Schach-WMAnand, Gelfand und Elefant

Naturereignis am Brett: Ex-Schachweltmeister Kasparow hat die sechste Partie zwischen Gelfand und Anand besucht und hatte einen Temperamentsausbruch. von 

Die Kontrahenten bei der WM in Moskau

Die Kontrahenten bei der WM in Moskau  |  © Kirill Kudryavtsev/AFP/Getty Images

Die sechste Partie ist gespielt, und wieder ist es ein Remis. Wieder verteidigte sich Weltmeister Anand mit der Slawischen Variante des Damengambits, und wieder konnte er die Stellung ausbalancieren. Es steht drei zu drei. Und nun?

Die in Moskau versammelten WM-Journalisten hatten am Freitag nicht viel Zeit, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, weil sie noch unter dem Eindruck eines Naturereignisses standen. Kaum hatte nämlich die sechste Partie begonnen, fand sich der frühere Weltmeister Garri Kasparow im Pressezentrum ein, um mal seine Sicht der Dinge darzutun. Und wer eine Zehntelsekunde lang gedacht hatte, Kasparow wäre gekommen, um dem amtierenden Weltmeister und dessen möglichen Nachfolger die Ehre zu erweisen, der sah sich auf der Stelle eines Besseren belehrt.

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Kasparow teilt aus

Kasparow sprühte sofort los: Anand und Gelfand seien nicht die weltbesten Spieler. Gelfand hätte vor fast zwanzig Jahren seine letzte Partie gegen Anand gewonnen. Anand habe keine Lust mehr zum Schachspielen, und um die Zukunft des russischen Schachs sei es im Übrigen auch schlecht bestellt. Er sehe niemanden unter den Jugendlichen, der über ein herausragendes Talent verfüge.

So weit Kasparow. Man könnte seinen Auftritt auch anders zusammenfassen: Ich, Garri Kasparow, war der Größte und werde immer der Größte gewesen sein.

Schach-WM in Moskau

Seit Freitag, dem 11. Mai bis zum 28. Mai kämpfen der Titelverteidiger Viswanathan Anand aus Indien und Boris Gelfand aus Israel in Moskau um die Schach-WM. Der Zweikampf ist auf zwölf Partien angesetzt. Steht es danach 6:6, fällt die Entscheidung am 30. Mai im Tiebreak. Gespielt wird in der Tretjakow-Galerie, alle Begegnungen beginnen jeweils um 13 Uhr. Mehr Informationen auf der offiziellen WM-Seite. Unser Reporter Ulrich Stock berichtet über den Titel-Kampf in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE.

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Versinkt der indische Subkontinent jetzt in Depression, weil das Kraftpaket wütete wie ein Elefant und kein gutes Wort über seinen Nachnachfolger Anand fand, einen zurückhaltenden Mann mit exzellenten Manieren? "Nein", sagt V. Krishnaswamy von der Zeitung Mail Today aus Neu Delhi , "das ist Kasparow. So kennt man ihn. Ich kenne ihn seit seinem ersten Kampf gegen Anand 1995 in New York . Er hat sich nicht verändert. Hätte er sich verändert, wäre das eine Meldung gewesen!"

Kasparow, der wortgewaltige Ego-Rüpel, der beim Kampf auf der 107. Etage des Südturms des World Trade Centers damals immer die Tür seiner Kabine hinter sich zuschlug, wenn er Anand auf der Bühne am Brett zurückließ. Anand nahm es hin und verlor – trotzdem, deshalb oder ganz unabhängig davon. Aber die Tür ist seitdem in der Welt, und am Freitag schlug sie Kasparow mal wieder in alle Richtungen zu.

Experten blicken nicht mehr auf Spieler

Anand opferte unterdessen einen Bauern, Gelfand gab ihn bald zurück, sie spielten eine phasenweise muntere Partie – vom versammelten Schachsachverstand zunächst unbemerkt, weil alle Experten dem Kasparowschen Geysir beim Spucken zusahen.

