EM-Stadt WarschauKein elektrisches Licht, aber ein EM-Stadion

Lange war Praga die übelste Gegend Warschaus. Mit der Aufwertung kam auch das neue Nationalstadion. Doch die alten Anwohner fühlen sich vergessen. von 

Das Warschauer EM-Stadion im November 2011

Das Warschauer EM-Stadion im November 2011  |  © Tom Dulat/Getty Images

An jeder zweiten Bude haben die Händler die Läden dichtgemacht. Vor den übrigen Ständen sitzen die Verkäufer auf winzigen Klappstühlen und warten auf Kundschaft. Doch auf dem Basar Różyckiego in der Warschauer Marktstraße herrscht an diesem Vormittag Leere. Das mag am Nieselregen liegen oder am nahen U-Bahn-Bau. Seit die polnische Hauptstadt komplette Straßenzüge sperrt, um die Tunnel für eine zweite Metrolinie zu graben, machen die Menschen einen Bogen um das Zentrum von Praga.

Dabei soll der so lange vernachlässigte Arbeiterstadtteil auf der rechten Weichselseite durch die U-Bahn-Linie 2 besser an das boomende Zentrum der Wirtschaftswundermetropole angebunden werden. Der Lärm einer Ramme dringt herüber. "Sie machen uns mit diesem Gewaltakt noch das letzte Geschäft kaputt", sagt eine hell blondierte Frau, die auf dem Basar Damenkleidung verkauft. Ihre Ware Made in Poland sieht auf den ersten Blick wie chinesische Produktion aus. "Zur Europameisterschaft wird hier auch wieder alles abgesperrt. Den Verdienstausfall ersetzt uns niemand", schimpft sie.

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Praga ist jener Bezirk, der aus Sicht der Stadtväter, der Regierung und der EM-Organisatoren das große Los gezogen hat. Direkt am Weichselufer, nur wenige hundert Meter vom Basar Różyckiego entfernt, steht Polens neues Nationalstadion. Es ist Warschaus weithin sichtbares neues Wahrzeichen. Vom zentralen Schlossplatz auf der anderen Flussseite fällt der Blick ebenso auf die rot-weiß schimmernde Arena wie bei einer Fahrt auf den Schnellstraßen entlang der Weichsel. Am 8. Juni wird in dem imposanten Fußball-Tempel mit der 70 Meter hohen Nadelspitze das EM-Eröffnungsspiel Polen-Griechenland angepfiffen.

Warschau

Die polnische Hauptstadt ist mit mehr als 1,7 Millionen Einwohnern die wichtigste Metropole im östlichen Mitteleuropa. Die politischen und wirtschaftlichen Fäden der Region laufen hier zusammen. Dabei ist Warschau eine vergleichsweise junge Hauptstadt. Erst 1596 verlegte König Sigismund III. seine Residenz von Krakau an die mittlere Weichsel. Ihm zu Ehren steht auf dem Schlossplatz in der Altstadt die berühmte Sigismundsäule.

EM-Touristen sollten sich vom Bäderpark (Łazienki) auf dem legendären Königsweg über die Nobelboulevards Nowy Świat und Krakowskie Przedmieście in die Altstadt begeben. Dort sind zwar alle Häuser und Kirchen nach der kompletten Zerstörung im Weltkrieg originalgetreue Nachbauten. Dennoch lohnt sich die Besichtigung des Unesco-Weltkulturerbes ebenso wie ein Blick vom gigantischen Kulturpalast, dem mit 231 Metern höchsten Gebäude Polens. Auf dem Paradeplatz zu Füßen des sozialistischen Prunkbaus richtet die Stadt ihre EM-Fanmeile ein.
 

Das Stadion

Das Warschauer Nationalstadion (Stadion Narodowy) ist auf den Grundmauern des alten sozialistischen Stadions des Jahrzehnts errichtet worden. Es fasst 55.000 Zuschauer und ist damit zu groß für polnische Ligaspiele. Nach der EM soll der Komplex mit Konferenzräumen, Hotels, Restaurants und einem angegliederten Sport- und Freizeitpark deshalb zur Multifunktionsarena ausgebaut werden.

"Uns hat das Stadion nur Ärger eingebracht", sagt die Basarhändlerin und winkt ab. "Das echte Praga stirbt." Wer den Marktplatz mit seinen angerosteten, windschiefen Metallbuden über den Hinterausgang verlässt, sieht schnell, was die Verkäuferin meint. Auf der Brzeska-Straße reihen sich zerfallene Backsteinbauten aneinander. Sie sind von Einschusslöchern aus dem Zweiten Weltkrieg übersät.

Als die Deutschen Warschau 1944 in Schutt und Asche legten, blieb Praga das Schlimmste erspart. In den Straßenzügen östlich des Flusses stand bereits die Sowjetarmee. "Deswegen gibt es bei uns noch die Häuser aus der Vorkriegszeit", sagt Beata, die mit Mann und zwei Kindern in der Brzeska-Straße lebt.

