EM-Stadt KiewJanukowitsch setzt auf Sexappeal
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Schläge, Vergewaltigung, Mord

Doch nicht jeder will sich seine Hoffnung auf schummrige EM-Geschäfte nehmen lassen. In einer Seitenstraße des Chreschtschatik, unweit des Olympiastadions, der Stätte des EM-Finales am 1. Juli, hat soeben ein Nachtclub geöffnet. Für Alla wäre ein Job im Dollhouse ein Traum gewesen. Sie sitzt in einem Vorstadt-Café im Souterrain eines Plattenbaus. Alla zieht das Halbdunkel vor. Schatten liegen unter ihren Augen. Das dünne blondierte Haar fällt in Wellen auf einen hohen Rollkragen mit Leopardenmuster. "Mein Arbeitsplatz war die Straße", sagt die 55-Jährige.

Alla, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte, lebt in einer Plattenbausiedlung am Rande von Kiew. Der Weg dorthin führt weit hinaus nach Südwesten. Wer den staubigen Schlaglochpisten folgt, erreicht bald die Ausfallstraße nach Odessa . "20 Jahre lang habe ich dort draußen Geld verdient", sagt sie. Sie erzählt zögerlich, fast schüchtern: "Offen gestanden hat es mir auf der Straße nicht sehr gut gefallen. Es gibt bei den Freiern solche und solche, verstehen Sie? Manchmal gerät man in unangenehme Gesellschaft. Das war nicht immer schön, aber sie haben bezahlt, und ich hatte fünf Kinder zu ernähren."

Kiew

Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, ist zugleich die Geburtsstadt der Rus. In dem mittelalterlichen Reich sehen viele Russen den Ursprung ihres Landes. In Kiew soll es im 11. Jahrhundert 400 Kirchen gegeben haben. Doch dann fielen die Tataren in das Land ein. Ein Teil der Bevölkerung der Kiewer Rus zog in die Wälder um Moskau – Russland entstand. Die anderen Kiewer blieben im Westen und wurden Ukrainer. Die einst blühende Stadt am Dnjepr fristete ein Randdasein, bis sie als Kosakenhauptstadt im 17. Jahrhundert eine neue Blüte erlebte. Unter der Herrschaft der russischen Zaren und sowjetischen Diktatoren entwickelte sich Kiew schließlich zu jener Drei-Millionen-Metropole mit Schwerindustrie, Messe und rund 100 Hochschulen, die es heute ist.

Ein Bummel über den Prachtboulevard Chreschtschatik zum Unabhängigkeitsplatz Majdan, dem Schauplatz der Orangenen Revolution von 2004, ist für Touristen ebenso ein Muss wie ein Besuch im 1000 Jahre alten Höhlenkloster – seit 1990 Unesco-Weltkulturerbe. In den unterirdischen Gängen sind die Mumien bedeutender Mönche zu sehen.

Das Stadion

Im Kiewer Olympiastadion findet das Finale der Euro 2012 statt. Berühmt ist das Stadion, in dem 1980 während der Moskauer Olympiade das Fußballturnier stattfand, seit den späten sechziger Jahren. Damals spielte der Hauptstadtverein Dynamo Kiew hier vor 100.000 Fans. Heute fasst die für die EM umgebaute Arena rund 70.000 Zuschauer.



Der Begriff Sexarbeit kommt ihr nicht über die schmalen Lippen. Alla spricht von "der Straße". Der Kaffee belebt sie. "Dort draußen zu stehen, ist sehr gefährlich. Ich habe Dinge gesehen, die ich nicht hätte sehen wollen", erzählt sie. "Schläge, Vergewaltigung, Mord – das gehört auf der Straße alles dazu." Sie erzählt, wie ein Freier einer Freundin mit einer aufgeschlagenen Flasche das Gesicht aufgeschlitzt hat. Sie selbst hatte Glück. "Heutzutage ist es noch schlimmer als zu meiner Zeit", sagt sie.

