Champions-League-FinaleDer Fußball-Unfall

Von wegen der Bessere gewinnt und Engländer können keine Elfmeter: Chelseas Finalsieg gegen Bayern wirbelt die Fußballklischees durcheinander.

Bastian Schweinsteiger nach seinem Fehlschuss

Bastian Schweinsteiger nach seinem Fehlschuss

Sie fielen einfach um. Einer nach dem anderen. Wie beim Domino. Zuerst sackte Bastian Schweinsteiger in sich zusammen, dann Robben, van Buyten, Timoschtschuk, Boateng. Innerhalb weniger Sekunden lag eine ganze Fußballmannschaft im Mittelkreis. Nur Mario Gomez blieb stehen, starrte vor sich hin. Und Philipp Lahm, der zu den Schiedsrichtern ging, die Hand gab, danke, tschüs.

Rings um das Bayernhäuflein liefen die Chelsea-Spieler kreuz und quer über den Platz, schreiend und mit ausgebreiteten Armen. Einige stolperten beinahe über die Verlierer. Vier, fünf englische Fans machten gar den Düsseldorfer. Sie hatten es an den Ordnern vorbei aufs Feld geschafft, klatschten mit freiem Oberkörper ihre Heroen ab. Sie feierten, weil Didier Drogba ihnen mit dem elften Elfmeter dieses epischen Abends nicht nur den wichtigsten europäischen Vereinspokal, die Champions-League-Trophäe, gesichert hatte, sondern auch die Fußballwelt auf den Kopf stellte.

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Das Problem am Sieg des FC Chelsea ist nicht allein der Sieg des FC Chelsea, sondern vor allem die Art und Weise. Er ist unverdient, mehr als das, eigentlich war er eine Farce. Dass sich die Londoner jetzt beste Mannschaft Europas nennen dürfen, wird als Fußball-Unfall in die Geschichte eingehen.

Bayern München war über 120 Minuten in jeder Phase besser als die nun beste Mannschaft Europas. Vor einer Woche, als einige Bayern-Spieler ähnliches nach dem DFB-Pokal-Finale sagten, war ein gehöriger Schuss Subjektivität dabei. Diesmal nicht. Der Statistikzettel, ein Ausbund an Objektivität, verzeichnete 35 zu 9 Torschüsse, 20 zu 1 Ecken. In keinem Champions-League-Spiel dieser Saison schoss der FC Bayern häufiger aufs Tor und trat mehr Ecken als in diesem Finale, nicht mal beim 7:0 gegen Basel.

 Wie in einem schlechten Film

So haderten nach dem Spiel die Großen des Sports mit dem Schicksal. Fast konnte man meinen, einige forderten eine Neuansetzung. "Fußball ist einfach nicht gerecht. Unfassbar", sagte der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. "Das war eine der bittersten Niederlagen überhaupt", fügte Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer an. Uli Hoeneß sagte, er wisse noch nicht, wie er das verarbeiten könne. Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger kam sich vor "wie in einem schlechten Film".

Christian Spiller
Christian Spiller

Christian Spiller ist Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Doch was nützt das Klagen? Der FC Chelsea war mit dem Ziel angereist, möglichst wenig mit dem Fußballspiel zu tun zu haben. Sie lehnten sich in ihren Schaukelstühlen rund um den Strafraum zurück, sie sind ja alle schon etwas älter, und schauten sich ihr Endspiel an. Schon in den beiden Halbfinals ging Chelsea so ultradefensiv zu Werke, dass die Künstler vom FC Barcelona irgendwann entnervt den Pinsel in die Ecke schmissen. Auch den FC Bayern ließen die Londoner machen. Nur im eigenen Strafraum, da war Schluss.

So konnte sich Chelseas Trainer Roberto Di Matteo nach dem Spiel von den englischen Pressevertretern zwar auf die Schultern klopfen lassen, musste aber auch eine kritische Frage beantworten. Warum seine Mannschaft so unansehnlich spiele. "Man muss das Beste aus dem machen, was man hat. Das haben wir gemacht. Und deshalb waren wir erfolgreich", sagte Di Matteo in freundlichem Ton und wusste ein 62 Zentimeter hohes, silbernes Argument hinter sich. "Ich verstehe, dass Sie eine andere Meinung über unser Spiel haben, das akzeptieren wir. Aber ich glaube, unsere Fans sind ziemlich glücklich, dass wir den Pokal gewonnen haben."