Der ruhelose Eigentlich-noch-Weltmeister beendete seine Pressekonferenz, setzte sich eine Weile zu den Kommentatoren in ihre Kabinen, um teils auf Englisch, teils auf Russisch das eben Gesagte für den internationalen Videostream noch einmal zu wiederholen, und begab sich dann in den Innenhof der Tretjakow-Galerie, um bei einem Simultan an 14 Brettern jungen Talenten ihre Unbegabtheit nachzuweisen.

Anand und Gelfand mächten währenddessen Remis. Wie ein Balsam legte es sich auf die Nerven der Anwesenden.
 

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Leserkommentare
    • Nimzo
    • 18. Mai 2012 20:38 Uhr

    [Kasparow sprühte sofort los: Anand und Gelfand seien nicht die weltbesten Spieler. Gelfand hätte vor fast zwanzig Jahren seine letzte Partie gegen Anand gewonnen. Anand habe keine Lust mehr zum Schachspielen, und um die Zukunft des russischen Schachs sei es im Übrigen auch schlecht bestellt. Er sehe niemanden unter den Jugendlichen, der über ein herausragendes Talent verfüge.]

    Natürlich ist es ganz anders^^

    1) Anand und Gelfand sind aktuell die superweltbesten Spieler.
    2) Anand strotzt vor ungeheurer Spielfreude.
    3) Es gibt unzählige herausragende russische Talente. U.a. Vladimir Stockfish und Igor Rybka. Bereits mit einer ELO über 2900...
    4) Kasparow war in den letzten Jahrzehnten nicht der beste. Es gab auch noch andere Superweltmeister: Ponomariow, Chalifman, Kasim... (sorry für die Rechtschreibung)

    Hätte Kasparow nicht herumgepoltert, würden die beiden "Kombatanten" möglicherweise die Maximalpartiegrenze von
    12 Partien verschlafen und den Zuschauern wäre es nicht aufgefallen, dass Vishy und Gelfand auch noch in der 14. Partie remisieren :-)

    Diese "WM" der beiden hat fast schon den Flair eines Freundschaftskampfes - obligatorisch gesponsert von irgendeinem Energiekonzern. Andererseits:

    Beide Spieler sind sympathisch. Hat etwas von einem Tennisschaukampf wie zwischen Boris Becker und Henri Leconte (oder Rocky 10).

    Um das Schach in Deutschland populärer zu machen, hätte man den Wettkrampf auf ARD im Abendprogramm ausstrahlen können. Mit Netzer und Delling!!

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    1.Nie hatte jemals ein Spieler eine FIDE-Elo von 2900 oder mehr. Die von Ihnen genannten "Spieler" sind Schachprogramme und laufen außer Konkurrenz.

    2. Die beide Spieler sind keinesfalls die superbesten Spieler. Dazu erwähne ich mal Magnus Carlsen (Fide-Rangliste Nr.1). Der gehört in so einen Wettkampf.

    3. Kasparow war zu seinen Weltmeisterzeiten unbestritten ein Spieler, der alle anderen überragte. Das lässt sich von seinen Nachfolgern nicht sagen. Aber das er ein Mega-Ego besitzt, stimmt. Ich durfte es vor 25 Jahren persönlich erleben.

    4. Dass der Wettkampf den Charakter eines Freundschaftsmatches hat, ist auch mein Eindruck.

    Nimzo hat es eigentlich schon gesagt. Entweder geht ihnen ein Sinn für Ironie völlig ab oder Sie sind gar ein notorischer Besserwisser - dann allerdings einer, der - mit Verlaub - nicht die Substanz hat, sich so etwas leisten zu können

    ich habe mir das Kasparow-Interview ja auch angesehen gehabt. Die von ihrem Redakteur m.E. doch teilweise etwas überzeichneten Kasparow-Äußerungen dann am Ende schlagzeilenträchtig gar als "Wutausbruch" und Kasparow als "Elefant" zu bezeichnen, finde ich dann im Endeffekt doch reichlich übertrieben bzw. etwas allzu effektheischend bzw. boulevardjournalistisch angehaucht. Naja; der Schreiber konnte dem Reiz von "Anand-Gelfand-Elefant(d)"offenbar nicht widerstehen

