Klitschko-BrüderDie Zehn-Millionen-Euro-Boxer

RTL lädt zu Wladimir Klitschkos 50. Jubiläums-K.o. Der Sieg scheint so was von sicher. Ein gutes Geschäft für die Klitschko Management Group auch. von Hans Pusch

Wladimir Klitschko während eines öffentlichen Show-Trainings vor dem Kampf gegen Jean-Marc Mormeck.

Wladimir Klitschko während eines öffentlichen Show-Trainings vor dem Kampf gegen Jean-Marc Mormeck.  |  © Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images

Wladimir Klitschko ist millionenschwerer Mitinhaber der von ihm, seinem Bruder Vitali und dem ehemaligen Journalisten Bernt Bönte gegründeten Klitschko Management Group GmbH. Am Samstag verteidigt er freiwillig seinen "Bauchschmuck", sprich, alle vier Weltmeistergürtel, die er von den sogenannten Weltverbänden WBA, WBO, IBF und IBO nach seinem sogenannten Jahrhundertkampf gegen den Briten David Haye verliehen bekam. Die als Mega-Event inszenierte Titelverteidigung fasziniert Massen. Die 54.000 Zuschauer fassende Arena in Düsseldorf ist trotz stolzer Eintrittspreise – ein VIP-Ticket inklusive Aftershowparty kostet bis zu 692 Euro – seit Tagen bis auf wenige Restkarten ausverkauft.

Der TV-Partner RTL, wie bei allen Klitschko-Kämpfen exklusiv mit 300 Scheinwerfern, 17 Kameras und drei Dutzend Mitarbeitern vor Ort, erwartet neue Quotenrekorde. Kein Wunder, hat doch der in Deutschland wie weiland Max Schmeling vergötterte "Dr. Steelhammer", seines Zeichens auch Bambi-Preisträger, Unesco-Sportbotschafter, Bestseller-Autor, offizieller Fußball-EM-2012-Repräsentant, Mitbegründer der mildtätigen The Klitschko Brothers Foundation, Sportler-mit-Herz-Laureat, Milchschnitte-, Warsteiner- und Hugo-Boss-Werbeträger, feierlich angekündigt, bei seinem nächsten Kampf "Boxgeschichte zu schreiben" und der Sportwelt den 50. Ko-Sieg in seinem 60. Profikampf zu schenken.

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Hans Pusch
Hans Pusch

Doktor Hans Pusch war in den Siebzigern und Anfang der Achtziger für den österreichischen Unterrichts-, Kunst- und Sportminister, dann für den Bundeskanzler tätig. Er arbeitete anschließend in der Film- und Werbebranche. Von 1993 bis 2007 leitete er die Medienforschung des TV-Senders RTL.

Das Vorhaben scheint bereits vor dem Gong zur ersten Runde geglückt. In dem 40-Jährigen, um einen halben Kopf kleineren Jean-Marc Mormeck, der erst drei Kämpfe im Schwergewicht bestritt, hat die Klitschko Management Group, von der RTL-Geschäftsführung wohlwollend geduldet, einen "Challenger" verpflichtet, der nicht den Hauch einer Chance hat. Boxexperten stufen den ehemaligen Halbschwergewichtler, der sich "The Marksman", der Scharfschütze, nennt, als nicht einmal glücksschlagverdächtig ein.

Im Gegensatz zu Klitschko, der als Sohn eines hohen sowjetischen Luftwaffenoffiziers seit früher Kindheit eine gediegene Boxausbildung im Kiewer Armeesportklub erhielt, fünfmaliger Jugend- und Juniorenmeister war, dann als 17-Jähriger die Junioren-EM im Schwergewicht gewann, Vizeweltmeister wurde und 1996, als gerade mal 20-Jähriger, seine glanzvolle Amateurkarriere mit der olympischen Goldmedaille im Superschwergewicht krönte, hat der 1972 auf der Karibik-Insel Guadeloupe geborene und im Pariser Arbeitervorort Bobigny groß gewordene Mormeck nie von der Pike auf Boxen gelernt.

Mormeck kam erst spät zum Boxen, brachte es dann aber immerhin bis zum Weltmeister im Cruisergewicht. 2007 hatte er die Boxhandschuhe allerdings schon an den berühmten Nagel gehängt. Vorausgegangen waren zwei schwere K.o.-Niederlagen. Die erste gegen O‘ Neil "Give Em Hell" Bell und die zweite gegen David "The Haymaker" Haye. Jenen David Haye, der vor wenigen Monaten gegen Wladimir Klitschko völlig chancenlos blieb. Mormeck musste gegen ihn bereits in Runde sieben zu Boden, krabbelte zwar noch einmal hoch, doch der Ringrichter brach das ungleich gewordene Duell ab. Nach dem Haye-Kampf kam Mormeck, der sich glücklich schätzen konnte, seine bisherigen Profijahre ohne erkennbare gesundheitliche Folgeschäden überstanden zu haben, zur Erkenntnis, dass er mit dem Boxen jetzt besser aufhören sollte.

