Wieder kommt Sizilianisch aufs Brett, jene Variante aus der zehnten Partie, in der Boris Gelfand mit Schwarz nach einer überraschungseiartigen Neuerung im fünften Zug so mühelos ausgleichen konnte. Aber vor vollem Haus in der letzten Runde wird der herausgeforderte Schachweltmeister Viswanathan Anand auch eine Überraschung parat haben, dessen kann man sich sicher sein. Und so ist es auch.

Anand mit den weißen Steinen strebt wieder einen Aufbau an, in der sein Damenläufer die lange schwarze Diagonale beherrschen soll. Diesmal ändert er die Reihenfolge seiner Züge, stürmt gleich am Königsflügel vor und opfert einen Bauern, um die schwarze Stellung bis hin zur Manövrierunfähigkeit zu verstopfen.

Gelfand braucht sehr viel Zeit, verteidigt sich aber geschickt. Die resultierende Stellung sieht zwischendurch völlig absurd aus. Nach dem neunten Zug von Schwarz steht auf dem ganzen Brett nicht eine entwickelte Figur. Dafür hat Schwarz gleich zwei Doppelbauern im Zentrum (siehe Grafik).

Die eigentümliche Geometrie – inspiriert von Malewitsch oder Kandinsky? Es wird ja in einer Kunstgalerie gespielt. Die Spieler beteuern allerdings auf jeder Pressekonferenz, dass sie zu Museumsrundgängen nicht die Muße hätten. Später, später – wenn alles vorbei ist.

Anand legt die Partie scharf an, er will dieses Match heute entscheiden. Für den geopferten Bauern hat er Kompensation, wie man im Schach sagt, höhere Beweglichkeit, Angriffsideen. Gelfand gibt den Bauern deshalb gleich zurück und opfert seinerseits einen Bauern, hat nun seinerseits Kompensation. Mit Läuferpaar, gut stehenden Bauern und mehr Raum könnte er zufrieden sein – hätte er nicht so viel Zeit verbraucht.
So ist es oft im Schach, Vorteile und Nachteile sind ständig im Fluss, es geht um Feinheiten und die Aufrechterhaltung der Balance.

Anands Damenläufer schafft es nicht auf die schöne Diagonale, dafür kann er sich im 22. Zug gegen den schwarzen Königsläufer abtauschen nach einer Ungenauigkeit Gelfands. Schwarz hat nun kein Läuferpaar mehr, aber immer noch einen Bauern weniger. Zudem droht ein weißer Turm ins schwarze Lager einzudringen. Und Gelfand hat nur noch 16 Minuten für 22 Züge. Sollte er auf den letzten Metern scheitern?

Er scheitert nicht. Denn zur Überraschung des Publikums wie der sachkundigen Schachprominenz – heute ist Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik zu Gast – bietet Anand Remis an. Gelfand akzeptiert es sofort.
"Ein Geschenk", kommentiert Kramnik.

Vielleicht das teuerste Remis der Schachgeschichte

Nun, ein Geschenk ist es wohl nicht, Anand wird seine Gründe gehabt haben, wenn er sie auf der Pressekonferenz natürlich auch nicht nennt. Er hat ein leichtes Plus und noch fast eine Stunde Zeit. Von einem verpassten Sieg zu sprechen, wäre übertrieben: Computerprogramme bewerten die Stellung am Schluss als völlig ausgeglichen.

Ein Geschenk ist das Remis allerdings für den Verlierer des Matches, wer immer es sein wird. Nach den Regeln der WM wird das Preisgeld von 2,55 Millionen US-Dollar im Verhältnis 60 zu 40 aufgeteilt – bei einer Entscheidung in regulären Partien. Kommt es zum Tiebreak, ist das Verhältnis 55 zu 45. Der Partieausgang hat den kommenden Weltmeister also 127.500 Dollar gekostet – vielleicht das teuerste Remis der Schachgeschichte.

Am Mittwoch um 12 Uhr mittags beginnt nun das Stechen. High Noon in Moskau . Erst vier Schnellpartien von grob einer Stunde Dauer, dann – bei neuerlichem Gleichstand –, ein Duell aus zwei Blitzpartien von je zehn Minuten Dauer. Endet auch das Blitz-Duell unentschieden, kommen vier weitere Blitzduelle aus zwei Partien. Immer noch unentschieden? Dann folgt die alles entscheidende letzte Blitzpartie mit besonderen Regeln, von der Schachwelt arg salopp Armageddon genannt. Noch hoffen alle, dass es dazu nicht kommen möge.