt den 50. Ko-Sieg in seinem 60. Profikampf zu schenken.

Das Vorhaben scheint bereits vor dem Gong zur ersten Runde geglückt. In dem 40-Jährigen, um einen halben Kopf kleineren Jean-Marc Mormeck, der erst drei Kämpfe im Schwergewicht bestritt, hat die Klitschko Management Group, von der RTL-Geschäftsführung wohlwollend geduldet, einen "Challenger" verpflichtet, der nicht den Hauch einer Chance hat. Boxexperten stufen den ehemaligen Halbschwergewichtler, der sich "The Marksman", der Scharfschütze, nennt, als nicht einmal glücksschlagverdächtig ein.

Im Gegensatz zu Klitschko, der als Sohn eines hohen sowjetischen Luftwaffenoffiziers seit früher Kindheit eine gediegene Boxausbildung im Kiewer Armeesportklub erhielt, fünfmaliger Jugend- und Juniorenmeister war, dann als 17-Jähriger die Junioren-EM im Schwergewicht gewann, Vizeweltmeister wurde und 1996, als gerade mal 20-Jähriger, seine glanzvolle Amateurkarriere mit der olympischen Goldmedaille im Superschwergewicht krönte, hat der 1972 auf der Karibik-Insel Guadeloupe geborene und im Pariser Arbeitervorort Bobigny groß gewordene Mormeck nie von der Pike auf Boxen gelernt.

Mormeck kam erst spät zum Boxen, brachte es dann aber immerhin bis zum Weltmeister im Cruisergewicht. 2007 hatte er die Boxhandschuhe allerdings schon an den berühmten Nagel gehängt. Vorausgegangen waren zwei schwere K.o.-Niederlagen. Die erste gegen O‘ Neil "Give Em Hell" Bell und die zweite gegen David "The Haymaker" Haye. Jenen David Haye, der vor wenigen Monaten gegen Wladimir Klitschko völlig chancenlos blieb. Mormeck musste gegen ihn bereits in Runde sieben zu Boden, krabbelte zwar noch einmal hoch, doch der Ringrichter brach das ungleich gewordene Duell ab. Nach dem Haye-Kampf kam Mormeck, der sich glücklich schätzen konnte, seine bisherigen Profijahre ohne erkennbare gesundheitliche Folgeschäden überstanden zu haben, zur Erkenntnis, dass er mit dem Boxen jetzt besser aufhören sollte.

In absehbarer Zeit bestand nicht die geringste Aussicht auf einen Titelkampf, und den Schädel für kleines Geld in irgendwelchen Aufbaukämpfen hinhalten, das wollte er auch nicht mehr. Zudem hatte er zumindest materiell mehr erreicht, als er sich je erträumt hatte: Er besaß Immobilien, eine schicke Wohnung und – was ihn bis heute mit besonderem Stolz erfüllt – einen neuen Porsche 911 Carrera, mit nicht zu überhörenden 300 PS. Mormeck verkündete seinen Rücktritt als Boxer, blieb aber der Boxwelt als Kommentator des französischen Bezahlsenders Canal+ erhalten.

Comeback im Schwergewicht

Mormeck genoss jetzt sein Leben als Boxrentner, engagierte sich für Charity-Projekte und war ein gern gesehener Gast auf jeder Party. Endlich kein monotones Krafttraining mehr, keine Waldläufe in aller Herrgottsfrüh, kein Sparring und kein Trainer, der ihn anschreit, wenn er in der Phase des Intensivtrainings einen BigMac verdrückt, eine zweite Portion Mousse au chocolat futtert oder eine Cola statt Mineralwasser aus dem Automaten drückt!

Einziger Wermutstropfen: In zwei Jahren ohne Wettkampf war der ehemalige Halbschwergewichtler – peu à peu – zu einem Schwergewichtler gereift. Hatte er vor dem Kampf gegen Haye exakt 90,45 kg auf die Waage gebracht, wog er jetzt – bei nur 181 cm Körpergröße – an die hundert Kilo.

Kein Zweifel, Bauch und Hüftspeck mussten weg! Aber wenn er sich schon plagte, warum dann nicht gleich ein Comeback versuchen? War nicht auch der "Haymaker" zwischenzeitlich in die Königsklasse gewechselt, um dort jetzt ungleich höhere Börsen als im Cruisergewicht zu kassieren? Und hatte nicht auch Evander Holyfield zunächst im Cruisergewicht geboxt? Mormeck gab den Rücktritt vom Rücktritt bekannt.

Kurz vor Weihnachten 2009 war es dann soweit. Altmeister Mormeck, auf exakt 97,98 kg getrimmt, trat in der Pariser "Halle Georges Carpentier" nach zweijähriger Ringabstinenz zu seinem ersten Schwergewichtskampf an. Gegner: ein mediokrer, aus New York eingeflogener Italo-Amerikaner, der wie erwartet acht Runden lang seine Nehmerqualitäten unter Beweis stellte, aber selbst in den Schlussrunden, als Mormeck müder wurde, harmlos blieb. Mormeck siegte nach Punkten – das Comeback war geglückt!

Nach einem hauchdünnen Sieg nach Punkten in einem zweiten Kampf hatte sich Mormek nach dem unergründlichen Ratschluss der WBA für einen Kampf um den sogenannten WBA Intercontinental Heavyweight-Titel gegen den in den USA lebenden Usbecken Timur Ibragimov qualifiziert.