Seit dem Krieg nicht saniert

Aus dem Hinterhof dringt helles Lachen herüber. Jungen und Mädchen schlagen dort mit Kunststoffröhren aufeinander ein. Es ist ein Spiel. Weiter vorn leuchtet in hellem Blau eine Marienfigur. Ewige Lichter brennen davor. Die winzigen Kapellen sind typisch für die Hinterhöfe in Praga. "Es hilft mir, wenn ich bete", sagt Beata. Der Weg hinauf in die Wohnung führt durch ein finsteres Treppenhaus. Die Holzstufen sind tief ausgetreten. Putz blättert von den Wänden.

"Es gibt hier kein richtiges elektrisches Licht", entschuldigt sich Beata. "Wir haben ja nicht einmal eine funktionsfähige Heizung. Wärmer als 15 Grad wird es bei uns im Winter nicht, auch wenn wir den Backofen mitheizen lassen." Die segensreiche Rettung im Jahr 1944 wurde zum Fluch für die heutigen Bewohner. Seit dem Weltkrieg hat niemand die Häuser in der Brzeska-Straße saniert. Alle Anstrengungen galten dem Wiederaufbau der Altstadt und der sozialistischen Prunkarchitektur im Zentrum.

Die Kommunisten siedelten in Praga seit den fünfziger Jahren all jene sogenannten asozialen Elemente an, die es in einer sozialistischen Volksrepublik nicht geben konnte, weil es sie nicht geben durfte. Auf den Hinterhöfen der Brzeska-Straße, die das heimliche Herz des Stadtteils ist, herrschten Gewalt, Arbeitslosigkeit und Alkoholsucht. Als die staatliche Ordnung in den achtziger Jahren zerfiel, übernahmen Gangsterbanden, Kleinkriminelle und Drogendealer die Herrschaft. Die Brzeska wurde zur übelsten Ecke in der übelsten Gegend der Stadt.

Leserkommentare
    • Peony
    • 02. Mai 2012 11:27 Uhr

    Ich habe eine ganze Weile in Warschau gelebt und kann nur sagen: Dieser Artikel spiegelt die traurige Realität wider. Kaum hat man die Weichsel Richtung Praga überquert, ist man in einer völlig anderen Stadt. Leider muss ich auch zugeben, dass ich vom "Szeneviertel" nie viel mitbekommen habe. Nach wie vor ist es dort nicht ungefährlich und schön schon mal gar nicht... man hat diesen Teil von Warschau wirklich vergessen. Ich würde gerne sagen, dass dahinter keine Berechnung steckt und auch die Praga Stadtteile bald vom Boom in Warschau provitieren werden aber da würde ich lügen. Schon die Linienbusse, die vom Zentrum aus in diese Richtung fahren sind immer die ältesten, die das Depot noch hergibt und Holzbretter halten sie im inneren dort zusammen, wo der Rost die Karosserie schon auffrisst. Es gibt dort zwar eine Shopping-Mall aber was niemand erwähnt ist die Tatsache, dass dort rund ein drittel der Ladenzeilen leer stehen.
    In Polen glauben viele Menschen, dass der Anschluss an die EU viel zu schnell geht und Praga ist der traurige Beweis dafür. Warschau entwickelt sich rasant, zu rasant für manche Menschen. Sie werden einfach vegessen und die Schere zwischen Arm und reich klafft immer weiter auseinander, dabei haben soviel Polen ihre Hoffnungen in den EU Beitritt gesetzt aber die Regierung ist ganz trunken von dem wirtschaftlichen Aufschwung und lässt einen Teil der Bevölkerung gnadenlos hinten über fallen. Dann wird aus Warschau das zweite Moskau...

  1. Es ist nicht unüblich, für so etwas genau so einen Standort zu wählen. Das nennt man den "Bilbao-Effekt". Der Bau des Stadions wird Auswirkungen auf den Stadtteil haben und die Gentrifizierung dort vorantreiben bzw. in Gang setzen.

    Dann ist der Stadtteil nicht mehr "vergessen". Allerdings bedeutet so etwas auch, dass die Mieten steigen und dadurch die Geringverdienenden vertrieben werden. In andere noch "vergessene" Stadtteile.

    Wobei meist über das "Vergessen" genauso laut geklagt wird wie später über die Gentrifizierung.

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    hat gesprochen ...

  2. In allen großen Städten gibt es solche "Zonen".

    Ich glaube auch nicht das es explizit ein Problem von Gering verdienenden ist. Vielmehr ist es wohl eine bestimmte Mentalität, die Menschen in diesem Status gefangen halten.
    Hier sollte man besser mit Psychologie arbeiten.

    Wer in der Welt rum kommt, findet viele "arme" Leute, die aber eine intakte Infrastruktur aufgebaut haben. Von Verkommenheit, keine Spur.

    Umgekehrt verhält es sich bei den Multimilliardären genau so. Dort gibt es auch eine bestimmte Mentalität, die Menschen in diesem Status gefangen halten. Trotz ihrer Milliarden sind sie "arm". Auch eine Art von Verkommenheit.
    Hier sollte man auch besser mit Psychologie arbeiten.

