Thomas Müller bei einem typischen Torjubel © Christof Stache/AFP/Getty Images

Alles begann mit einem 38-Jährigen. Roger Milla hatte seine besten Jahre hinter sich, als der Stürmer aus Kamerun der Fußballwelt ein Erbe hinterließ. Vier Tore schoss er bei der WM 1990. Doch anstatt sich kurz zu freuen und wieder zur Mittellinie zu traben, strebte Milla nach seinen Toren gen Eckfahne und führte den Makossa-Tanz auf, damals in den Städten seiner Heimat Kamerun ein großes Ding. Die Mitspieler schauten irritiert, die Fans jauchzten, die Presse war verzückt. Die Sache mit dem Torjubel war nicht mehr einzufangen.

Seitdem wird an Daumen genuckelt , an Ohren geschraubt , auf Wappen gesabbert . Babys werden geschaukelt , Herzen geformt , Saltos geschlagen . Es gibt die Eheringküsser , Raketenwerfer und Aushilfstoreros . Die Trainerbespringer , Rückennummernzeiger und Eckfahnengitarristen .

Stürmer, die nur den Ball über die Torlinie drücken, drehen wild gestikulierend ab, als hätten sie soeben den Vertrag ihres Lebens unterschrieben. Erfolgreiche Elfmeterschützen jubeln so durchchoreographiert, dass man sich fragen muss, wie sie sich vor lauter Aufregung überhaupt auf den Strafstoß konzentrieren konnten.

Jubler brachen sich Mittelfüße, Schienbeine und Arme, dehnten sich Bänder, fügten sich gegenseitig Platzwunden zu oder rissen sich Ringfinger ab. Unzählige Unterhemden wurden mit Grüßen an Gott, die Gattin oder den Gärtner beschmiert. Giovane Elber wickelte sich vor Freude in einen Werbeteppich , in Brasilien kletterte einer den Pfosten hoch und feierte im Stehen auf der Torlatte.

Der Torjubel ist zum Selbstzweck geworden. Nicht der Sport, die Tore also, bleiben hängen, im kollektiven Fußballgedächtnis, sondern deren Zelebration, die Show. Echte Freude wurde in den vergangenen 20 Jahren zu kalkulierter Ekstase.

Nicht zufällig begann die exzentrische Jubelei Anfang der Neunziger, als sich das Privatfernsehen anschickte, die Wohnzimmer zu erobern. Alle Bereiche der Gesellschaft wurden boulevardisiert, der Fußball mehr als andere. Es scheint, als ob die Macher der Fußball-Show ran damals die Reaktionen von Uli Hoeneß auf Tore und Gegentore für aufregender hielten, als das Spiel selbst.

Die Spieler verstanden die Botschaft, sie mussten auffallen. Sie wandelten sich zu Ich-AGs, zu Selbstvermarktern, immer auf der Suche nach einem besseren Vertrag. Sie wurden zu Schauspielern, die wussten, dass sie die Bühne nur im Moment des erfolgreichen Torabschlusses für sich allein haben.

Deshalb laufen sie ihren Mitspielern davon, schubsen sie weg, reißen sich los, auf dem Weg zur Kamera. Und machen damit das Unsportlichste, was man in einem Mannschaftssport machen kann. Sie negieren die Leistung ihrer Kollegen. Niemand schießt ein Tor allein. Das Mehr an künstlichen Gefühlen ist in Wahrheit ein emotionales Armutszeugnis.

In Zeiten von YouTube und Co. können selbst unterklassige Stolperkönige zu Torjubelstars werden. Auf verwackelten Handyvideos sieht man, wie sich das Aufgeblase der Profis auch auf sie überträgt. Ein Spieler aus der dritten finnischen Liga verkleidete sich nach seinen Toren als Shakira, Amy Winehouse, Lady Gaga oder Axl Rose , mit Perücken und Hemdchen, die er vor den Spielen unter einer Werbebande deponierte.

Er ist mittlerweile ebenso ein Internetstar wie die Mannschaft aus Island, die in ihre Torjubel wohl mehr Kreativität einfließen lässt als in ihre Angriffe. Da wird geangelt, aufs Klo gegangen, Fahrrad gefahren und eine Geburt simuliert. Das ZDF-Sportstudio fand es so lustig, dass es die Isländer nach Mainz einlud. Um ihren neuesten Torjubel zu präsentieren, mussten sie allerdings den Ball durch das Loch der Torwand schießen. Sie schafften es erst in einem Zusatzversuch. Aus einem halben Meter Entfernung.

Muss man sich wegen all dem sorgen? Muss man das Ende der Ehrlichkeit fürchten? Mitnichten. Die Konterrevolution ist schon da. Und sie spielt sich ausgerechnet beim FC Bayern München ab, dem Krösus der Liga, dem Liebling der Boulevards, dem ehemaligen FC Hollywood. Vorreiter der Bewegung ist Thomas Müller . Der Bajuware sieht mit seinen dünnen Beinchen, den heruntergezogenen Stutzen und seinen unorthodoxen Bewegungen nicht nur aus wie ein Kreisligakicker, er freut sich auch wie einer.