Champions-League-FinaleDer Fußball-Unfall

Von wegen der Bessere gewinnt und Engländer können keine Elfmeter: Chelseas Finalsieg gegen Bayern wirbelt die Fußballklischees durcheinander. von 

Bastian Schweinsteiger nach seinem Fehlschuss

Bastian Schweinsteiger nach seinem Fehlschuss  |  © Federico Gambarini/picture alliance/dpa

Sie fielen einfach um. Einer nach dem anderen. Wie beim Domino. Zuerst sackte Bastian Schweinsteiger in sich zusammen, dann Robben , van Buyten, Timoschtschuk, Boateng. Innerhalb weniger Sekunden lag eine ganze Fußballmannschaft im Mittelkreis. Nur Mario Gomez blieb stehen, starrte vor sich hin. Und Philipp Lahm , der zu den Schiedsrichtern ging, die Hand gab, danke, tschüs.

Rings um das Bayernhäuflein liefen die Chelsea-Spieler kreuz und quer über den Platz, schreiend und mit ausgebreiteten Armen. Einige stolperten beinahe über die Verlierer. Vier, fünf englische Fans machten gar den Düsseldorfer . Sie hatten es an den Ordnern vorbei aufs Feld geschafft, klatschten mit freiem Oberkörper ihre Heroen ab. Sie feierten, weil Didier Drogba ihnen mit dem elften Elfmeter dieses epischen Abends nicht nur den wichtigsten europäischen Vereinspokal, die Champions-League-Trophäe, gesichert hatte, sondern auch die Fußballwelt auf den Kopf stellte.

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Das Problem am Sieg des FC Chelsea ist nicht allein der Sieg des FC Chelsea, sondern vor allem die Art und Weise. Er ist unverdient, mehr als das, eigentlich war er eine Farce. Dass sich die Londoner jetzt beste Mannschaft Europas nennen dürfen, wird als Fußball-Unfall in die Geschichte eingehen.

Bayern München war über 120 Minuten in jeder Phase besser als die nun beste Mannschaft Europas. Vor einer Woche, als einige Bayern-Spieler ähnliches nach dem DFB-Pokal-Finale sagten, war ein gehöriger Schuss Subjektivität dabei. Diesmal nicht. Der Statistikzettel, ein Ausbund an Objektivität, verzeichnete 35 zu 9 Torschüsse, 20 zu 1 Ecken. In keinem Champions-League-Spiel dieser Saison schoss der FC Bayern häufiger aufs Tor und trat mehr Ecken als in diesem Finale, nicht mal beim 7:0 gegen Basel.

  Wie in einem schlechten Film

So haderten nach dem Spiel die Großen des Sports mit dem Schicksal. Fast konnte man meinen, einige forderten eine Neuansetzung. "Fußball ist einfach nicht gerecht. Unfassbar", sagte der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. "Das war eine der bittersten Niederlagen überhaupt", fügte Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer an. Uli Hoeneß sagte, er wisse noch nicht, wie er das verarbeiten könne. Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger kam sich vor "wie in einem schlechten Film".

Christian Spiller
Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Doch was nützt das Klagen? Der FC Chelsea war mit dem Ziel angereist, möglichst wenig mit dem Fußballspiel zu tun zu haben. Sie lehnten sich in ihren Schaukelstühlen rund um den Strafraum zurück, sie sind ja alle schon etwas älter, und schauten sich ihr Endspiel an. Schon in den beiden Halbfinals ging Chelsea so ultradefensiv zu Werke, dass die Künstler vom FC Barcelona irgendwann entnervt den Pinsel in die Ecke schmissen. Auch den FC Bayern ließen die Londoner machen. Nur im eigenen Strafraum, da war Schluss.

So konnte sich Chelseas Trainer Roberto Di Matteo nach dem Spiel von den englischen Pressevertretern zwar auf die Schultern klopfen lassen, musste aber auch eine kritische Frage beantworten. Warum seine Mannschaft so unansehnlich spiele. "Man muss das Beste aus dem machen, was man hat. Das haben wir gemacht. Und deshalb waren wir erfolgreich", sagte Di Matteo in freundlichem Ton und wusste ein 62 Zentimeter hohes, silbernes Argument hinter sich. "Ich verstehe, dass Sie eine andere Meinung über unser Spiel haben, das akzeptieren wir. Aber ich glaube, unsere Fans sind ziemlich glücklich, dass wir den Pokal gewonnen haben."

Leserkommentare
  1. In diesem Fall hat vor allem der Dümmere verloren... Klischee fast erfüllt.

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    • dacapo
    • 20. Mai 2012 12:27 Uhr

    Wieso hat "der Dümmere" verloren? Das kann man nicht zwingend begreifen.