Leserkommentare
  1. Da das Attribut "Besser" nicht mit "mehr Ballbesitz", "mehr gewonnene Zweikämpfe", "mehr angekommene Pässe", "mehr Ecken", "mehr gelaufene Kilometer", "weniger Fouls"... bewertet wird, sondern schlicht und einfach mit "Mehr geschossene Tore", hat in diesem Fall die bessere Mannschaft gewonnen.
    Der FC Bayern wird sich wieder darauf umstellen müssen, nicht zwangsweise schnellen und attraktiven Fussball zu spielen, sondern schlicht und einfach effektiven Fussball. Vielleicht zum Leidwesen der Zusacheuer.

  2. Ganze 85 Minuten rennen die Bayern gegen eine äusserst defensive Chelsea Wand an. Gewiss, Torchancen hatten die Bayern zur genüge, allein die Vewertung derselben war seltsam mangelhaft. Das Spiel der Bayern war absolut sehenswert, selten habe ich eine so löwengleich kämpfende Bayernelf gesehen. Gerade darum sollte Heynkes sich seine Elfer- und Eckenstrategien nochmals überlegen. Robben hat gekämpft - und versagt als es wirklich darauf ankam.
    Mit welcher Genugtuung wird sich Abramowitsch heute zurücklehnen - in der Gewissheit, dass mit Geld eben doch alles käuflich ist. Sogar der Schneid der Bayern.
    Ob Chelsea diesen Titel verdient hat? Mitnichten.
    Gewonnen haben sie ihn dennoch und stehen an der Spitze des europäischen Vereinsfussballs. Bleibt nur zu hoffen, das der Gönner dieses Vereins, noch recht lange Spass an seinem Spielzeug hat, und noch die ein oder andere Milliarde springen lässt.
    Der FC Bayern wird deswegen mit Sicherheit nicht untergehen, aber eine ganz bittere Pille ist diese Niederlage insbesondere für Hoeneß dennoch - und für alle die dieses Spiel, diese Farce miterlebt haben.

    2 Leserempfehlungen
    • Bashu
    • 20.05.2012 um 12:50 Uhr

    Ein 30 Mio Fussballer ist eigentlich dafür da, die wichtigen Dinger reinzuhauen. Auch in der Nationalmannschaft hat Gomez schon eindrücklich bewiesen, wie konsequent er wichtige Chancen vernichten kann.
    Aber es wäre falsch, ihm die Schuld zu geben. Gestern hat halt alles gepasst und doch nichts; der Fussball eine Augenweide, erdrückende Überlegenheit, dann patzt Robben, dann patzt Schweini. Aus.

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    • Afa81
    • 20.05.2012 um 13:05 Uhr

    ...und er hat auch in diesem Spiel mal wieder einen so übers Tor gehauen, dass man sich fragen muss - warum spielt der nicht American Football, wo das Tor 10 Meter über dem Boden ist. Aber gestern musste ich auch gestehen, dass Gomez auch eine sehr unglückliche Figut ist. Nicht selten hat man ihm den Ball aus fünf Metern vollspann einfach auf die Brust geknallt und der Mann hat dann noch das Können und kann aus so einer Position schießen. Andere Stürmer könnten einen solchen Ball nicht annehmen, könnten nichts machen - und damit auch nichts falsch machen.
    Der einzige Fehler der Bayern gestern war der verschossene Elfmeter von Robben. Ansonsten konnte ich keine echten Fehler sehen. Der Elfmeter von Schweinsteiger war gut geschossen - aber Cech war eben noch dran und hat ihn damit überragend gehalten. Die Ecke von Chelsea war perfekt geschossen und wenn ein Drogba dann so eine Ball bekommt, dann wird auch eine Weltauswahl hier ein Tor kassieren.
    Gut, noch eine Fehler hat Bayern gemacht. Sie haben zu langsam gespielt. Wenn es mal Konter gab, dann hat man so lange gewartet, so viel hin und her gespielt, bis sich die 10er Abwehrkette von Chelsea wieder formieren konnte. Wenn eine Mannschaft 10-0-0 spielt, dann ist es schwierig... und in einem so eckelhaften Spiel kann man nur gewinnen oder dumm aussehen.

