Schach-WM6 x Remis = ?

Halbzeit nach sechs Unentschieden: Wer wird Schachweltmeister? Nicht wenig spricht für den Herausforderer. Eine Spekulation aus Moskau von Ulrich Stock

Der Titelverteidiger Viswananthan Anand versprüht wenig Glanz.

Der Titelverteidiger Viswananthan Anand versprüht wenig Glanz.

Sechs Runden sind bei der Moskauer Schachweltmeisterschaft gespielt, sechsmal unentschieden, es steht 3:3. Kann man aus einem so gleichförmigen, ja eintönigen Verlauf Schlüsse für den weiteren Fortgang ziehen?

Nun, man kann es versuchen. Etwas Wagemut gehört dazu, und später lässt sich überprüfen, ob es so oder anders gekommen ist und warum.

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Fassen wir den Gang der Dinge kurz zusammen: Viswananthan Anand, 42, ist der seit 2007 amtierende Schachweltmeister, der seinen Titel in den Jahren zuvor nicht nur zäh erkämpft hatte, sondern ihn auch zweimal, 2008 in Bonn und 2010 in Sofia, überzeugend verteidigte. Allerdings hat er als Weltmeister das sonstige internationale Turniergeschehen nicht dominiert, wie es sein Vorvorgänger Garri Kasparow tat, der sich jetzt bei jeder Gelegenheit damit brüstet.

Schach-WM in Moskau

Seit Freitag, dem 11. Mai bis zum 28. Mai kämpfen der Titelverteidiger Viswanathan Anand aus Indien und Boris Gelfand aus Israel in Moskau um die Schach-WM. Der Zweikampf ist auf zwölf Partien angesetzt. Steht es danach 6:6, fällt die Entscheidung am 30. Mai im Tiebreak. Gespielt wird in der Tretjakow-Galerie, alle Begegnungen beginnen jeweils um 13 Uhr. Mehr Informationen auf der offiziellen WM-Seite. Unser Reporter Ulrich Stock berichtet über den Titel-Kampf in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE.

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Anand steht zurzeit sogar nur an Platz 4 der Weltrangliste, die in Schachkreisen allerdings mehr und mehr zu einem Fetisch wird, weshalb daran zu erinnern ist: Die Nummer 1 der Weltrangliste, momentan der junge Norweger Magnus Carlsen, ist nicht automatisch Weltmeister. Das war nie so, und das wird hoffentlich auch nie so sein, weil eine solche Regel mit der einzigartigen 126-jährigen Tradition der Titelkämpfe bräche und nur neues Ungemach hervorriefe.

Boris Gelfand, 43, ist der einzig legitimierte Herausforderer des Weltmeisters. Zwar steht er derzeit nur auf Platz 20 der Weltrangliste, aber anders als alle vor ihm auf der Liste hat er an den vorgeschriebenen Qualifikationen erstens teilgenommen und sie zweitens auch gewonnen. Carlsen machte nicht mit, und der in Berlin lebende Armenier Levon Aronian, derzeit Nummer 2 der Weltrangliste, schied unterwegs aus.

Durch schlichte Ranglistenbetrachtung gelangten Teile der Schachwelt dann zu der skurrilen Überzeugung, das Match sei zum einen nicht relevant und zum anderen in seinem Ausgang ohnehin klar.

Leserkommentare
    • mpajer
    • 19.05.2012 um 13:56 Uhr

    Ich denke mal, es gibt keinen Unterschied zwischen einem Schachspieler mit einer Elozal von ca. 2790 und einem Schachspieler mit einer Eloxal von ca. 2730. Beide können auf hohem Niveau Schachspielen und Weltmeister werden. Ich weiß nicht was das mit diesem Elozahlenfetischismus soll, das Elo System hat seine Probleme.

    Man soll sich andere Schachweltmeisterschaft Wettkämpfe ansehen, wieviele Remis es da am Stück gab, z.B. Kasparaow vs. Anand 1995, 8 am Stück.

    Vielleicht hat man Boris Gelfand einfach unterschätzt und Anand überschätz mit seinem Titel.

    Ich denke Schachspielen können beide, beide habe das Zeug zum Weltmeister, was den Unterschied macht, wird das Psychologische sein.