In absehbarer Zeit bestand nicht die geringste Aussicht auf einen Titelkampf, und den Schädel für kleines Geld in irgendwelchen Aufbaukämpfen hinhalten, das wollte er auch nicht mehr. Zudem hatte er zumindest materiell mehr erreicht, als er sich je erträumt hatte: Er besaß Immobilien, eine schicke Wohnung und – was ihn bis heute mit besonderem Stolz erfüllt – einen neuen Porsche 911 Carrera, mit nicht zu überhörenden 300 PS. Mormeck verkündete seinen Rücktritt als Boxer, blieb aber der Boxwelt als Kommentator des französischen Bezahlsenders Canal+ erhalten.

Comeback im Schwergewicht

Mormeck genoss jetzt sein Leben als Boxrentner, engagierte sich für Charity-Projekte und war ein gern gesehener Gast auf jeder Party. Endlich kein monotones Krafttraining mehr, keine Waldläufe in aller Herrgottsfrüh, kein Sparring und kein Trainer, der ihn anschreit, wenn er in der Phase des Intensivtrainings einen BigMac verdrückt, eine zweite Portion Mousse au chocolat futtert oder eine Cola statt Mineralwasser aus dem Automaten drückt!

Einziger Wermutstropfen: In zwei Jahren ohne Wettkampf war der ehemalige Halbschwergewichtler – peu à peu – zu einem Schwergewichtler gereift. Hatte er vor dem Kampf gegen Haye exakt 90,45 kg auf die Waage gebracht, wog er jetzt – bei nur 181 cm Körpergröße – an die hundert Kilo.

Kein Zweifel, Bauch und Hüftspeck mussten weg! Aber wenn er sich schon plagte, warum dann nicht gleich ein Comeback versuchen? War nicht auch der "Haymaker" zwischenzeitlich in die Königsklasse gewechselt, um dort jetzt ungleich höhere Börsen als im Cruisergewicht zu kassieren? Und hatte nicht auch Evander Holyfield zunächst im Cruisergewicht geboxt? Mormeck gab den Rücktritt vom Rücktritt bekannt.

Kurz vor Weihnachten 2009 war es dann soweit. Altmeister Mormeck, auf exakt 97,98 kg getrimmt, trat in der Pariser "Halle Georges Carpentier" nach zweijähriger Ringabstinenz zu seinem ersten Schwergewichtskampf an. Gegner: ein mediokrer, aus New York eingeflogener Italo-Amerikaner, der wie erwartet acht Runden lang seine Nehmerqualitäten unter Beweis stellte, aber selbst in den Schlussrunden, als Mormeck müder wurde, harmlos blieb. Mormeck siegte nach Punkten – das Comeback war geglückt!

Nach einem hauchdünnen Sieg nach Punkten in einem zweiten Kampf hatte sich Mormek nach dem unergründlichen Ratschluss der WBA für einen Kampf um den sogenannten WBA Intercontinental Heavyweight-Titel gegen den in den USA lebenden Usbecken Timur Ibragimov qualifiziert.

Leserkommentare
  1. Rund 10 Millionen Euro für "Fallobst",
    da kann man nicht meckern.

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    • Matths
    • 02. März 2012 9:31 Uhr

    dann soll die Presse doch mal einen geeigneten Gegner hochschreiben.

    Hier im Forum wäre sicher Platz für Anregungen und vorschläge - ich bin jetzt bei Kommentar 16 angekommen mit dem Lesen und habe noch keinen Vorschlag gefunden.

    Was denkt ihr? Wer hätte das Zeug, einen Klischko an den Rand seiner Kräfte zu bringen oder vielleicht zu gewinnen?

    Gruß, Matths

  2. Doch was soll man dazu noch sagen? Es ist genau das Bild, was einen überall begegnet, wenn es um Geld geht. Da es überall um Geld geht, ist auch dieses Bild mehr oder weniger, je nachdem um wie viel Geld es geht, überall vorzufinden.

    Das Resultat ist meiner Meinung, umso mehr Geld im Spiel, desto mehr Inszenierung, Unehrlichkeit und Manipulation.

