Die sechste Partie ist gespielt, und wieder ist es ein Remis. Wieder verteidigte sich Weltmeister Anand mit der Slawischen Variante des Damengambits, und wieder konnte er die Stellung ausbalancieren. Es steht drei zu drei. Und nun?

Die in Moskau versammelten WM-Journalisten hatten am Freitag nicht viel Zeit, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, weil sie noch unter dem Eindruck eines Naturereignisses standen. Kaum hatte nämlich die sechste Partie begonnen, fand sich der frühere Weltmeister Garri Kasparow im Pressezentrum ein, um mal seine Sicht der Dinge darzutun. Und wer eine Zehntelsekunde lang gedacht hatte, Kasparow wäre gekommen, um dem amtierenden Weltmeister und dessen möglichen Nachfolger die Ehre zu erweisen, der sah sich auf der Stelle eines Besseren belehrt.

Kasparow teilt aus

Kasparow sprühte sofort los: Anand und Gelfand seien nicht die weltbesten Spieler. Gelfand hätte vor fast zwanzig Jahren seine letzte Partie gegen Anand gewonnen. Anand habe keine Lust mehr zum Schachspielen, und um die Zukunft des russischen Schachs sei es im Übrigen auch schlecht bestellt. Er sehe niemanden unter den Jugendlichen, der über ein herausragendes Talent verfüge.

So weit Kasparow. Man könnte seinen Auftritt auch anders zusammenfassen: Ich, Garri Kasparow, war der Größte und werde immer der Größte gewesen sein.

Versinkt der indische Subkontinent jetzt in Depression, weil das Kraftpaket wütete wie ein Elefant und kein gutes Wort über seinen Nachnachfolger Anand fand, einen zurückhaltenden Mann mit exzellenten Manieren? "Nein", sagt V. Krishnaswamy von der Zeitung Mail Today aus Neu Delhi , "das ist Kasparow. So kennt man ihn. Ich kenne ihn seit seinem ersten Kampf gegen Anand 1995 in New York . Er hat sich nicht verändert. Hätte er sich verändert, wäre das eine Meldung gewesen!"

Kasparow, der wortgewaltige Ego-Rüpel, der beim Kampf auf der 107. Etage des Südturms des World Trade Centers damals immer die Tür seiner Kabine hinter sich zuschlug, wenn er Anand auf der Bühne am Brett zurückließ. Anand nahm es hin und verlor – trotzdem, deshalb oder ganz unabhängig davon. Aber die Tür ist seitdem in der Welt, und am Freitag schlug sie Kasparow mal wieder in alle Richtungen zu.

Experten blicken nicht mehr auf Spieler

Anand opferte unterdessen einen Bauern, Gelfand gab ihn bald zurück, sie spielten eine phasenweise muntere Partie – vom versammelten Schachsachverstand zunächst unbemerkt, weil alle Experten dem Kasparowschen Geysir beim Spucken zusahen.

Der ruhelose Eigentlich-noch-Weltmeister beendete seine Pressekonferenz, setzte sich eine Weile zu den Kommentatoren in ihre Kabinen, um teils auf Englisch, teils auf Russisch das eben Gesagte für den internationalen Videostream noch einmal zu wiederholen, und begab sich dann in den Innenhof der Tretjakow-Galerie, um bei einem Simultan an 14 Brettern jungen Talenten ihre Unbegabtheit nachzuweisen.

Anand und Gelfand mächten währenddessen Remis. Wie ein Balsam legte es sich auf die Nerven der Anwesenden.