Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch © Johannes Simon/Bongarts/Getty Images

ZEIT ONLINE:  Sie haben während Ihres Aufenthaltes in Charkiw keine Genehmigung für einen Besuch bei der früheren Regierungschefin Julia Timoschenko bekommen. Warum nicht?

Viola von Cramon: Ich hatte ein Treffen mit Timoschenko im Gefängnis beantragt. Die Behörden haben mit der Begründung abgelehnt, dass sie im Krankenhaus ist und nicht mehr im Gefängnis. Natürlich ein ziemlich durchsichtiges Manöver. Ihre ukrainischen Ärzte konnte ich aber sprechen. Mein Eindruck war, sie halten sich an den Behandlungsplan, den die Berliner Charité aufgestellt hat. Man hat Medizintechnik angeschafft, die vorher verweigert wurde.

ZEIT ONLINE: Werten Sie das als ernst zu nehmendes Zeichen für ein Einlenken der Regierung Janukowitsch nach der internationalen Kritik?

von Cramon: Nein. Viktor Janukowitsch taktiert, hat leider nichts verstanden. Er denkt, er habe nur ein einziges Problem. Eines namens Julia Timoschenko. Es sind aber mehr als 20 frühere Regierungsmitglieder in Haft. In Berlin hatte mir der stellvertretende Generalstaatsanwalt Renat Kuzmin zugesagt, dass ich den früheren Innenminister Juri Luzenko und den Umweltminister Georgi Filiptschuk im Gefängnis sprechen könne. Daraus ist nichts geworden. Eine Begründung hielt man nicht für notwendig. Janukowitsch und seiner Partei der Regionen geht es darum, die Opposition vor den Wahlen im Oktober systematisch auszuschalten, indem man ihre Köpfe wegsperrt. Und die Ehefrauen von Luzenko und Filiptschuk sagen, dass die Fußball-Europameisterschaft die Situation eher noch verschlechtert.

ZEIT ONLINE: Wie ist das gemeint?

von Cramon: Irina Luzenko hat mir berichtet, mit welchen Tricks weitere Gerichtsgänge verzögert werden, nachdem ihr Mann im April wegen angeblichen Amtsmissbrauchs verurteilt worden ist. Nachrichten wie von Timoschenkos Berufungsverfahren, bei dem eine Richterin 11.000 Seiten in einer Nacht bewertete und die Verurteilung im Eiltempo bestätigte, will man im Vorfeld oder während der EM um jeden Preis vermeiden. Und erst, wenn der Rechtsweg in der Ukraine ausgeschöpft ist, können diese Politiker den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen.

ZEIT ONLINE: Ist gar nichts dran an der zuletzt von deutschen Sportfunktionären häufiger vorgetragenen These, Großveranstaltungen wie diese EM hätten positive Effekte, weil sie Öffentlichkeit für Menschenrechtsverletzungen herstellen?

von Cramon: Es ist sicher gut, dass genauer hingesehen wird. Ansonsten halte ich das für eine Schutzbehauptung. Der Sport reagiert in all diesen Fällen höchstens. Von deutschen Funktionären kam auch jetzt nichts, was die Aufmerksamkeit auf den Abbau der Demokratie in der Ukraine gelenkt hat. Auch die Pressefreiheit wird zunehmend eingeschränkt, Homosexualität soll unter Strafe gestellt werden. UEFA-Präsident Michel Platini weist ja inzwischen selbst das Ansinnen zurück, öffentlich Haltung zu zeigen. Für mich heißt das: Wer schweigt, stimmt zu. Und Platini schweigt auch darüber, dass die EM dubiose Strukturen begünstigt.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

von Cramon: Beispielsweise hat der Bürgermeister von Charkiw, Gennadij Kernes, massiv Bauland in Naturschutzgebieten vergeben. Angeblich für EM-Infrastrukturprojekte, tatsächlich aber an seine Buddies für private Zwecke. Regimekritische Umweltaktivisten haben mir die Villen gezeigt, die dort jetzt stehen. Die gefällten Bäume gingen an ein Sägewerk, das einem Vertrauten von Kernes gehört. Großbritannien hat ihm unlängst die Einreise wegen krimineller Aktivitäten verweigert.

ZEIT ONLINE: Eine aktuelle Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik stellt fest, dass sich die Staatsquote für das zehn Milliarden teure Turnier auf 80 Prozent beläuft – eine Verdoppelung gegenüber den ursprünglichen Kalkulationen. In der Ukraine heißt es, diene die EM ausschließlich der Selbstbereicherung der regimetreuen Elite.

von Cramon: Das ist auch mein Eindruck. Dafür hat Janukowitsch gleich nach seinem Amtsantritt die Voraussetzung geschaffen, indem er per Gesetz die Ausschreibungspflicht für alle Baumaßnahmen im Zuge der EM-Vorbereitung aufgehoben hat. Infrastrukturminister Boris Kolesnikow – auch ein Geschäftspartner des Oligarchen Rinat Achmetow, des Besitzers von Serienmeister Schachtjor Donezk – hat dann die Aufträge verteilt. Janukowitschs Projekt, das Fußballfest zur Imagepolitur zu nutzen, würde ich als gescheitert betrachten.