ZEIT ONLINE: Herr Sörgel , wenn Sie der Bundestags-Sportausschuss das nächste Mal als Experten einlädt, fahren Sie wieder hin?

Fritz Sörgel: Die werden mich nicht mehr einladen. Aber ich würde wieder hinfahren und meine Haltung noch klarer, kompromissloser und rigoroser vertreten.

ZEIT ONLINE: Sie stellten dort Ende März, zusammen mit dem Juristen Georg Engelbrecht vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS), fest, die Blutmanipulations-Fälle von Erfurt seien Doping.
 

Sörgel: Ja, aber Klaus Riegert, der Obmann der CDU /CSU-Fraktion, sagte sofort, das sei ein parteiisches Gutachten. Ja, Entschuldigung, ich glaube, Herr Riegert weiß überhaupt nicht, was der Sinn eines Gutachtens ist. Es geht darum die Sachlage ausgewogen darzustellen, um dann Schlussfolgerungen zu ziehen. Nichts anderes habe ich gemacht. Riegerts Einwurf war eine echte Beleidigung und hat mich in Rage versetzt.

ZEIT ONLINE: Dann wurde der Ton rau.

Sörgel: Herr Riegert nannte mich einen Apotheker, er benutzte das als Schimpfwort. Dabei haben Apotheker eine breite medizinische Ausbildung und sind für Dopingfragen sehr gut geeignet. Das war flegelhaft, das gehört sich nicht. Das fand ich unerträglich. Diese Sitzung hat mich nachhaltig verändert.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Sörgel: Einige Kollegen von Ihnen haben mich ja vorgewarnt. Auch mein Kollege Perikles Simon wurde damals im Ausschuss abgebürstet und geht dort nicht mehr hin. Ich habe jetzt im Nachhinein mal gegoogelt, was der Sportausschuss für eine Geschichte hat . Zum Beispiel, dass er nicht öffentlich tagen will. Die Sitzung hat gezeigt, warum. Mir ist da einiges klar geworden. Es passt halt alles zusammen.

ZEIT ONLINE: Was denn?

Sörgel: Man will dort keine Leute haben, die das Thema Doping angehen und eine harte Haltung vertreten. Die Koalition im Sportausschuss hat überhaupt kein Interesse am Anti-Doping-Kampf, das hat man klar gemerkt.

ZEIT ONLINE: Gleiches wurde kürzlich in einem Offenen Brief von Anti-Doping-Kämpfern an die Bundesregierung angeprangert. Warum lässt die Politik es so schleifen?

Sörgel: Die Bedeutung des Sports für die Gesellschaft wird immer wichtiger. Es steckt auch viel Geld drin. Und die Politik wagt es nicht, gegen dieses Sportsystem vorzugehen, Politiker sonnen sich lieber im Erfolg des Sports. In dem Brief steht auch ganz richtig: "Das System duldet Doping, aber keinen Dopingfall". Herr Riegert nannte den Brief im Deutschlandfunk einen schlechten Scherz. Da bekam ich eine Sauwut. Das ist eine Beleidigung und zeigt diese Grundhaltung, diese Arroganz, die verdienten Anti-Doping-Kämpfer zu diskreditieren. Einige von ihnen wurden mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, die haben es gar nicht nötig, sich so beschimpfen zu lassen.

ZEIT ONLINE: Warum ist denn die Blutentnahme, UV-Bestrahlung und die anschließende Reinfundierung nun Doping?

Sörgel: Wenn wir davon ausgehen, dass es bei den Sportlern relativ selten gemacht wurde und dass wirklich nur 50 Milliliter Blut behandelt wurden, dann sagen Ihnen von 100 Medizinern 97 oder 98, dass das nichts bringt, dass das Humbug oder Scharlatanerie ist. Die Naturheilkundler mal abgezogen.