Schach-WM : Die Schacherklärer

Sieben Remisen in neun Partien. Wie das? Und wie geht es weiter? Wenn die Schachwelt sich am Kopf kratzt, schlägt die Stunde der Kommentatoren.
Boris Gelfand (l.) und Viswanathan Anand

Drei Viertel der Weltmeisterschaft sind herum, neun von zwölf Partien sind gespielt, und ist die Zeit nicht wie im Flug vergangen? Nun, manchem wurde die erste Hälfte des Duells etwas lang, sechs Remisen in Folge. Seit dem Wochenende aber geht es rund: Am Sonntag gewinnt Gelfand , am Montag Anand , am Mittwoch fast wieder Gelfand, aber es wird dann doch Remis . Nach wie vor steht es unentschieden: 4,5 zu 4,5.

So fällt eine Prognose über den Ausgang dieser WM vor ihrem letzten Viertel noch schwerer als je zuvor. Je wechselhafter das Kampfgeschehen wird, desto größeres Gewicht kommt den Kommentatoren zu. Wenn das Publikum sich weltweit am Kopf kratzt, sind die Experten mit Hintergrundinformationen zur Stelle. Sie deuten und übersetzen die Partien, was so erhellend wie unterhaltsam sein kann.

Die originellste Idee zur achten Partie hatte der englische Großmeister Daniel King. Auf der Website der Hamburger Schachfirma chessbase stellt er seinem Video über den kürzesten Sieg der WM-Geschichte, Anand gegen Gelfand, 17 Züge im Mai 2012, ein Video über den zweitkürzesten Sieg voran: Steinitz gegen Zuckertort, 19 Züge im März 1886. Es war die letzte Partie der ersten Schachweltmeisterschaft   und wiewohl die Protagonisten in New Orleans ein romantisches Königsgambit auflegten, sah ihre Stellung nach ein paar Zügen ähnlich wild aus wie das in Moskau gespielte Königsindisch. Welcher andere Sport lädt über eine Distanz von 126 Jahren zu so direkten Vergleichen ein? Ein starkes Argument für die Beibehaltung der Institution Schachweltmeisterschaft, an der es mancherlei Kritik gibt.


Live moderiert Dirk Jan ten Geuzendam den englischsprachigen Kommentar auf der WM-Seite . Zu jeder Runde hat er in Moskau wechselnde Studiogäste, vom einstigen WM-Finalisten Nigel Short aus Großbritannien über den in Moskau lebenden Franzosen Joel Lautier bis hin zum sechsfachen russischen Meister Peter Svidler. Auch der ehemalige Weltmeister Garri Kasparow schaute schon bei ihm vorbei .

Geuzendam, Mitte 50, ist Chefredakteur von New In Chess , eines in den Niederlanden auf Englisch erscheinenden Schachmagazins, das in der ganzen Welt gelesen wird. Als Moderator ist Geuzendam ein Neuling und eine Entdeckung. Selbst kein sehr starker Spieler, ist er ein erfahrener Journalist, der die Meister reden lässt und meist nur dann eingreift, wenn es zu kompliziert oder zu langweilig wird. Er ist alert, nicht betulich wie viele seiner deutschsprachigen Kollegen.

In seinen Sendungen aus Moskau gibt es keine Unterstützung durch Computer, was ihnen das Besserwisserische nimmt und sie durch gelegentliche Fehleinschätzungen überraschend und lebendig macht. Der ungarische WM-Finalist Peter Leko pries zum Beispiel jenen Damenzug, der dem Herausforderer Gelfand seine krachende Niederlage einbrachte. Was einen lehren kann: Auch Meister können irren, und Gelfand ist nicht der Volltrottel, als den ihn die seelenlosen Schachprogramme dastehen lassen.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

126 Jahre und keinerlei Entwicklung

»Welcher andere Sport lädt über eine Distanz von 126 Jahren zu so direkten Vergleichen ein?«

Jeder "Sport" der sich kein bisschen verändert und weiterentwickelt hat.
Schach ist kein Sport sondern lediglich eine triviale, weil berechenbare, Aufgabe.

Es existieren endlich viele Stellungen in denen Weiß gewinnt, Schwarz gewinnt oder ein Matt eintritt und alle Züge zum erreichen dieser Stellungen sind berechenbar.

Das ist in etwas so spannend wie das Lösen der Aufgabe 2x=4.

Ignoranz...

Selten soviel Ignoranz gesehen. Dabei ist ihre Aussage auch noch völlig haltlos.

"In der Spieltheorie wird Schach den endlichen Nullsummenspielen mit perfekter Information zugeordnet. Theoretisch könnte man also ermitteln, ob bei beiderseits perfektem Spiel Weiß oder Schwarz gewinnt oder die Partie remis enden muss. Nach heutigem Wissensstand erscheint es jedoch ausgeschlossen, dass diese Frage durch vollständige Berechnung des Suchbaums geklärt werden kann."