Überleben und Würde bewahren

Wie hält man ein solches Leben aus? "Ich habe angefangen zu trinken. Wodka. Anders ist es nicht zu ertragen. Ich habe viel getrunken, sehr viel. Heute trinke ich nicht mehr", sagt Alla. Vom Vater ihrer fünf Kinder, der als Ernährer versagte, hat sie sich scheiden lassen. Ihr zweiter Mann ist vor einem Jahr gestorben. Alla lebt allein mit ihren Haustieren. "Das Hundefutter kann ich mir eigentlich gar nicht leisten", sagt sie und lächelt verlegen. "Von Zeit zu Zeit schaut noch immer einer der alten Freier vorbei."

Auch die Kinder kommen regelmäßig zu Besuch. "Das war das Schwerste für mich. Wie bringt man das seinen Kindern bei?", fragt Alla und antwortet selbst: "Es hilft nur, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit. Als die Kinder wissen wollten, wo ich abends hingehe, habe ich ihnen alles erzählt. Es ist wie bei jeder ganz normalen Arbeit, die du nicht machen möchtest, die du aber machen musst." Alla schaut einem direkt in die Augen. Sie hat überlebt und ihre Würde bewahrt.

Der Weg vom Stadtrand zurück ins Zentrum führt vorbei an unzähligen Kastanien. Irgendwo hier unter den "rosagelben Federbusch-Knallbonbons" der Blüten hat Osip Mandelstam seine Frau Nadeschda kennengelernt. Doch die Romantik war das eine. Die Härten des Lebens kannte der Dichter auch. Und so nannte er Kiew schlicht "die zählebigste Stadt der Ukraine".


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Leserkommentare
  1. An Switch: Laut ARD soll die Timoschenko ihre erste Million mit einem Video-Verleih verdient haben, Pornovideos eingeschlossen.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Anti-UA"
  2. Wenn dann schon eine Zusammenhang zwischen Armut und Prostitution hergestellt wird (was ich begrüße)dann muss dieser Maßstab auch für Deutschland gelten. In Deutschland liegt die Zahl der Prostituierten bei 400000. (http://www.handelsblatt.c...)

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Eigentlich schon..."
  3. Ansonsten ist dies für mich wieder ein Beitrag Der Zeit, der den Beinamen Journalistisch nicht verdient: Auf einen Null-Acht-Fünfzehn-Artikel über Prostitution, wie er aus fast jeder Stadt der Welt stammen könnte und der keinerlei besonderen Informationswert hat - auf diesen überflüssigen Beitrag wird dann eine Einleitung aufgestülpt, der versucht, den ukrainischen Präsidenten madig zu machen. Den Gipfel an Geschmacklosigkeit ist wieder einmal die Überschrift: "Janukowitsch setzt auf Sexappeal" "180.000 Prostituierte gibt es in der Ukraine..."
    Diese Kombination hätte ich in BILD erwartet, aber nicht in Der Zeit.

    7 Leserempfehlungen
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    Zitat 11. Unterste Schublade
    Ansonsten ist dies für mich wieder ein Beitrag Der Zeit, der den Beinamen Journalistisch nicht verdient: Auf einen Null-Acht-Fünfzehn-Artikel über Prostitution, wie er aus fast jeder Stadt der Welt stammen könnte und der keinerlei besonderen Informationswert hat - auf diesen überflüssigen Beitrag wird dann eine Einleitung aufgestülpt, der versucht, den ukrainischen Präsidenten madig zu machen. Den Gipfel an Geschmacklosigkeit ist wieder einmal die Überschrift: "Janukowitsch setzt auf Sexappeal" "180.000 Prostituierte gibt es in der Ukraine..."
    Diese Kombination hätte ich in BILD erwartet, aber nicht in Der Zeit.

    Sehe ich genauso !
    Okay, man sollte darauf verweisen, daß die AIDS-Rate die höchste in Europa ist, höher auch als in Rußland (wo sich die Krankheit besonders in Großstädten ebenfalls ausbreitet).
    Aber:
    man sollte auch darauf verweisen, daß es in der Ukraine auch mit die schönsten Frauen in ganz Europa gibt, einen ganz besonderen Menschenschlag, und Schönheit gepaart mit Intelligenz und einem starken Willen, der es erst ermöglicht, den dortigen täglichen Überlebenskampf erst zu meistern.
    Also, ZEIT: nicht immer so einseitig negativ über den Osten berichten, bitte !

