Schach-WMAngriffslust und präzise Verteidigung

Der Auftakt des WM-Duells war alles andere als langweilig. Herausforderer Boris Gelfand zeigt Ambition, Weltmeister Viswanathan Anand Standvermögen.

Der Schachprofi Boris Gelfand aus Israel

Der Schachprofi Boris Gelfand aus Israel

Der Spielsaal ähnelt einem Hörsaal, relativ eng, in die Höhe gestaffelt, abgedunkelt – alle Konzentration soll sich auf die hell erleuchtete Bühne am unteren Ende richten. In ihrer Mitte befindet sich ein Tisch mit einem Schachbrett darauf. Die Figuren sind aus edlem Holz geschnitzt und innen mit Metall beschwert. Sie sollen gut in der Hand liegen und sicher stehen. Das Brett ist verkabelt; jeder Zug wird von Sensoren erfasst und elektronisch ins Netz übermittelt. Kameras auf der Bühne nehmen die Spieler in den Blick, für die Videoübertragung. Was die Zuschauer im Saal sehen, soll die ganze Welt sehen.

Eine Glasscheibe trennt die Bühne vom Saal; sie reicht vom Boden bis zur Decke. Kein Laut aus dem Publikum darf die Akteure stören. Die nächsten Stunden sollen allein ihnen gehören, ihren stillen Absichten und Plänen, ihrer stillen Lust am Kampf, ihrer stillen Angst.

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Am Freitag kurz vor 15 Uhr drängeln sich Dutzende Fernsehteams und Fotografen vor der Glaswand in der Moskauer Tretjakow-Galerie. Nichts ist zu hören im Hörsaal, nur das Rattern der Fotoapparate. Bitte nicht blitzen! Eine Digitaluhr zeigt den Countdown. Noch 3 Minuten und 49 Sekunden bis zum ersten Zug.

Schach-WM in Moskau

Seit Freitag, dem 11. Mai bis zum 28. Mai kämpfen der Titelverteidiger Viswanathan Anand aus Indien und Boris Gelfand aus Israel in Moskau um die Schach-WM. Der Zweikampf ist auf zwölf Partien angesetzt. Steht es danach 6:6, fällt die Entscheidung am 30. Mai im Tiebreak. Gespielt wird in der Tretjakow-Galerie, alle Begegnungen beginnen jeweils um 13 Uhr. Mehr Informationen auf der offiziellen WM-Seite. Unser Reporter Ulrich Stock berichtet über den Titel-Kampf in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE.

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Die erste Partie der Schachweltmeisterschaft 2012 – jetzt kommt es drauf an, jetzt nur nichts falsch machen. Jetzt gleich den richtigen Ton treffen, in aller Stille.

Für Gelfand ist es das erste WM-Finale

Der Herausforderer erscheint. Boris Gelfand aus Israel zeigt sich der Welt. Die Fotografen drehen schier durch, es geht jetzt um Nuancen. Zum Glück hat er einen Charakterkopf. Jede Furche, jede Falte will festgehalten sein.

Wo bleibt Anand? Warum sitzt Gelfand minutenlang einfach nur da? Testet er die Intensität des Interesses an ihm? Wie es sich anfühlt, da auf der Bühne jetzt drei Wochen lang zu sitzen? Oder nutzt er die letzten Momente vor seinem ersten WM-Finale, um sich an die Spannung zwischen seinen innersten Regungen und ihrer globalen Wahrnehmung zu gewöhnen?

Anand erscheint, Beifall brandet auf: Der Weltmeister aus Indien ist da! Er gibt seinem Gegenüber die Hand, die beiden kennen und schätzen einander. Unfreundlichkeiten und Mätzchen sind ihre Sache nicht. 

Der Chef des Weltschachverbandes, Kirsan Ilyumzhinow, wird nach alter Sitte den ersten Zug ausführen. Bis vor zwei Jahren war Ilyumzhinow noch Präsident der russischen Teilrepublik Kalmückien. Vor einem knappen Jahr, mitten im Libyen-Krieg, spielte er in Tripolis eine Partie Schach mit Gaddafi. Anders als Gaddafi hat er sie überlebt.

Anand hat Weß. Er eröffnet mit 1. d4, dem Doppelschritt des Damenbauern. Eine solide Wahl, vielleicht die beste. Der Bauer ist von der eigenen Dame gedeckt, das beugt schwarzen Gelüsten vor. Gelfand aber reagiert nicht hasenfüßig. Er zieht seinen Königsspringer hervor, und gleich im dritten Zug wählt er eine Variante, die man von ihm bislang nicht kannte. Es ist Grünfeld-Indisch, benannt nach dem österreichischen Meister Ernst Grünfeld, der diese Zugfolge vor neunzig Jahren erstmals anwandte. Dem Erfinder war die eigene Schöpfung durchaus nicht geheuer; sie war völlig asymmetrisch, überließ dem Weißen das Zentrum und würde, so aufregend sie auch war, über kurz oder lang widerlegt werden.