Sie schreiben:

"Es existieren endlich viele Stellungen in denen Weiß gewinnt, Schwarz gewinnt oder ein Matt eintritt und alle Züge zum erreichen dieser Stellungen sind berechenbar."

Wenn Sie mir jetzt noch erklären, wie Weiß oder Schwarz gewinnen, ohne dass sie dazu Matt setzen müssen, dann könnte ich Ihren Beitrag vielleicht sogar ernst nehmen.

P.S.: Vorzeitige Partieaufgabe durch den Spieler zählt im Sinne der von Ihnen postulierten Berechenbarkeit dabei nicht.

Es sollte nicht einfach sein, es ist einfach.

Zitat: »Das ist in etwas so spannend wie das Lösen der Aufgabe 2x=4«. Wer lesen kann ist also klar im Vorteil ;-)

Deep Blue hat bereits 1996 einen Schachweltmeister besiegt, seither sind die technischen Beschränkungen mit Zeit- und Platzkomplexität des Algorithmus kleiner geworden.

Ich trainiere lieber weiter Karate, Jiu Jitsu und Kendo, das ist wenigstens spannender als das kleine 1x1 aufzusagen :-)

Eleganter Zug

Da musste ich jetzt aber sehr schmunzeln...

Anand zagte mal sinngemäß: In einer schlechten Position ist fast jeder Zug falsch... Ich würde Ihre Position als denkbar schlecht einschätzen, aber das war doch einunerwarteter kleiner Satz :)

Und obwohl unter diesem Artikel nur endlich viele Buchstaben als Kommentar stehen können und die möglichen Buchstaben auch eine endliche Menge darstellen fand ich's ganz nett!

Weiter so!

Sie implizieren

mit Ihrer etwas albernen Anmerkung vermutlich, dass Ihr Oder als nicht-ausschließendes Oder gemeint war. Ihrer speziellen Logik zufolge ist es dann auch prinzipiell möglich, daß beide Farben gleichzeitig gewinnen können und das, ohne Matt zu setzen.

Ich freue mich immer, wenn jemand semantische Klimmzüge veranstaltet, um davon abzulenken, dass er in einem bestimmten Bereich keine Ahnung hat. Meistens blamiert er sich dann nicht auf einem, sondern gleich auf zwei Gebieten. :D

Soso, der Turing

Schach ist relativ simpel, wenn man lediglich die Hierarchie betrachtet, ja. Das war's dann aber auch.
Wenn Sie jemals ein Schachprogramm entwickelt hätten, so wüssten Sie, das Schach keine banale Rechenaufgabe wie z.B. die Berechnung von PI, Mandelbrot oder dergleichen ist, sondern vielmehr die hohe Kunst der Evaluation von Wahrscheinlichkeiten einer schier endlosen Masse von Kombinationsmöglichkeiten. Computerschach setzt sehr hohe Anforderungen im Bereich des Speicher-Managements, der Prozessoptimierung und vor allem der Evaluation unterschiedlicher Phasen (Eröffnung, Mittelspiel, Endspiel), Situationen (Stärke- bzw. Spieleinschätzung) und Wahrscheinlichkeiten (zukünftige Züge des Gegners; Vor- und Rückhand). Dass Sie mit der Turingmaschine der theoretischen Informatik aus den 30ern kommen, zeigt eigentlich nur, dass Sie keinen Plan haben. Schach lässt sich nicht in eine Formel pressen - wer etwas anderes behauptet hat absolut keinen Plan von ANGEWANDTER theoretischer Informatik oder Prozesslogik im Allgemeinen.

Zudem kann man Schach sehr wohl als Sport ansehen, da bei wichtigen Spielen die Spieler ebenso viele Kalorien verbrauchen wie Fußballspieler im 90minütigem Einsatz.

Was sagen Sie eigentlich zu GO? Ist das auch so banal?

Schachliches

Komisch, ich habe gegen meinen "Rybka" nicht wirklich eine Chance, trotzdem macht mir eine Partie gegen einen, so wie ich auch eben nicht nur rechnenden, Menschen ziemlichen Spass.
Wir werden ja sehen, on Schach in ein paar Jahren "Zu Ende" berechnet ist.
Dann heisst es: Weiss zieht und gewinnt.
Ich glaubee daran nicht.

Noch etwas zum "Schnelllauf" - gemeint ist ja wahrscheinlich
100m - Wie saehe wohl ein Rennen Usain Bolt gegen einen Geparden aus?
Ich denk, das waere eine ziemlich einseitige Sache.
Und trotzdem gibt es Menschen, auch Amateure, die laufen immer noch 100m - so schnell sie eben koennen.
Schon komisch der Mensch - so unberechenbar...