    An den Autor der Kolumne: Wie populär ist Schach noch in Russland?

    3 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 19.05.2012 um 13:59 Uhr
    2. Phase?

    Als Laie: Vielleicht ein Phase, die man mit der Qualität des Fussballs Ende Anfang 1980ier /1990iger gleich setzen könnte. Guter Fussball war egal. Hauptsache man gewann, in dem man sich aus der Affäre zog. Rugby macht durch das "auf den Füsse stehen" der Defensive auch so eine Phase durch. Technisch schon ok, aber es fehlt der auch elegante Zug zum Versuch/Tor, denn es reicht ein(s).

    Eine Leserempfehlung
  1. Ganz klar, Boris Gelfand wird unterschätzt. Obwohl er schon seit gut 2 Jahrzehnte zum Spitzenschach gehört, ist er doch ein Spieler der nicht auffällt und nicht im Gedächnis bleibt. Wenn man Schachspieler nach starken Spieler frägt, so werden die wenigsten ihn nennen, obwohl er durchaus bekannt ist.
    Was die spielerische Fähigkeiten betrifft, ist Anand stärker. Er war nicht umsonst mehrmals Weltmeister. Allerdings ist Anand, wohl wegen die Geburt seines ersten Sohnes, nicht wirklich in Form.
    In wie weit Gelfand das ausnutzen kann, bleibt offen. In Tiebreak hat er wenig Chancen, da Anand ein sehr starker Schnellschach und Blitzspieler ist, trotz schlechter Form. Gelfand muss meiner Meinung nach die Entscheidung in den letzten Runden suchen. Ob sich aber eine Gelegenheit dazu bietet (Gelfand ist kein Spieler, der aggressiv auf Sieg spielt), bleibt offen.

  2. Nein, die Remis-Serie zu Beginn eines WM-Kampfes ist nicht das eigentlich Beunruhigende: Erwähnt wurde schon Kasparow-Anand 1995 (8 Remis!), zu ergänzen wäre Karpow - Kortschnoi Baguio City (7 Remis!). Aber was für Remisen ... Nein, auch diese Partien waren keineswegs alle ausgekämpft. Erinnert sei an Schlagzeilen zu 1995 (aus dem schönen Buch von Dagobert D. Kohlmeyer, Duell in den Wolken): "Kein Rock'n Roll", "Zu wenig Farbe", "Marathon ist kein Sprint", "Schattenboxen im Glaushaus". Aber - und das ist der entscheidende Unterschied zu 2012) - 1. Sizilianisch (Scheveninger), 2. Nimzo-Indisch, 3. Sizilianisch (Scheveninger), 4. Englisch, 5. Sizilianisch (Scheveninger), 6. Offener Spanier, 7. Sizilianisch (Najdorf), 8. Schottisch. Für den 4-fachen Sizilianer war übrigens Kasparow verantwortlich. Im übrigen standen Baguio 1978 und New York 1995 eindeutig unter außerschachlicher, politischer, ideologischer Spannung. Und heute?! Die Protagonisten wollen doch nur spielen - und sind nett zueinander. Gelfand fällt mit Weiß nichts ein, er wagt allerdings auch nichts. Anand als Weißer ist offenkundig eröffnungsstrategisch von Gelfand überrascht worden - das geht nicht ewig so weiter. Sowohl im Grünfeld-Inder als auch beim Sweschnikow hatten Vishys Adjutanten genug Zeit, erfolgversprechendere Taktiken herauszusuchen. Mein Tipp also: 6,5 : 4,5 für den Titelverteidiger.

    3 Leserempfehlungen
  3. 5. Danke

    Danke an die ZEIT für die Berichterstattung der Schachweltmeisterschaft in Moskau. Danke auch für die besonnenen Reflexionen in diesem Artikel. Beides, die Tatsache der Berichterstattung und kenntnisreiche Artikel, sind in einer Zeitung nicht selbstverständlich.

    Eine Leserempfehlung
  4. Was ist der Unterschied zwischen Schach und Fußball? Schach ist ein Glücksspiel, das in der Regel nicht unter freiem Himmel ausgetragen wird.

