In den Aufgängen der Metrostation Uniwersitetska im Zentrum der ostukrainischen Millionenmetropole Charkiw drängen sich zu fast jeder Tageszeit die Menschen. Ihre Blicke sind zu Boden gerichtet. Kaum jemand spricht. Nur das Rumpeln der einfahrenden Züge und das gleichförmige Rattern der Rolltreppen erfüllen die stickige Luft. Der Weg aus dem Untergrund ins Freie ist beschwerlich.

Umso verblüffender ist der Wechsel von Enge zu Weite. Der U-Bahn-Ausgang führt auf eine zwölf Hektar große Freifläche – Raum für 17 Fußballfelder. Das Auge findet keinen Halt an den Passanten, die über das Pflaster hasten. Einzig Lenin bietet auf einem der größten urbanen Plätze Europas Orientierung. Mit wehendem Mantel und ausgestreckter Hand weist der russische Revolutionär die Richtung. 20 Jahre nach der ukrainischen Unabhängigkeit steht auf dem Freiheitsplatz im Herzen von Charkiw noch immer ein mächtiges Denkmal zu Ehren des ersten Sowjetdiktators.

Im Sommer bekommt Lenin Gesellschaft. "Sie wollen hier die Fanmeile einrichten", erzählt ein Mann, der am Rand des Platzes eine Imbissbude betreibt. "Aber voll wird es bestimmt nicht", fügt er skeptisch hinzu. Drei Vorrundenspiele der Fußball-Europameisterschaft finden in Charkiw statt. Am 13. Juni trifft Deutschland im Stadion des heimischen Spitzenclubs FK Metalist auf die Niederlande . Es ist ein Klassiker, das Duell zweier Titelfavoriten. Doch wenige Wochen vor dem Anpfiff interessiert das Spiel die Menschen in der Grenzregion zu Russland kaum. Die EM ist weit weg. Der Alltag zählt, das Überleben im Hier und Jetzt.

"Wofür soll ich mich begeistern?", fragt der Wurstverkäufer und prophezeit: "Sie werden mich im Juni sowieso vertreiben und das Geschäft unter sich aufteilen." Die Frage, wen er mit "sie" meine, beantwortet er mit einem Blick in den Himmel. "Die Mächtigeren", soll das wohl heißen. Fakt ist: Die Uefa, ihre Sponsoren, die ukrainischen Organisatoren und deren mitunter zwielichtige Partner im Hintergrund bestimmen das Geschehen auf den Fanmeilen. Dagegen ist selbst Lenin machtlos. In einem EM-Imagefilm, mit dem sich Charkiw kürzlich der Welt präsentierte, war die 20 Meter hohe Statue des Revolutionsführers kurzerhand wegretuschiert .

Serhij Zhadan ist all das suspekt. "Hotelbesitzer, Taxifahrer und Geschäftemacher aller Art wollen mit der EM das große Geld verdienen", sagt der Dichter. "Mich nervt das. Ich will den Fußball sehen." Der 37-jährige Schriftsteller mit dem jungenhaften Gesicht ist eingefleischter Metalist-Anhänger. Er liebt den Sport und mitunter schreibt er darüber. Trotz des sonnigen Frühlingswetters bittet er zum Gespräch in eine Kellerkneipe. Das Café Dukat in der Straße des roten Banners ist nicht weit vom Lenindenkmal entfernt. Es bietet ein wenig Schutz vor dem Trubel der Stadt, die ungeachtet der Monumentalarchitektur und der sowjetnostalgischen Straßennamen nach dem Pulsschlag des Kapitalismus lebt.

Zhadan ist in der Region aufgewachsen und in Charkiw zu Hause. Mit seinen Erzählungen über das anarchische Leben in der postsowjetischen Ukraine ist er zur Ikone einer neuen Generation geworden. Seine Bücher sind auf Papier gebannte Roadmovies, etwa wenn sich in dem Charkiw-Roman Depeche Mode drei Jugendliche in verfallenen Industrievierteln auf eine ins Wahnhafte gesteigerte Suche nach einem Freund machen. Die Handlung spielt in den frühen Neunzigern. Seine Hoffnungen setzt der Dichter auf die heute 20- bis 25-Jährigen. "Sie können mit dem Postkommunismus ebenso wenig anfangen wie mit der Konfrontation aus der Zeit der Orangenen Revolution von 2004", sagt Zhadan.

An der Staatsspitze ist das anders. Präsident Viktor Janukowitsch denkt weiter in den überkommenen Ost-West-Kategorien. Charkiw, das die Einheimischen meist russisch Charkow nennen, zählt er zu den Hochburgen seiner prorussischen Partei der Regionen. Die Ausrichtung auf Moskau hat hier Tradition. Nach dem Ersten Weltkrieg war Charkiw die Hauptstadt der im Kreml ausgerufenen Ukrainischen Sowjetrepublik. Im Westen des Landes kämpften die Menschen damals für ihre Unabhängigkeit.

Das Lenin-Monument steht deshalb nicht zufällig auf dem Freiheitsplatz in Charkiw. Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass die prowestliche Oppositionsführerin Julija Timoschenko ausgerechnet hier im Straflager einsitzt. 2004 hatten sie und die orangenen Revolutionäre Janukowitsch gestürzt. Doch bei der Wahl 2010 schlug er zurück und triumphierte über seine Erzfeindin Timoschenko. Kurz darauf entfesselte die vom Präsidenten abhängige Justiz eine Jagd auf die Opposition. Ein Gericht verurteilte Timoschenko schließlich wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft. Die EU spricht von politisch motivierter Rachejustiz.