Doch nicht jeder will sich seine Hoffnung auf schummrige EM-Geschäfte nehmen lassen. In einer Seitenstraße des Chreschtschatik, unweit des Olympiastadions, der Stätte des EM-Finales am 1. Juli, hat soeben ein Nachtclub geöffnet. Für Alla wäre ein Job im Dollhouse ein Traum gewesen. Sie sitzt in einem Vorstadt-Café im Souterrain eines Plattenbaus. Alla zieht das Halbdunkel vor. Schatten liegen unter ihren Augen. Das dünne blondierte Haar fällt in Wellen auf einen hohen Rollkragen mit Leopardenmuster. "Mein Arbeitsplatz war die Straße", sagt die 55-Jährige.

Alla, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte, lebt in einer Plattenbausiedlung am Rande von Kiew. Der Weg dorthin führt weit hinaus nach Südwesten. Wer den staubigen Schlaglochpisten folgt, erreicht bald die Ausfallstraße nach Odessa . "20 Jahre lang habe ich dort draußen Geld verdient", sagt sie. Sie erzählt zögerlich, fast schüchtern: "Offen gestanden hat es mir auf der Straße nicht sehr gut gefallen. Es gibt bei den Freiern solche und solche, verstehen Sie? Manchmal gerät man in unangenehme Gesellschaft. Das war nicht immer schön, aber sie haben bezahlt, und ich hatte fünf Kinder zu ernähren."



Der Begriff Sexarbeit kommt ihr nicht über die schmalen Lippen. Alla spricht von "der Straße". Der Kaffee belebt sie. "Dort draußen zu stehen, ist sehr gefährlich. Ich habe Dinge gesehen, die ich nicht hätte sehen wollen", erzählt sie. "Schläge, Vergewaltigung, Mord – das gehört auf der Straße alles dazu." Sie erzählt, wie ein Freier einer Freundin mit einer aufgeschlagenen Flasche das Gesicht aufgeschlitzt hat. Sie selbst hatte Glück. "Heutzutage ist es noch schlimmer als zu meiner Zeit", sagt sie.

Überleben und Würde bewahren

Wie hält man ein solches Leben aus? "Ich habe angefangen zu trinken. Wodka. Anders ist es nicht zu ertragen. Ich habe viel getrunken, sehr viel. Heute trinke ich nicht mehr", sagt Alla. Vom Vater ihrer fünf Kinder, der als Ernährer versagte, hat sie sich scheiden lassen. Ihr zweiter Mann ist vor einem Jahr gestorben. Alla lebt allein mit ihren Haustieren. "Das Hundefutter kann ich mir eigentlich gar nicht leisten", sagt sie und lächelt verlegen. "Von Zeit zu Zeit schaut noch immer einer der alten Freier vorbei."

Auch die Kinder kommen regelmäßig zu Besuch. "Das war das Schwerste für mich. Wie bringt man das seinen Kindern bei?", fragt Alla und antwortet selbst: "Es hilft nur, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit. Als die Kinder wissen wollten, wo ich abends hingehe, habe ich ihnen alles erzählt. Es ist wie bei jeder ganz normalen Arbeit, die du nicht machen möchtest, die du aber machen musst." Alla schaut einem direkt in die Augen. Sie hat überlebt und ihre Würde bewahrt.

Der Weg vom Stadtrand zurück ins Zentrum führt vorbei an unzähligen Kastanien. Irgendwo hier unter den "rosagelben Federbusch-Knallbonbons" der Blüten hat Osip Mandelstam seine Frau Nadeschda kennengelernt. Doch die Romantik war das eine. Die Härten des Lebens kannte der Dichter auch. Und so nannte er Kiew schlicht "die zählebigste Stadt der Ukraine".