    Titel entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich. Danke, die Redaktion/lv

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    • TDU
    • 20.05.2012 um 9:42 Uhr

    Für mich als Laie wäre ein paar Argumente ganz interessant, wenns ernst gemeint war. Vermutlich ist es ein Glücksspiel, weil man Glück hat, entweder weil der Gegner Fehler macht oder die übersieht, die man selbst gemacht hat? Ne andere Möglichkeit gibts ja nicht.

    Aber wo Fehler sind, zählt nicht nur das Glück. Keine Würfel, keine Kugel, keine dauerhaften Glücksmomente, die das Spiel beeinflussen.

    Wobei man manch den jüngsten Erkenntnissen über die Roulettetechnik der Croupiers in Bezug auf das Einwerfen der Kugel in den Kessel auch daran wieder zweifeln könnte.

    • TDU
    • 20.05.2012 um 9:42 Uhr

    Für mich als Laie wäre ein paar Argumente ganz interessant, wenns ernst gemeint war. Vermutlich ist es ein Glücksspiel, weil man Glück hat, entweder weil der Gegner Fehler macht oder die übersieht, die man selbst gemacht hat? Ne andere Möglichkeit gibts ja nicht.

    Aber wo Fehler sind, zählt nicht nur das Glück. Keine Würfel, keine Kugel, keine dauerhaften Glücksmomente, die das Spiel beeinflussen.

    Wobei man manch den jüngsten Erkenntnissen über die Roulettetechnik der Croupiers in Bezug auf das Einwerfen der Kugel in den Kessel auch daran wieder zweifeln könnte.

    • TDU
    • 20.05.2012 um 9:42 Uhr

    Für mich als Laie wäre ein paar Argumente ganz interessant, wenns ernst gemeint war. Vermutlich ist es ein Glücksspiel, weil man Glück hat, entweder weil der Gegner Fehler macht oder die übersieht, die man selbst gemacht hat? Ne andere Möglichkeit gibts ja nicht.

    Aber wo Fehler sind, zählt nicht nur das Glück. Keine Würfel, keine Kugel, keine dauerhaften Glücksmomente, die das Spiel beeinflussen.

    Wobei man manch den jüngsten Erkenntnissen über die Roulettetechnik der Croupiers in Bezug auf das Einwerfen der Kugel in den Kessel auch daran wieder zweifeln könnte.

    Antwort auf "[...] "
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    @7 Vergleichspunkte zwischen Schach und Fußball gibt es so manche - beide sind aber kein "Glücksspiel" (im engeren Sinne), weil sowohl Schach als auch Fußball die beteiligten Opponenten von den Regeln her nicht begünstigen (das gilt auch für Tennis und andere Ballsportarten). Insofern war mein Einwurf natürlich höchst ironisch gemeint (und dem lieben Moderator, der mir gerade die Titelzeile "Rasenschach" entfernt hat wg. Mangel an Sachlichkeit, entbiete ich einen fröhlichen Morgengruß und die Frage, wieviel Ironie denn gestattet sei?!). Hingegen sind Bridge, Skat, Poker eben doch "Glücksspiel" weil die Wahrheit nicht offen auf dem Brett oder Platz liegt, sondern versteckt in den Karten - der Zufall hat ausgeteilt.

    @7 Vergleichspunkte zwischen Schach und Fußball gibt es so manche - beide sind aber kein "Glücksspiel" (im engeren Sinne), weil sowohl Schach als auch Fußball die beteiligten Opponenten von den Regeln her nicht begünstigen (das gilt auch für Tennis und andere Ballsportarten). Insofern war mein Einwurf natürlich höchst ironisch gemeint (und dem lieben Moderator, der mir gerade die Titelzeile "Rasenschach" entfernt hat wg. Mangel an Sachlichkeit, entbiete ich einen fröhlichen Morgengruß und die Frage, wieviel Ironie denn gestattet sei?!). Hingegen sind Bridge, Skat, Poker eben doch "Glücksspiel" weil die Wahrheit nicht offen auf dem Brett oder Platz liegt, sondern versteckt in den Karten - der Zufall hat ausgeteilt.