    5 Leserempfehlungen
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    Gute Unterhaltung darf ruhig Geld einbringen. Dagegen habe ich überhaupt nichts. Ein NBA-Profi verdient eben deswegen soviel, weil er eine gute Show bietet, Millionen vor den Schirmen kleben, Devotionalien kaufen ect. Aber die Jungs müssen sich eine Saison lang jedem Gegner stellen und zwar allen, vom Fallobst bis zum Titelanwärter. Das gilt eigentlich für alle Sportarten, egal ob Fußball, Tennis, Handball oder Einzelsportarten. Beschämend beim Boxen finde ich, dass man sich irgendwann die Gegner aussuchen kann und wenn man geschickt genug ist, weicht man den harten Gegnern lange genug aus und verdient trotzdem genug Geld.

    Boxen interessiert mich demzufolge nicht die Bohne. Ich finde die Klitschkos pottenlangweilig. Gleiches galt übrigens auch für den gelackten Maske. Langeweile pur.

  3. Eine Leserempfehlung
  4. Gute Unterhaltung darf ruhig Geld einbringen. Dagegen habe ich überhaupt nichts. Ein NBA-Profi verdient eben deswegen soviel, weil er eine gute Show bietet, Millionen vor den Schirmen kleben, Devotionalien kaufen ect. Aber die Jungs müssen sich eine Saison lang jedem Gegner stellen und zwar allen, vom Fallobst bis zum Titelanwärter. Das gilt eigentlich für alle Sportarten, egal ob Fußball, Tennis, Handball oder Einzelsportarten. Beschämend beim Boxen finde ich, dass man sich irgendwann die Gegner aussuchen kann und wenn man geschickt genug ist, weicht man den harten Gegnern lange genug aus und verdient trotzdem genug Geld.

    Boxen interessiert mich demzufolge nicht die Bohne. Ich finde die Klitschkos pottenlangweilig. Gleiches galt übrigens auch für den gelackten Maske. Langeweile pur.

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    Nur muss man sich fragen, ob richtig viel Geld damit verdient werden könnte, wenn alles mit rechten Dingen zugehen würde :)

    • timbo4
    • 01. März 2012 19:52 Uhr

    Wer sich Klitschkokämpfe antut möchte verarscht werden. Ich kann die beiden nicht ernst nehmen. Beide sind reines Marketing, so wie Lady Gaga oder Rihanna. Klar sind sie hervorragend ausgebildete Boxer aber diese Tage wären bei weniger peniblem Aussortieren potentieller Gegner schon lange gezählt.

    Dem Autor danke ich für diesen Artikel. Seit Jahren verstehe ich den Hype um die beiden nicht, der sich in Deutschland breitmachte. Wahrscheinlich hängt das auch damit zusammen, dass durch RTL Zuschauergruppen erschlossen wurden, die die ersten nicht mal im TV gespeichert hatten ;).

    • medwed
    • 01. März 2012 20:03 Uhr

    "Devotionalien" kaufen die Fans also. So daneben ist das nicht mal, Sport nimmt nicht selten religiöse Züge an. Da fällt mir nur noch ein: Amen.

  5. Nur muss man sich fragen, ob richtig viel Geld damit verdient werden könnte, wenn alles mit rechten Dingen zugehen würde :)

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nicht ganz"
    • timbo4
    • 01. März 2012 19:52 Uhr

    Wer sich Klitschkokämpfe antut möchte verarscht werden. Ich kann die beiden nicht ernst nehmen. Beide sind reines Marketing, so wie Lady Gaga oder Rihanna. Klar sind sie hervorragend ausgebildete Boxer aber diese Tage wären bei weniger peniblem Aussortieren potentieller Gegner schon lange gezählt.

    Dem Autor danke ich für diesen Artikel. Seit Jahren verstehe ich den Hype um die beiden nicht, der sich in Deutschland breitmachte. Wahrscheinlich hängt das auch damit zusammen, dass durch RTL Zuschauergruppen erschlossen wurden, die die ersten nicht mal im TV gespeichert hatten ;).

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    sieht schon viel besser aus...Sie tun ihr Unrecht!

  6. leider sehr langweilig und absehbar.
    Nach jedem Kampf eine überschwängliche Rede an die Fans und wie schwierig der Gegner und die dazugehörige Taktik etc. war.

    Übrigens haben die Brüder einen sehr unsympathischen Manager.

    5 Leserempfehlungen
    • medwed
    • 01. März 2012 20:03 Uhr

    "Devotionalien" kaufen die Fans also. So daneben ist das nicht mal, Sport nimmt nicht selten religiöse Züge an. Da fällt mir nur noch ein: Amen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Nicht ganz"

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  • Schlagworte David Haye | Wladimir Klitschko | RTL | Porsche | Guadeloupe | USA
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