Es sollte anders kommen. Heute zählt die Verteidigung zu den lebendigsten und interessantesten, die dem Schwarzen zur Verfügung stehen; vor allem ermöglichen sie ihm, der dem Weißen ja immer einen halben Zug hinterherhinkt, aktiv zu spielen. Wer Grünfeld wählt, will kein Remis, sondern mehr. Ein Signal!

Im Dickicht der Zugmöglichkeiten

Anand spielt selber Grünfeld. Er muss also gegen seine eigene Variante antreten. Die Überraschung ist Gelfand gelungen.

Aber der Inder Anand, den sie einst den "Tiger von Madras" nannten, ist alles andere als ein Bettvorleger. Er revanchiert sich wenig später mit einem ebenso unerwarteten Zug: einem Läuferschach auf dem Feld b5. Um die Besonderheit seiner Wahl zu verstehen, muss man wissen, dass Schachspieler über die vergangenen Jahrhunderte in das Dickicht aus unüberschaubaren Zugmöglichkeiten  etliche Schneisen geschlagen haben. Entlang dieser Wege tasten sie sich ins Fremde vor. Diese sogenannten Hauptvarianten sind deshalb so beliebt, weil sie dem Weißen am ehesten einen dauerhaften Vorteil versprechen und dem Schwarzen am ehesten erlauben, das Gleichgewicht zu wahren. Wer als Weißer vorzeitig abweicht, riskiert den Verlust des Anzugsvorteils. Aber die vorzeitige Abweichung kann den Gegner natürlich auch verwirren. Was, wenn er sich plötzlich nicht mehr so gut  auskennt und nicht die besten Züge findet? 

Schach hat inzwischen viel mit am Computer präparierten Eröffnungen zu tun; bloß spielt die Psychologie immer noch mit. Und auf die versteht sich Anand so gut wie kaum ein anderer. Er pariert die Überraschung mit einer Gegenüberraschung.

Es spricht für Gelfand, dass er sich von dem Läuferzug nicht beeindrucken lässt.  Zwar verbraucht er deutlich mehr Zeit als Anand, und zwei Stunden für vierzig Züge hat ja jeder nur, aber er holt sich einen Bauern und verteidigt sich präsize. Das schachkundige Moskauer Publikum erlebt einen Herausforderer, der die schwarzen Steine führt und leichten Vorteil erlangt, obwohl die statistisch erfassten Erwartungen zum WM-Ausgang fast 8 zu 1 gegen ihn stehen.

Einigung auf ein Unentschieden

Anand gelingt es schließlich, kraft seines guten Stellungsgefühls, Gelfands Plus zu neutralisieren. Nach gut drei Stunden und exakt 24 Zügen einigen sich die Spieler auf ein Unentschieden.

Bei der folgenden Pressekonferenz geht es natürlich um die Eröffnungswahl. Gelfand auf die Frage einer russischen Journalistin, ob er Anand mit Grünfeld überrascht habe: "Das müssen Sie Anand fragen."

Anand auf die Frage, ob Gelfand ihn mit Grünfeld überrascht habe: "Man erwartet eine Überraschung in so einer Partie. Man erwartet etwas."

Der britische Spitzenspieler Nigel Short, als launiger Kommentator in Moskau tätig, bringt es auf die schöne Formel von der "erwarteten Überraschung".

Der WM-Kampf hat jedenfalls gut begonnen. Gelfand wirkte gelöst nach dem Auftakt. Viele Schachspieler hatten geunkt, ihm würde hier  einfach nur mitgespielt. Denen  – und sich selbst – hat er jetzt gezeigt: Er spielt mit.
 

 
Leserkommentare
  1. 1. Danke

    Noch einmal Danke für die Berichterstattung. Schön wäre es aber, jeweils einen Link auf die Übertragung einzubinden.

    2 Leserempfehlungen
    • mpajer
    • 12.05.2012 um 16:59 Uhr

    http://moscow2012.fide.co... Nur Englischer Kommentar, aber Nigel Short ist gut!

    Ich würde gern GM Klaus Bischoff hören, sein Kommentar auf Schach.de ist aber kostenpflichtig.

    Naja, Anand ist schon ein bisschen entzaubert! Das mit den nur insgesamt 12 Partien ist schwachsinnig, wie soll es da nicht zu vielen Remis kommen, wahrscheinlich wird eine Partie entscheiden.

    • ruphus
    • 12.05.2012 um 18:26 Uhr

    der Lust auf mehr macht; danke dafür.

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