José Mourinho während des Liga-Spiels gegen Villarreal CF © David Ramos/Getty Images

Die Fußballwelt trennt in gute und böse Vereine, sie teilt auch in gute und böse Trainer. Das hat mit deren Erfolg zu tun, aber auch mit ihrer Mentalität. Zu beobachten bei den beliebtesten Trainern Deutschlands: Joachim Löw, der alles in notorisch flachen Hierarchien geräuschlos durchanalysiert. Und in Dortmund kumpelt Jürgen Klopp mit volkstümlichem Frohsinn, den man aus Bau- und Elektrofachmarktwerbung kennt: Jeder kleine Sieg, ob nun über eine Rohrverstopfung, die unverbindliche Preisempfehlung oder eben ein 1:0 über Nürnberg, ist ein "geiles Gefühl". So viel heiterer Zeitgeist kommt gut an.

Wollte man diese Liste erweitern, stünden dort Alex Ferguson wegen seiner sympathisch rotgesichtigen Sturheit, Arsene Wenger bewundert man für seine intellektuelle Größe, Otto Rehhagel für sein großonkeliges Geknöter und Josep Guardiola für eine Eleganz, die der Kunst seines FC Barcelona angemessen ist. Die erfolgreichste Trainerfigur des vergangenen Jahrzehnts steht hingegen auf der Sympathieskala ganz unten. Über José Mourinho , derzeit in Diensten von Real Madrid , heißt es: Er sei eine Schande für den Fußball.

Es hängt aber davon ab, wen man fragt. Über den Portugiesen kursieren auch die wundersamsten Weisen. Eine besonders schöne geht so: Auf dem Trainingsplatz des FC Chelsea schießen die Spieler auf einen 30 Meter entfernten Ball. Als niemand trifft, ist Mourinho an der Reihe. Auch sein Ball rauscht weit vorbei, da fliegt ein anderer aus dem Nichts heran und lenkt seinen aufs Ziel. Noch heute erzählt der Spieler Joe Cole ehrfurchtsvoll von diesem Tag, wenn es um seinen ehemaligen Trainer und dessen angebliche Magie geht. Fast alle Spieler, die Mourinho in seiner Laufbahn betreut hat, kennen so einen Moment, und von diesen berichten sie mit Bewunderung. Zlatan Ibrahimovi ć , damals unter Mourinho bei Inter Mailand , sagte etwas brachial: Für ihn hätte er töten können.

Man könnte glauben, es geht um Krieg

Aber dann ist da das öffentliche Bild. Dort steht ein graumelierter Mann am Spielfeldrand, im Designermantel, mit entrücktem Blick. Das ist der andere Mourinho. Dieser Mourinho tobt nach jedem Gegentor, nach jedem Foul, nach jeder Ecke, die in seinen lodernden Augen ein Abstoß war. Nach Treffern seiner Mannschaft rennt er nicht selten zur Trainerbank der anderen und ruft: Ich hab`s euch doch gesagt!

Dieser zeternde Mourinho ist so etwas wie die Reizfigur des internationalen Fußballs. Von ihm sprechen Trainer, Schiedsrichter und Funktionäre kaum mit Bewunderung. Niemand hassen sie lieber als den 47-Jährigen. Wer Mourinhos Theatralik an der Seitenlinie verfolgt, kann den Eindruck bekommen, hier ginge es nicht darum, dass elf Spieler einen Ball ins Tor schießen. Man könnte glauben, es ginge um etwas Existenzielles. Um Krieg.

Man muss nur auf die Schlagzeilen gucken: Mourinho stänkert, Mourinho höhnt, Mourinho flucht, Mourinho ist sauer, Mourinho tobt, Mourinho mobbt, Mourinho motzt, Mourinho provoziert, Mourinho greift Reporter an, neulich: "Mourinho verwandelt Real Madrid in eine Sekte." Weiter: "Brandstifter" ( Spiegel ), ein "Giftmischer" ( Faz ) und "Feind des Fußballs" (Uefa). In einem Geschäft, in dem das hysterische Reden über den Sport längst wichtiger ist als der Sport selbst, in der jede Seelenregung auf einer Pressekonferenz ausgedeutet wird, da kommt eine hysterische Figur wie Mourinho wie gerufen. Die Hybris, mit der er seiner Arbeit nachgeht, ist vielen verdächtig.

Als er mit dem FC Porto den Uefa-Pokal gewonnen hatte, bat er um einen Sitzplatz, der anderthalb Meter über allen anderen thront. Eine Saison später gewann er die Champions League.  Als ganz Europa über den Erlebnisfußball von Barcelona staunte, schmiss Mourinhos Inter Mailand die Spanier mit Ergebnisfußball aus der Champions League und gewann sie hernach zum zweiten Mal. Jedes Tor seiner Mannschaft nimmt er als Beweis seiner strategischen und grundsätzlichen Genialität, die er als "Auserwählter" stets betont. Selbst ein 4:0 gegen einen hoffnungslos unterlegenen Abstiegskandidaten feiert Mourinho so, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. Als er den FC Chelsea übernahm, sagte er, er sei etwas Besonderes, in der Erbfolge gleich nach Gott.