Zu Besuch in Moskau: Jan Frederik Werndl, ein neunjähriger Anand-Fan, mit seinem Trainer Hans-Walter Schmitt © Ulrich Stock

Im Halbdunkel des Zuschauerraums kann man den Jungen kaum sehen, er verschwindet fast in seinem Sitz. Aber Jan Frederik Werndl, neun Jahre alt, aus Schwalbach in Hessen , hat es tatsächlich geschafft. Er ist bei der Schachweltmeisterschaft in Moskau . Jetzt kann er seinem Idol Anand aus nächster Nähe die Daumen drücken. Von Jan Frederik zu "Vishy" sind es keine zwanzig Meter, vom Taunus nach Moskau zweitausend Kilometer.

Anands jüngster Fan wird er nicht sein, denn wahrscheinlich krabbeln in Indiens Krippen noch wesentlich jüngere Fans herum. Im WM-Saal sind zudem viele, teils sehr kleine Kinder zu sehen. Sie rücken klassenweise oder mit ihren Schachvereinen an. Manche kommen auch nur mit Vater oder Mutter.

Jan Frederik hat seine ganze Familie mitgebracht. Petra und Thomas, die Eltern, und Charlotte Leonie, seine zwei Jahre ältere Schwester. Sie gucken jetzt alle Schach, auch wenn sie nicht solche Kenner sind wie er, der an jedem Mittwochnachmittag von drei bis fünf zu den Chess Tigers nach Bad Soden geht, um zu trainieren.

Wie viele sie da sind? Jan Frederik überlegt und nimmt die Finger zur Hilfe beim Nachzählen. Acht! Ein paar seien älter als er, einige jünger, und Hans-Walter sei ihr Trainer.

Hans-Walter ist auch in Moskau. Aber er kam schon her, bevor die Weltmeisterschaft begann, und er wird bis zu ihrem schönen oder bitteren Ende bleiben. Denn Hans-Walter Schmitt, sechzig Jahre alt, ist der Delegationsleiter vom Team Anand. Als früherer Siemens-Manager weiß er, wie man in einer harten internationalen Konkurrenz besteht, als erfolgreicher Turnierveranstalter kennt er den Schachbetrieb. Als Mann aus Bad Soden hat er seinen Freund Viswanathan Anand für den Taunus begeistert. Der Weltmeister besitzt dort seit Jahren eine Wohnung; dort hat er sich auf den Titelkampf vorbereitet.

Und so geschah es vor einigen Wochen, dass Jan Frederik Werndl zufällig oder auch nicht Viswanathan Anand traf. Der Junge kam gerade von einem Schachkampf mit seiner Mannschaft, der Weltmeister aus einem Restaurant, da standen sie sich gegenüber. Vishy gab Jan die Hand und gratulierte ihm, weil er gewonnen hatte. Der fand das cool, dann hat er sich von seinen Eltern zur Kommunion einen Ausflug nach Moskau gewünscht, zur Schach-WM, um seinem Helden nahe zu sein und ihn zu unterstützen.

So sind sie nun da, vier Tage lang, über Himmelfahrt bis Sonntag, die Mutter sorgt sich ein wenig wegen des Wetters. Am Donnerstag ist es so schön, fast hochsommerlich, danach solle es regnen, ob man nicht lieber die Stadt anschauen wolle als im Dunkeln zu sitzen? Aber eine Stunde bekommt Jan Frederik von seiner Delegationsleitung natürlich zugestanden.

Ohne einen Kommentar zur noch laufenden Partie dürfen wir ihn nicht entlassen. "Komisch", findet er die von Herausforderer Boris Gelfand gewählte Sveshnikov-Variante , "die Eröffnung sehe ich so gut wie nie". Er hielt es bislang mehr mit den Klassikern, Italienisch zum Beispiel, Springer und Läufer raus und dann mal gucken.