Podolski-WechselPoldi, Mind the Gap!

Jetzt offiziell: Lukas Podolski versucht sein Glück bei Arsenal London. Kann das gutgehen? Wenn er Folgendes bedenkt, wird der Londoner Fußballalltag zum Heimspiel. von 

Lukas Podolski im Trikot des 1. FC Köln

Lukas Podolski im Trikot des 1. FC Köln  |  © Rolf Vennenbernd/picture alliance/dpa

Günter Netzer tat es, Lothar Matthäus auch, Jürgen Klinsmann sowieso, ebenso Rudi Völler und, na ja, Marko Marin. Wer als begabter deutscher Offensivspieler etwas auf sich hält, wechselt ins Ausland. Um Europa , ach was, der Welt, die frohe Kunde deutscher Fußballfähigkeiten zu bringen. Nun ist es endlich offiziell: Auch Lukas Podolski wird es beim FC Arsenal in London versuchen.

Nicht immer sind derartige Ausflüge erfolgreich. Wer wüsste das besser als Podolski. Schon einmal verließ er Köln und landete in einer Stadt, deren Sprache er nicht verstand, deren Bräuche er nicht kannte, deren Fußball er nicht kapierte. Aus München kehrte Podolski drei Jahre später mit gestutzten Flügeln nach Köln zurück.

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In London wird es anders laufen. Weil England nicht Bayern ist, die Themse nicht die Isar und Arsene Wenger nicht Felix Magath . Vor allem aber weil Podolski nicht mehr Poldi ist. In Sönke Wortmanns Sommermärchen alberte er 2006 mit seinem Kumpel Bastian Schweinsteiger herum, wie zwei Teenager, die das erste Mal ohne Mutti wegfahren durften. Doch Podolski hat sich geändert. Er ist immer noch kein Atomphysiker, wurde aber Vater und erwachsener. Mittlerweile wirbt Podolski für ein Solarenergieunternehmen. Vernünftiger geht nicht. Podolski wurde reif. Reif genug für die Insel, um dort seine Weisheiten zu verbreiten.

Damit das "Projekt UK" auch wirklich gelingt: Drei englische Sätze für Poldi, ein Mini-Sprachführer sozusagen. Mit ihnen wird der Londoner Fußballalltag zum Heimspiel.

Where is your billy goat?– Wo ist Euer Geißbock?

Podolski ist Kult, Podolski braucht Kult. Er will geliebt, betätschelt und ans Herz gedrückt werden. In einem kühlen Club, bei dem es nur um Ergebnisse geht, fühlt er sich so wohl wie ein Kölner auf der Kö. Der FC, der Club der Schunkler und Schwoofer, wusste das und pflegte Brauchtum und Vergangenheit. Auch, weil es mit der Gegenwart nicht so weit her war. Symbol dessen war der Geißbock, der seit den fünfziger Jahren angeleint an der Seitenlinie des Stadions graste (es sei denn, die Maul- und Klauenseuche ging um).

Tradition gibt es auch beim FC Arsenal. Schon 1886 wurde der Club gegründet, doch Arsene Wenger, der den FC Arsenal schon seit 1996 trainiert (in der Zeit verschliss Köln übrigens 18 Übungsleiter und zwei Geißböcke) ist nicht der Typ, der zum Rosenmontagsumzug mit Kamelle um sich schmeißt. Das Maskottchen der Nordlondoner ist nicht aus Ziegenfleisch und -blut, sondern synthetisch. Es heißt Gunnersaurus und ist ein plüschig-grüner Tyrannosaurus Rex mit zu langem Hals. Einen Geißbock wird Podolski nur hier finden:


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Where am I supposed to run, Merte?– Wo soll ich hinrennen, Merte?

Podolski hielt Taktik lange Zeit für Minzbonbons. Stets lief er mit beängstigender Sicherheit in die falsche Richtung. Wenn er denn mal lief. Oft stand er nur an der Seitenlinie, die Hände in den Hüften, und schwitzte kaum mehr als der Geißbock nebendran. Das ist vorbei. Der neue Podolski läuft, und er weiß sogar wohin. Beim FC Arsenal aber ist alles noch ein wenig komplizierter. Hier wurde der Fußball von Arsene Wenger zur Kunstform erhoben. Kein Verein (außer der FC Barcelona ) lässt den Ball so zirkulieren wie die Gunners. Da kann man schon mal den Überblick verlieren. Gut, dass es Per Mertesacker gibt. Allein wegen seiner Körpergröße hat der lange Norddeutsche stets ganz London im Blick. Und er ist schlau genug, Poldi zu sagen, wo er hinzulaufen hat. Mertesacker kommt beim "Projekt UK" sowieso eine besondere Verantwortung zu. Schließlich war er es, der den Stürmer mit seinen SMS nach London lockte.

Mind the Gap!– Guck, wo Du hintrittst!

Podolski ist so etwas wie der Ersatzsohn des kinderlosen Bundestrainers Joachim Löw . Selbst wenn Podolski schlecht spielte oder beim FC Bayern gar nicht spielte, in der Nationalelf konnte er sich den Frust von der Seele ballern. Löw hält viel von seinem Stürmer, legte ihm auch einen Wechsel ins Ausland nahe. Weiterentwicklung und so. Aber der Schritt nach England ist lang. Die Liga ist die wohl beste der Welt, die Konkurrenz bei Arsenal groß. Und dann fahren sie in London auf der falschen Seite, essen Fisch aus Zeitungspapier und sperren ihre Kneipen früh zu. Wenn er aber ein wenig auf sich und die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante achtgibt, wird Podolski es schaffen. Wenn nicht – in Köln werden sie immer ein Trikot für ihn im Schrank haben.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Lukas Podolski | Joachim Löw | Bundesliga | FC Arsenal | Fußball | 1. FC Köln
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