ZEIT ONLINE: Herr Zhadan, haben Sie noch Lust auf die Europameisterschaft?

Serhij Zhadan: Natürlich, ich freue mich immer noch auf die EM, wie viele andere Fußballfans in der Ukraine auch.

ZEIT ONLINE: Sollte die EM in Ihrem Land abgesagt werden?

Zhadan: Ich verstehe, dass Sie diese Frage jetzt stellen. Ich denke darüber nach. Die Ukraine hat derzeit viele politische Probleme. Doch die EM ist in erster Linie eine Fußballfeier, erst dann ist sie auch ein Ereignis, das unsere ökonomischen und politischen Probleme verdeutlicht.

ZEIT ONLINE: Kann man den Sport von den politischen Ereignissen trennen?

Zhadan: Das ist schwer, gerade weil viele Korruptionsfälle der Regierung direkt mit der EM zusammenhängen. Beim Bau der Stadien und der Verkehrswege ist viel schief gelaufen . Deshalb ist die EM auch für viele Ukrainer ein großes Problem. Sie behaupten, es wäre besser gewesen, wenn das Turnier hier nicht stattfinden würde. Unter der jetzigen Regierung haben vor allem die Oligarchen von der EM profitiert.

ZEIT ONLINE: Aber Sie schreiben in Ihrem aktuellen Buch doch auch über die Vorfreude in der Ukraine?

Zhadan: Ja, als wir im Jahr 2007 den Zuschlag für die EM bekamen, war das Land voller Vorfreude. Wissen Sie: Wir sind eine fußballverrückte Nation. Damals war die EM eine große Chance, sich als Land des Fußballs zu zeigen. Doch dann ging es bergab. Heute hat die EM in der Ukraine nicht mehr so viele Fans.

ZEIT ONLINE: Sie sind einer der letzten EM-Fans?

Zhadan: Ich will vorsichtig sein, was ich sage. Ich bin Fußballfan, kein Janukowitsch-Fan.

ZEIT ONLINE: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel überlegt, nicht zur EM in die Ukraine zu reisen . Wie kommen diese Boykott-Überlegungen bei Ihnen an?

Zhadan: Das wäre gut. Noch besser: Wenn alle EU-Politiker der EM fern blieben. Das wäre logisch und auch eine Botschaft an das ukrainische Volk. Es gibt ja noch ein paar Leute, die Janukowitsch glauben. Wenn Europas Politiker die EM boykottieren, würden diese Leute ihre Illusionen verlieren.

ZEIT ONLINE: Gibt es zwischen den Bomben-Anschlägen in Dnjepropetrowsk und der EM einen Zusammenhang?

Zhadan: Ich verstehe nicht, was diese Bomben bedeuten sollen. Das ist etwas ganz Neues bei uns. Wir hatten kein Terrorismus-Problem. Einige Leute vermuten, dass unsere Regierung dahinter steckt, andere sagen, es seien unpolitische Kriminelle gewesen. Ich weiß es nicht.

ZEIT ONLINE: Touristen, die in die Ukraine kommen wollten, könnten nun Angst haben.

Zhadan: Die Sicherheit wird während der EM kein Problem sein. Dafür wird unsere Regierung schon sorgen. Die wollen ihren Ruf durch Anschläge nicht noch mehr belasten.

ZEIT ONLINE: Von wegen Image: Sie wohnen in Charkiw, der Stadt, in der Julija Timoschenko im Gefängnis sitzt. Waren Sei mal dort?

Zhadan: Vor drei Tagen habe ich dort meine Unterschrift für die Freiheit Timoschenkos abgegeben. Aber glauben Sie nicht, hier in Charkiw demonstriere die halbe Stadt. Während des Prozesses waren es einige, jetzt protestieren nur noch wenige vor dem Gefängnis.

ZEIT ONLINE: Interessiert es die Leute nicht, was mit ihrer ehemaligen Revolutionsheldin passiert? Oder hat Timoschenko inzwischen keinen Rückhalt mehr im Volk?

Zhadan: Timoschenko ist keine Autorität mehr im ukrainischen Volk. Sie hat viele Gegner und ist keine Alternative mehr für die Macht. Derzeit haben die meisten Menschen ihre eigenen wirtschaftlichen und sozialen Probleme, sie sind politikmüde. Aber das wird sich ändern. Nach der Europameisterschaft, nach dem Sommer, nach der Urlaubsperiode. Im Herbst haben wir Parlamentswahlen. Davor werden wir in der Ukraine große Demonstrationen und Proteste gegen die Regierung erleben. Im Herbst wird sich alles verändern.

ZEIT ONLINE: Erst Urlaub, dann Revolution?