    Enteignungen haben bisher keinerlei Wirkungen gezeigt

  3. Ich verstehe nicht wie man die EM so dunkelrot politisieren kann wie es dieser Artikel versucht.

  4. Der Artikel beleuchtet auch mal die negativen Seiten der EURO, die es ja überall gab. Ich kann mich als Basler an die von der UEFA monopolisierten Fanzonen lebhaft erinnern. Und die negativen Seiten des "Booms" sehe ich in Warschau auch bei jedem Besuch. Der nördliche Teil von Praga auf dem östlichen Weichselufer erweckt tatsächlich den Anschein, als sei die Uhr in den Zwischenkriegsjahren stehen geblieben - bei manchen Strassenzügen jedenfalls. Für manche Szenen von Roman Polanskis Verfilmung "The Pianist" brauchte es gar keine Kulissen mehr, eine geschickte Aufnahme einiger Strassenzüge in Praga reichte.
    Diese vollkommene Zerfallenheit hat wohl nur ihren Charme, wenn man nicht dort lebt, leben muss. Wer den totalen Kontrast erleben will, soll beim Nationalstadion in den südlichen Teil von Praga fahren. Dieser wird nämlich von einer oberen Mittelschicht bewohnt und gilt als Nobel - und Botschaftsviertel. Am Rondo Waszyngtona direkt vor dem Stadion treffen dann Diplomaten auf Obdachlose, Leute aus der Brzeska-Strasse auf Manager und im Juni vielleicht Kinder oder Enkelkinder von Mitgliedern der Roten Armee, welche an jenem Ort kein Fussballspiel anschauen durfte, sondern mitanschauen musste, wie das Paris des Ostens auf der anderen Flussseite von den Nazis in Schutt und Asche gelegt wurde.
    Wer mehr über Warschau und 2012 lesen will:
    http://www.tageswoche.ch/...

    • zorano
    • 02. Mai 2012 14:32 Uhr

    Praga sieht nicht schlechter aus, als die meisten ostdeutschen Städten vor der Wende aussahen und wie manche bis heute aussehen. So etwas von Prenzlauer Berg ist auch dort zu fühlen. Unglücklicherweise wurde Warschau so detailliert von deutschen Besatzern zerstört, daß auch so viele Jahren nach dem Krieg vieles noch zu tun ist. Einen Geldregen gab es nach dem Krieg und auch nach der Wende nicht. Wer vor der Wende Warschau gesehen kann, kann nur staunen, wie viel in so kurzer Zeit gemacht wurde. Die Polen sind die echten Meister des Lebens und der Begriff „polnische Wirtschaft“ hat heute einen ganz anderen Stellenwert.

  5. @zorano: da kann ich eigentlich nur zustimmen. Ein Marshall-Plan für Polen wurde von Moskau begraben. Das hätte ja auch bedeutet, dass das Moskauer Imperium Hilfe von den USA annehmen müsste, also Stalin und Co sich de facto höchstpersönlich diskreditieren würden.
    Dafür, dass die gesamte Infrastruktur des Landes während des Zweiten Weltkrieges und der späteren Besatzung durch Sowjetrussland um mindestens ein Jahrhundert zurückgeworfen wurde, sieht es heute gar nicht so schlecht aus.
    In der Politik und im Volk wird zwar viel von links und rechts und aus der Mitte polemisiert. So oder so. Es hat sich viel getan. Wer erwartet, dass durch einen EU-Beitritt fertige Autobahnen, Schnellzüge, U-Bahnen, Restaurationen und sonstige erfreuliche Sachen vom Himmel fallen, der täuscht sich.
    Ein tiefgreifender Wandel findet zudem nicht nur in der Infrastruktur statt, er muss auch die Gesellschaft, das Bildungssystem, die Werte, die Medien, die Kirche und die Politik erfassen. Oder: Einkaufszentren machen Polen noch nicht modern. Einen Wertewandel nach vierzig Jahren Hirnwäsche kann auch kein potenter Investor herbeiführen, das muss die Zeit richten. Da man rückwärtsgerichtete, pseudo-nationalistische, kapitalistisch angehauchte klerikale Fanatiker wie den Pater Rydzyk oder Jaroslaw Kaczynski irgendwie demokratisch und rechtstaatlich akzeptieren muss, wird die Zeit zeigen, wohin Polen steuert.
    Der Erdrutschsieg von Palikot zeigt, dass viele Polen etwas Neues wollen.

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    "Einen Wertewandel nach vierzig Jahren Hirnwäsche kann auch kein potenter Investor herbeiführen, das muss die Zeit richten."

    Hirnwäsche in Polen? Wenn man an die 80-er Jahre denkt, kommt man schnell zu der Ansicht, dass sie nicht besonders gründlich war.

    Die Werte von früher waren nicht alle schlecht und die von heute sind nicht alle gut.

  6. "Einen Wertewandel nach vierzig Jahren Hirnwäsche kann auch kein potenter Investor herbeiführen, das muss die Zeit richten."

    Hirnwäsche in Polen? Wenn man an die 80-er Jahre denkt, kommt man schnell zu der Ansicht, dass sie nicht besonders gründlich war.

    Die Werte von früher waren nicht alle schlecht und die von heute sind nicht alle gut.

    Antwort auf "@zorano"

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