Vermutlich mehr als zwanzig Millionen Deutsche werden am Samstag im Fernsehen dem FC Bayern im Champions-League-Finale zuschauen. Doch es ist gut möglich, dass sie die bayerischen Spieler auch vor und nach der Partie sowie in der Halbzeit auf dem Bildschirm sehen. Denn die Bayern machen Fernsehwerbung für bwin , einen Onlinesportwettenabieter mit Sitz in Gibraltar .

Sportwetten machen schnell süchtig

Zwei Werbespots liefen zuletzt regelmäßig auf verschiedenen privaten Sendern. In dem einen machen Uli Hoeneß , Karl-Heinz Rummenigge und Finanzchef Karl Hopfner Pokerfaces, sie wirken wie halbseidene "Men in Black". In dem anderen sitzen Arjen Robben , Thomas Müller , Mario Gomez, Holger Badstuber , Toni Kroos und Manuel Neuer an einer Art Spieltisch und reißen coole Sprüche. Es folgt jeweils die dunkle Stimme aus dem Off: "Willkommen in der größten Sportwettenarena der Welt!" Nur im Kleingedruckten folgt auf dem Bildschirm ein kurzer Hinweis auf Suchtrisiken, die von Sportwetten ausgehen, auf das nötige Teilnahmemindestalter und eine Therapiestelle.

"Das ist originelle Werbung", sagt Gerhard Meyer, "doch sie ist sehr problematisch, weil sie suggeriert, dass Wetten nur ein Spiel ist, wie beispielsweise Fußball". Meyer ist Experte für Spielsucht an der Universität Bremen, er hält die Krankheit für gesellschaftlich unterschätzt: Eine aktuelle Studie zählt in Deutschland 264.000 problematische und 275.000 pathologische Spieler. Auch in der Bundesliga ist das Phänomen bekannt, der ehemalige St.Pauli-Profi René Schnitzler hat im Vorjahr Einblicke in sein Zockerleben und das der Branche gegeben.

"Die Onlinesportwette ist im Spielsucht-Ranking hoch angesiedelt", sagt Meyer. Die rasche Abfolge immer neuer Wettoptionen habe hohes Suchtpotenzial. Auf den Webseiten internationaler Anbieter kann man in Sekundenabständen täglich auf eine vierstellige Zahl von Sportereignissen aller Art tippen. Auch auf Details, etwa wer den ersten Einwurf erhält oder die erste Gelbe Karte sieht. Experimente haben gezeigt : Fußballfans überschätzen ihr Wissen. Zwar tippen sie bei Sportwetten tatsächlich besser als Laien, verlieren aber trotzdem Geld.

36.000 Euro in zwei Tagen verzockt

Spielsuchtexperte Meyer, der als forensischer Gutachter bei Strafprozessen gegen Süchtige fungiert, findet, dass bwin den Süchtigen den Wiedereinstieg zu leicht mache. So ließ ein 21-Jähriger sein Wettkonto sperren, überlegte es sich aber nach drei Wochen anders. Also eröffnete er unter gleichem Namen und mit gleichem Bankkonto ein Zweitkonto bei bwin. Nur die E-Mail-Adresse musste er tauschen. Zwei Tage später hatte er 36.000 Euro verzockt.

Fußballprofis sind Idole für die Jugend. Vereine, Verbände und Spieler sollten daher auf Werbung für Glücksspiele verzichten, findet Meyer: "Bayern München und der DFB müssen das Problem erkennen und ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden." Vor etwa einem Jahr traf er sich mit dem DFB zum Gedankenaustausch über Spielsuchtprävention. Maßnahmen sind nicht erfolgt.

Es gibt einen zweiten Aspekt, der über die aktuellen Bayern-Spots wundern lässt: Werbung für Sportwetten ist illegal. Das besagt der Glücksspielstaatsvertrag: In Deutschland dürfen nur staatliche Anbieter Glücksspiele anbieten, zum Beispiel Oddset . Im Fernsehen werben darf Oddset nicht, bwin erst recht nicht.

