Es ist eine Nacht im Januar, da hält Zlatan Bajramović nichts mehr im Bett. Er zieht sich die Joggingschuhe an, wirft noch einen Blick auf seinen schlafenden Sohn und läuft los, in das kalte Dunkel hinein. Die Schmerzen in der linken Ferse versucht er sich wegzudenken. Oft kann er nicht mal Treppen steigen, ohne diesen pochenden Schmerz zu spüren, der ihn auch nach vier Operationen an der Achillessehne verfolgt. Bajramović schafft zwei Runden um die Hamburger Binnenalster, er pustet durch und ist glücklich wie lange nicht mehr. Für einige Stunden träumt er davon, wieder Fußball spielen zu können.

Aber die Schmerzen kommen zurück und mit ihnen die Reha-Maßnahmen, Fahrradfahren, Aquajogging, keine sinnvolle Beschäftigung für einen, der Fußball so liebt wie Bajramović.

Als er noch schmerzfrei laufen konnte, galt der gebürtige Hamburger als einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Bundesliga, für Bosnien trug er 35 Mal das Nationaltrikot. Jetzt wehrt sich Bajramović gegen das Karriereende, mit einer Beharrlichkeit, die tragische Züge trägt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er noch einmal zurückkehrt, dürfte so groß sein wie ein Comeback von Gerhard Schröder im Kanzleramt.

Andere hätten schon längst aufgegeben, er ist manchmal nahe dran, aber dann sagt er Sätze wie: "Fußball spielen kannst du, oder du kannst es nicht. Ich könnte hier bei St. Pauli mithalten, zweite Liga, kein Problem."

Sein letztes Spiel in der Bundesliga hat er am 5. Dezember 2009 absolviert, die lange Zwangspause hat das Strahlen aus den braunen Augen des pfiffigen Bosniers vertrieben. Jeden Tag Reha und Arztbesuche, dabei will Bajramović nur auf den Fußballplatz laufen, den Ball hochnehmen, schießen. Mit dieser kindlichen Begeisterung, so ist er als 18-Jähriger in das Profiteam des FC St. Pauli gestürmt. Bajramović ist ein Spieler, bei dem Intuition auf Können, Willen und viel Freude trifft. Den jeder Trainer gerne in seiner Mannschaft sähe.

Bajramovićs Geschichte lässt sich am besten mit der von Ivan Klasnić erzählen. Klasnić ist Kroate, ebenfalls in Hamburg geboren. In der C-Jugend des FC St. Pauli freunden sie sich an, sie sind das Versprechen auf eine bessere Zukunft des Clubs, der Ende der Neunziger nur mit Sponsorenhilfe überleben kann. Mit Klasnić und Bajramović kehrt St. Pauli 2001 überraschend in die Erstklassigkeit zurück.

Die beiden sind wie Brüder, wenn auch grundverschieden: Bajramović hat sich eine unverdorbene Natürlichkeit bewahrt, dem Berater, der ihn entdeckt hat, ist er "treu geblieben". Klasnić verkauft schon als Jungprofi den Mitspielern nach dem Training aus dem Kofferraum heraus Markenschuhe. Schlitzohrig, das ist das Attribut, das dem Filou anhängt. Auch auf dem Platz ist er abgezockt, Aufwand und Ertrag müssen in einem günstigen Verhältnis stehen. Aber er besitzt eine besondere Qualität: "Ivan weiß, wo das Tor steht", sagt sein Fußballbruder. Was Torinstinkt angeht, da komme Klasnić gleich hinter Huntelaar und Gomez.

Als Klasnić im Sommer 2001 zu Werder Bremen wechselt, gehen die beiden nicht auseinander, ohne sich vorher noch ein Versprechen abzunehmen: Am Ende ihrer Karriere wollen sie noch mal gemeinsam am Millerntor auflaufen.

Auch in Bremen findet Klasnić, inzwischen kroatischer Nationalstürmer, das Tor. Mit Werder wird er Meister und Pokalsieger. Bajramović wechselt ein Jahr später nach Freiburg , dann 2005 zum Champions-League-Club Schalke, wo er mit Mesut Özil und Manuel Neuer zusammenspielt. Es ist eine harmlose Sache, die ihn aus der Bahn wirft: Ein entzündeter Zeh, der Ruhe bräuchte. Bajramović ist ein Profi, der nur pausiert, wenn der Arzt ihn dazu zwingt. Vier Mal wird Bajramović am Zeh operiert und muss 18 Monate pausieren. Als Schalke den Vertrag nicht verlängert, wechselt Bajramović im Sommer 2008 zum Ligakonkurrenten Eintracht Frankfurt, für ihn ist es ein sportlicher Abstieg.

Die Glückssträhne ist gerissen: Bei Klasnić wird ein schweres Nierenleiden diagnostiziert, Anfang 2007 muss ihm eine Spenderniere transplantiert werden. Bajramović bekommt im Training einen Schlag auf die Achillessehne, seitdem reist er von einem "sogenannten Spezialisten zum nächsten" und sieht sich inzwischen als Behandlungsopfer. "Es kann doch nicht sein, dass ich nicht mal im Alltag schmerzfrei gehen kann ", sagt er verzweifelt.

Bajramović ist 32, manchmal bewegt er sich wie ein alter Mann. Lustlos kaut er auf Chili con Carne herum, viel Appetit hat er nicht mitgebracht. Trotzdem, ein paar Kilo habe er schon zugenommen. "Aber in drei Monaten könnte ich fit sein, und wenn ich vier Mal am Tag trainieren müsste. Ich brauche den Geruch von frisch gemähtem Rasen und einen Ball um mich herum." Es klingt als habe man einem Schwerkranken lebenserhaltende Maschinen verweigert.