    • Afa81
    • 20.05.2012 um 13:05 Uhr

    ...und er hat auch in diesem Spiel mal wieder einen so übers Tor gehauen, dass man sich fragen muss - warum spielt der nicht American Football, wo das Tor 10 Meter über dem Boden ist. Aber gestern musste ich auch gestehen, dass Gomez auch eine sehr unglückliche Figut ist. Nicht selten hat man ihm den Ball aus fünf Metern vollspann einfach auf die Brust geknallt und der Mann hat dann noch das Können und kann aus so einer Position schießen. Andere Stürmer könnten einen solchen Ball nicht annehmen, könnten nichts machen - und damit auch nichts falsch machen.
    Der einzige Fehler der Bayern gestern war der verschossene Elfmeter von Robben. Ansonsten konnte ich keine echten Fehler sehen. Der Elfmeter von Schweinsteiger war gut geschossen - aber Cech war eben noch dran und hat ihn damit überragend gehalten. Die Ecke von Chelsea war perfekt geschossen und wenn ein Drogba dann so eine Ball bekommt, dann wird auch eine Weltauswahl hier ein Tor kassieren.
    Gut, noch eine Fehler hat Bayern gemacht. Sie haben zu langsam gespielt. Wenn es mal Konter gab, dann hat man so lange gewartet, so viel hin und her gespielt, bis sich die 10er Abwehrkette von Chelsea wieder formieren konnte. Wenn eine Mannschaft 10-0-0 spielt, dann ist es schwierig... und in einem so eckelhaften Spiel kann man nur gewinnen oder dumm aussehen.

  3. Mit Verlaub, aber ich habe gestern eine überlegene Mannschaft gesehen und das war CHELSEA! Was nützen 75% Ballbesitz und ein Eckenverhältnis von 20:1, wenn man kopflos die immergleichen Angriffsversuche unternimmt? Die Spieler von Chelsea machten auf mich in jeder Minute den Eindruck, dass sie genau wussten, was sie tun. Mit der Ruhe von Zen-Mönchen haben sie ihr taktisch sehr kluges und äußerst effizientes Spiel aufgezogen. Die intelligentere und effizientere Mannschaft hat gesiegt, und zwar absolut verdient. Den Bayern fehlte auf dem Platz die Cleverness und anschließend zeigten sie sich auch noch als schlechte Verlierer.

    3 Leserempfehlungen
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    Mit elf Mann hinten rein stellen, wenn möglich nur ein Konter und dann 1:0 gewinnen? Sorry, aber ich gehe aus anderen Gründen ins Stadion als mir diesen Rasenschach der "Zen-Mönche" anzusehen.

    Mit elf Mann hinten rein stellen, wenn möglich nur ein Konter und dann 1:0 gewinnen? Sorry, aber ich gehe aus anderen Gründen ins Stadion als mir diesen Rasenschach der "Zen-Mönche" anzusehen.

    • zacc
    • 20.05.2012 um 12:50 Uhr

    ... ist nicht gleich Konterfußball.
    Was Chelsea gestern gemacht hat, war hinten zu mauern und dann weite Bälle nach vorne zu schlagen. Drogba durfte solche Flanken sich dann an der Mittellinie holen und den Rest des Wegs bis zum Tor größtenteils alleine zurücklegen.

    Dortmund spielt dagegen Pressing in der Verteidigung und setzt dann auf schnelles Umschalten und sinnvolle Spielzüge bevor die gegnerische Verteidigung Zeit hat sich zu sammeln. Auch wenn das Konter sind, hat es trotzdem einiges an Spielkultur und ansehnlichem Fußball, auch wenn Sie den Begriff im Zusammenhang mit Dortmund gerne wie ein Schimpfwort aussehen lassen.

    Konter sind in vielen Manschaftssprotarten ein äußerst legitimes (und nicht unbedingt einfach zu spielendes) Mittel. Aber Sie suggerieren hier es würde sich dabei nur um Fußball handeln wie ihn eine Drittligamannschaft gegen einen Bundesligisten spielen würde: ängstliches Mauern und 'auf Konter hoffen'.

  4. sich eine chance nach der anderen sehenswert herausgespielt. chelsea hatte einfach glück, dass nicht mehr tore fielen, das hatte nichts mit gekonnter verteidigung zu tun.

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    Und trotzdem hat Bayern verloren?
    Also jetzt wirklich, mein Mitleid.

    Und trotzdem hat Bayern verloren?
    Also jetzt wirklich, mein Mitleid.

  5. Mit elf Mann hinten rein stellen, wenn möglich nur ein Konter und dann 1:0 gewinnen? Sorry, aber ich gehe aus anderen Gründen ins Stadion als mir diesen Rasenschach der "Zen-Mönche" anzusehen.

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  6. 184. klischees

    lieber herr spiller,

    gerade der fußball ist dafür bekannt dass, anders als beim handball oder fußball, eben nicht der bessere gewinnt sondern der effizientere. dieses klischee gibt es nur unter menschen die keine ahnung haben, naturgemäß wirbelt die realität immer individuell-ignorante betrachtungsweisen durcheinander.

    desweiteren sollte man bemerken dass bei chelsea fast keine engländer mitspielen, insofern ist ein hinweis auf die "tradition" der eng. nationalmanschaft max. nettes yuppiewissen.....

    mfg

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    ...."anders als beim handball oder basketball" wollte ich natürlich schreiben.....

    ...."anders als beim handball oder basketball" wollte ich natürlich schreiben.....

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