  5. @7 Vergleichspunkte zwischen Schach und Fußball gibt es so manche - beide sind aber kein "Glücksspiel" (im engeren Sinne), weil sowohl Schach als auch Fußball die beteiligten Opponenten von den Regeln her nicht begünstigen (das gilt auch für Tennis und andere Ballsportarten). Insofern war mein Einwurf natürlich höchst ironisch gemeint (und dem lieben Moderator, der mir gerade die Titelzeile "Rasenschach" entfernt hat wg. Mangel an Sachlichkeit, entbiete ich einen fröhlichen Morgengruß und die Frage, wieviel Ironie denn gestattet sei?!). Hingegen sind Bridge, Skat, Poker eben doch "Glücksspiel" weil die Wahrheit nicht offen auf dem Brett oder Platz liegt, sondern versteckt in den Karten - der Zufall hat ausgeteilt.

    Antwort auf "@ 6 donquichotte "
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    • TDU
    • 20.05.2012 um 19:58 Uhr

    Danke. Vielleicht hatte der Moderator eine ungute Assoziation zu der Sportart American Football, die ja mitunter auch als Rasenschach bezeichnet wird und wollte das Aufkommen einer agressiven Stimmung vermeiden.

    Interessant Ihre Wertung bezüglich Bridge, Skat oder Poker. Das ist vielleicht die Faszination dieser Spiele: aus dem Zufall noch was machen können.

    Trifft man eine schöne Frau zufälligerweise (oder einen schönen Mann) kann man das nicht wiederholen oder planbare analytische Massnahmen im Wiederholungsfall treffen. Disco oder Gesellschaft ist schon kein Zufall mehr.

    • jop
    • 24.05.2012 um 12:35 Uhr

    Bridge - das sich von der spieltechnischen Komplexität her zu Skat so verhält wie Schach zu Halma - ist unter annähernd gleichwertigen Gegnern tatsächlich glücksabhängig, insofern derjenige gewinnen wird, der bessere Karten hält. Genau aus diesem Grund werden Bridgeturniere schon seit langem vergleichend abgerechnet: die gleiche Austeilung wird mehrmals gespielt, es zählt zum Schluß nicht absolut erzielte Punktzahl, sondern nur die Frage, ob man aus seinen Karten mehr herausgeholt hat als die anderen Teilnehmer, die mit den gleichen Karten gespielt haben. Deshalb ist Bridge, zusammen mit Schach und Go, Teil der Denksportolympiade.

    Daß es spieltechnisch so komplex und damit so viel interessanter als Skat oder Doppelkopf ist, kommt als Sahnehäubchen hinzu, ist aber nicht der entscheidende Unterschied.

    • TDU
    • 20.05.2012 um 19:58 Uhr

    Danke. Vielleicht hatte der Moderator eine ungute Assoziation zu der Sportart American Football, die ja mitunter auch als Rasenschach bezeichnet wird und wollte das Aufkommen einer agressiven Stimmung vermeiden.

    Interessant Ihre Wertung bezüglich Bridge, Skat oder Poker. Das ist vielleicht die Faszination dieser Spiele: aus dem Zufall noch was machen können.

    Trifft man eine schöne Frau zufälligerweise (oder einen schönen Mann) kann man das nicht wiederholen oder planbare analytische Massnahmen im Wiederholungsfall treffen. Disco oder Gesellschaft ist schon kein Zufall mehr.

    • jop
    • 24.05.2012 um 12:35 Uhr

    Bridge - das sich von der spieltechnischen Komplexität her zu Skat so verhält wie Schach zu Halma - ist unter annähernd gleichwertigen Gegnern tatsächlich glücksabhängig, insofern derjenige gewinnen wird, der bessere Karten hält. Genau aus diesem Grund werden Bridgeturniere schon seit langem vergleichend abgerechnet: die gleiche Austeilung wird mehrmals gespielt, es zählt zum Schluß nicht absolut erzielte Punktzahl, sondern nur die Frage, ob man aus seinen Karten mehr herausgeholt hat als die anderen Teilnehmer, die mit den gleichen Karten gespielt haben. Deshalb ist Bridge, zusammen mit Schach und Go, Teil der Denksportolympiade.

    Daß es spieltechnisch so komplex und damit so viel interessanter als Skat oder Doppelkopf ist, kommt als Sahnehäubchen hinzu, ist aber nicht der entscheidende Unterschied.

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