  4. ...daß die bundeseigene Entwicklungshilfegesellschaft GTZ Frauen in der Ukraine gezielt Tips zur Arbeit als Prostituierte in Deutschland gab. Diese Tipps waren in einer Broschüre mit dem Titel "Deutschlandreiseführer für Frauen" zu finden.Diese Broschüre enthielt informationen, wie "migrationswillige" Frauen aus der Ukraine" in Deutschland Arbeit finden könnten. Unter anderem verwies der Leitfaden darauf, daß es in Deutschland möglich sei, legal als Prostituierte zu arbeiten. Wörtlich hieß es dazu: "Dies gilt aber LEIDER nur für Menschen, die eine entsprechende Arbeits- und Aufenthaltsmöglichkeit haben (z.B. aufgrund einer Ehe)."

    3 Leserempfehlungen
    • tchonk
    • 08. Mai 2012 15:35 Uhr

    Wieso hauen jetzt alle auf den Artikel ein?
    Dieser Artikel dient meines Erachtens nicht dazu Timoschenko besser darzustellen. Ich finde ihn ganz gut und informativ. Die Aussage von Janu. kann man durchaus in die Richtung interpretieren. Schließlich ist Sextourismus und Prostitution in Osteuropa sehr verbreitet. Vielleicht dient der Artikel ja eben dazu, dass man durch die Aussage Janu.'s nicht auf blöde Gedanken kommt.

    • vtbz
    • 08. Mai 2012 15:35 Uhr
    14. Schade.

    -
    Ich hätte gerne ihre "unsachliche und polemische Kritik" gelesen.

    Antwort auf "Gesellschaftskritik?"
  5. Es ist mittlerweile sehr traurig, wie der Ukraine als Gastgeberland begegnet wird. Das es Missstände gibt, sollte jetzt ja der letzte begriffen haben.

    In Südafrika hat man die WM als Chance verstanden, wieso geht das nicht in der Ukraine? Wieso bricht man das Gastgeberland immer wieder auf 2 Personen runter?

    Dann noch Artikel mit dem Vermerk "Polemik" zu kürzen, bei so einer Headline, ist janusköpfig.

    Hätte mir gewünscht das man Jogi Löw aus seiner gestrigen Pressekonferenz zitiert, der hat sich schön dazu geäußert.

    2 Leserempfehlungen
  6. 16. Danke !

    Zitat 11. Unterste Schublade
    Ansonsten ist dies für mich wieder ein Beitrag Der Zeit, der den Beinamen Journalistisch nicht verdient: Auf einen Null-Acht-Fünfzehn-Artikel über Prostitution, wie er aus fast jeder Stadt der Welt stammen könnte und der keinerlei besonderen Informationswert hat - auf diesen überflüssigen Beitrag wird dann eine Einleitung aufgestülpt, der versucht, den ukrainischen Präsidenten madig zu machen. Den Gipfel an Geschmacklosigkeit ist wieder einmal die Überschrift: "Janukowitsch setzt auf Sexappeal" "180.000 Prostituierte gibt es in der Ukraine..."
    Diese Kombination hätte ich in BILD erwartet, aber nicht in Der Zeit.

    Sehe ich genauso !
    Okay, man sollte darauf verweisen, daß die AIDS-Rate die höchste in Europa ist, höher auch als in Rußland (wo sich die Krankheit besonders in Großstädten ebenfalls ausbreitet).
    Aber:
    man sollte auch darauf verweisen, daß es in der Ukraine auch mit die schönsten Frauen in ganz Europa gibt, einen ganz besonderen Menschenschlag, und Schönheit gepaart mit Intelligenz und einem starken Willen, der es erst ermöglicht, den dortigen täglichen Überlebenskampf erst zu meistern.
    Also, ZEIT: nicht immer so einseitig negativ über den Osten berichten, bitte !

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    Antwort auf "Unterste Schublade"

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