    • mpajer
    • 18. Mai 2012 22:02 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Kommentaren an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/vn

    • mpajer
    • 18. Mai 2012 22:11 Uhr

    "Egozentrik (zu griech./lat.: ego = ich und centrum Mittelpunkt) bezeichnet die Eigenschaft des menschlichen Charakters, sich selbst im Mittelpunkt zu sehen und, damit meistens einhergehend, eine übertriebene Selbstbezogenheit (die man nicht mit Egoismus verwechseln sollte) und die Eigenschaft, andere Menschen und Dinge beständig an sich selbst und der eigenen Perspektive zu messen."

    • LaoLu
    • 19. Mai 2012 0:25 Uhr

    War das nich der, den man uns in regelmäßigen Abständen entweder als Oppositionsführer oder zumindest als prominenten Dissidenten gegen das Regime in Russland präsentiert?

  1. 1.Nie hatte jemals ein Spieler eine FIDE-Elo von 2900 oder mehr. Die von Ihnen genannten "Spieler" sind Schachprogramme und laufen außer Konkurrenz.

    2. Die beide Spieler sind keinesfalls die superbesten Spieler. Dazu erwähne ich mal Magnus Carlsen (Fide-Rangliste Nr.1). Der gehört in so einen Wettkampf.

    3. Kasparow war zu seinen Weltmeisterzeiten unbestritten ein Spieler, der alle anderen überragte. Das lässt sich von seinen Nachfolgern nicht sagen. Aber das er ein Mega-Ego besitzt, stimmt. Ich durfte es vor 25 Jahren persönlich erleben.

    4. Dass der Wettkampf den Charakter eines Freundschaftsmatches hat, ist auch mein Eindruck.

    Eine Leserempfehlung
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    • Nimzo
    • 19. Mai 2012 9:15 Uhr

    Dass man mit Grundkenntnissen aus der Schachszene die Ironie bei Vladimir Stockfish und Igor Rybka (und einer ELO 2900+) nicht erkennen kann, tut mir leid. Ebenso u.a. bei Gelfand als superbester Spieler.

    Bei Mannschaftsturnieren im Schach ist aber diese Verkrampftheit häufig unverkennbar ;-)

    • konne
    • 19. Mai 2012 3:41 Uhr

    Anand ist ein netter Mensch. Ich bin ihm öfters auf einem Turnier begegnet. KArpow ist wie er ist un d Schach ist etwas besonderes wo die Spieler irgendwie auffallen müssen. Leider werden diese PArtien transmitiert un d die Fans beurteilen mit ihren Programmen wie Houdini oder Rybka wie gut dieser oder jener Zug wirklich war (ich lasse es hie hingestellt ob die Evaluation des Programms richtig war oder nicht). Hier wird leider jicht wie früher zugesehen und ein jeer gibt seine Meinung ab (ohne ein Prrogramm zu konsultieren). Naja die Schachwelt muss von sich zu hören geben damit man weiss dass sie existiert.

    • Nimzo
    • 19. Mai 2012 9:15 Uhr

    Dass man mit Grundkenntnissen aus der Schachszene die Ironie bei Vladimir Stockfish und Igor Rybka (und einer ELO 2900+) nicht erkennen kann, tut mir leid. Ebenso u.a. bei Gelfand als superbester Spieler.

    Bei Mannschaftsturnieren im Schach ist aber diese Verkrampftheit häufig unverkennbar ;-)

    Antwort auf "Viel Unsinn"
  2. Nimzo hat es eigentlich schon gesagt. Entweder geht ihnen ein Sinn für Ironie völlig ab oder Sie sind gar ein notorischer Besserwisser - dann allerdings einer, der - mit Verlaub - nicht die Substanz hat, sich so etwas leisten zu können

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Garri Kasparow | Depression | Remis | Schach | Jugendliche | Schach-WM
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