 Unklare Rechtslage und Manipulationsgefahr

Allerdings steht der Glücksspielstaatsvertrag zur Debatte, seit der Europäische Gerichtshof ( EuGH ) im Jahr 2010 Bedenken am Staatsmonopol äußerte. Eine Reform ist für Juli geplant, doch ihr Zustandekommen ist fraglich. Viele Politiker verfolgen eine Doppelmoral, weil sie auf der einen Seite Spielsucht eindämmen wollen, aber gleichzeitig auf die Einnahmen aus dem Zockergeschäft angewiesen sind. Schleswig-Holstein hat im Januar als einziges Bundesland das Staatsmonopol sogar aufgehoben.

Während sich RTL und die Öffentlich-Rechtlichen Sender an das Werbeverbot halten, nutzen Sport1 und Sky die diffuse politische und rechtliche Lage: Zwar hat das EuGH nicht zur Werbung für Glücksspiele geurteilt, doch argumentieren die beiden Sender, dass mit dem Staatsmonopol auch das Werbeverbot unzulässig und unwirksam sei.

Unklare Rechtslage und Profitinteressen

Eine unhaltbare Position, findet die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Medienanstalten (ZAK), die die Privatsender kontrolliert. Sie hat die Werbeverstöße von Sky und Sport1 beanstandet . Der ZAK-Vorsitzende Thomas Fuchs sagt: "Das Werbeverbot für Glücksspiel ist geltendes Recht. Wir erwarten von den Programmveranstaltern, dass sie sich daran halten." Doch die Sender haben Rechtsmittel eingelegt, die ZAK hat derzeit keine Handhabe. Die Sender nutzen die Grauzone und spielen auf Zeit.

Die offensive Haltung Bayern Münchens gegenüber Sportwetten bekommt außerdem aus einem dritten Grund eine bedenkliche Note: Immer wieder hört man von Wettmanipulationen im Fußball, der Weltverband Fifa spricht vom größten Problem für den Sport. In der Türkei und Italien befassen sich aktuell Gerichte mit Fällen von Spielabsprachen in den höchsten Ligen.

Dem deutschen Fußball sind der Hoyzer-Skandal aus dem Jahr 2005 und der Wettskandal vier Jahre später noch im Gedächtnis. Auch um Bayern München gab es mal ein Gerücht, das sich allerdings nicht erhärten konnte: Spanische Ermittlungsbehörden hatten russische Mafiabosse abgehört , wie sie damit prahlten, das Uefa-Cup-Spiel St. Petersburg gegen Bayern im Mai 2008 manipuliert haben wollen.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein Champions-League-Finale manipuliert wird. Für die Spieler steht sehr viel auf dem Spiel, sie sind ohnehin reich, alle Welt schaut zu. Doch im Vorjahr verzeichnete das Finale zwischen Barcelona und Manchester angeblich einen globalen Wetteinsatz von rund einer Milliarde Dollar .

Der Grund für das Interesse an Werbung für Sportwetten ist simpel. Sie sind ein Wachstumsmarkt, gerade in Deutschland erkennt nicht nur bwin große Marktchancen. Bayern München dürfte daher nur ein Vorreiter sein, andere Bundesligisten planen ähnliche Werbekampagnen. Spricht man mit Vertretern des Fernsehens, wird deutlich, dass ihnen Spielerschutz und Prävention ziemlich egal sind. Vermutlich wird der Markt ohnehin bald liberalisiert, die Glücksspiellobby ist mächtig.

Offenbar auch die des FC Bayern, der in dieser Saison bei Bundesligaspielen ohne Rechtsgrundlage bwin-Bandenwerbung schaltete. Für den Betrüger Hoyzer hatte Uli Hoeneß damals Knast gefordert (dem wurde entsprochen), auch sonst ist er oft zu moralischen Urteilen bereit. Für eine Stellungnahme in der Wettfrage war er, wie der DFB, nicht zu erreichen. Ob Sky einen der beiden Bayern-bwin-Spots morgen ausstrahlen wird, kann der Sender jedenfalls nicht ausschließen.