    "In diesem Fall hat vor allem der Dümmere verloren"
    -----------------------
    ...wer ist denn "der Dümmere"? War es einer der Spieler? Ein Trainer? Hoeneß? Der Reporter? Der Masseur? Und was hat ER verloren? Fragen über Fragen...

  2. 2. Schade

    Habe selten eine derart engagierte Bayern-Mannschaft gesehen.

  3. 3. Im...

    Krieg bzw. Fußballspiel und in der Liebe ist alles erlaubt.

    Chelsea hat dies eindrucksvoll bewiesen.

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    Und dann gibt es auch noch etwas, das sich Ehre nennt. Davon hat Chelsea nicht viel gezeigt. Dieser Sieg ist kein Grund zum Feiern, er ist eine Schande für den Fußball.

  4. Endlich hat es der FC Chelsea geschafft! Als jahrelanger Fan ging gestern ein langersehnter Traum in Erfüllung.
    Und sie haben verdient gewonnen. Wenn der Autor dieses Artikels schon mit Statistiken um die Ecke kommt: die Effektivitätskrone geht an Chelsea. Wenn die Bayern es nicht schaffen, das Tor zu treffen, haben sie den Sieg auch nicht verdient. Vielleicht hätte man den Herren ja den Ball ins Tor tragen sollen. Dann wäre auch die Fußballwelt von Herrn Spiller wieder in Ordnung...

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    • Asura
    • 20. Mai 2012 10:07 Uhr

    Entfernt. Bitte gehen Sie auf andere Beiträge sachlich ein. Danke, die Redaktion/lv

    Kennen wir uns? Dann wüssten sie, dass ich den Verein bereits lange vor 2003 unterstützt habe.

    • burise
    • 20. Mai 2012 11:51 Uhr

    Wenn es Ihnen gefällt, wie Chelsea gestern gespielt hat, ist das Ihre Sache. Aber ich glaube den meisten Zuschauern ist ein schöner Offensivfußball zehnmal lieber.

    Und mal ernsthaft: Chelsea - beste Mannschaft Europas? Wohl kaum. Da hilft auch nicht der Vergleich der Chancenauswertung. Wenn 10 Mann im gegnerischen Strafraum verteidigen ist es verständlicherweise schwierig, sich Chancen zu erarbeiten (was die Bayern geschafft haben), geschweige denn sie zu nutzen.

    • Bashu
    • 20. Mai 2012 12:47 Uhr

    Anti-Fussball in Perfektion. Und ja, die Bayern müssen sich an die eigene Nase packen, ich dachte mir schon nach der 1. Halbzeit: wer so viele Chancen liegen lässt wird im Fussball meist bestraft.

  5. ..aber immerhin kann man sich ein paar Mauersteine kaufen, die in der Gegend rumstehen. Eine Werbung für das System Abramovic war das jedenfalls nicht. Leider gewinnt immer noch die Mannschaft, die die meisten Tore schiesst und das hätte gestern der FC bayern sein müssen....theoretisch. Beschweren dürfen sich die Bayern aber nicht. Sie hatten es mehr als einmal in der Hand respektive auf dem Fuß.

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    • Bashu
    • 20. Mai 2012 12:50 Uhr

    Ein 30 Mio Fussballer ist eigentlich dafür da, die wichtigen Dinger reinzuhauen. Auch in der Nationalmannschaft hat Gomez schon eindrücklich bewiesen, wie konsequent er wichtige Chancen vernichten kann.
    Aber es wäre falsch, ihm die Schuld zu geben. Gestern hat halt alles gepasst und doch nichts; der Fussball eine Augenweide, erdrückende Überlegenheit, dann patzt Robben, dann patzt Schweini. Aus.

  6. Die Bayern haben schon oft genug in der letzten Minute ein wichtiges Spiel gewonnen, diesmal haben sie eben Pech gehabt. Es gleicht sich eben alles aus.

  7. Normalerweise bin ich einer der letzten Fussballfans, welcher, nach einer Niederlage der Bayern, am nächsten Tag enttäuscht aufwacht. Dieses Spiel war fast nicht zu verlieren.

    Schweini & Co! Es wartet eine EM auf "uns"!

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    Habe aus Versehen gelesen: Es wartet das EM-Aus auf uns. Und da werde ich mich nicht täuschen.

    Ich denke, das ist sicher. Die deutsche Mannschaft wird schnell Schwierigkeiten bekommen.

  8. Habe aus Versehen gelesen: Es wartet das EM-Aus auf uns. Und da werde ich mich nicht täuschen.

    Ich denke, das ist sicher. Die deutsche Mannschaft wird schnell Schwierigkeiten bekommen.

    Antwort auf "Lebbe geht weider"
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    Deutschland wird in der EM nicht ! die große Nummer sein ! Wer vorher schon arrogant ist, ist einfach nur dumm !

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