Schach-WM : Anand patzt – und Gelfand bekommt rote Flecken

Diese Partie hätte die Vorentscheidung sein können. Doch im dritten Spiel sieht der Weltmeister nicht den Zug zum Erfolg. Die Zuschauer auch nicht. Von U. Stock, Moskau
Das dritte Spiel zwischen dem Schachweltmeister Viswanathan Anand (links) und seinem israelischen Herausforderer Boris Gelfand in Moskau.

Danach, auf der Pressekonferenz und sogar nach der Pressekonferenz, herrscht Verwirrung . Die dritte Partie zwischen dem indischen Schachweltmeister Viswanathan Anand und seinem israelischen Herausforderer Boris Gelfand war spannend gewesen. Der schwarze König rechts auf dem Brett, der weiße links. Und sofort Angriff, rechts und links. Anand stürmt mit dem weißen Turmbauern an der rechten Außenlinie vor. Gelfand kommt mit schwarzem Turm und Springer über die linke Flanke. Zum Zögern ist es jetzt zu spät. Wer zu spät kommt, den bestraft… In Moskau kennt man das. Auch Gorbatschow war da am Eröffnungsabend dieser Schach-WM.

Verwicklungen also von Anfang an, wieder die wilde Grünfeld-Indische-Verteidigung mit ihrem Durcheinander aus Beweglichkeit und Guerilla. Ein weißer Bauer als Speerspitze tief im schwarzen Lager, ein schwarzer Bauer als versprengter Partisan im weißen Zentrum – und den einen kann man nicht nehmen, und den anderen sollte man nicht nehmen. Opfer und Einschläge drohen hier wie da, Dynamik ist alles, jetzt nicht herumkrämern – erstmal nicht, Erbsen zählen wir später.

Anand zieht die Offiziere seines Damenflügels hervor, holt dann den König per großer Rochade herüber und versteckt ihn im hintersten Winkel, auf dem linken Eckfeld des Brettes, weiter weg geht nicht, dahinter ist die Schachwelt zu Ende.

Weiß erhofft sich Vorteile, wenn der Pulverdampf verflogen ist, tauscht deshalb die Damen ab, Schwarz aber führt seine Truppen in Windeseile in die Nähe des weißen Königs, schon tauchen Mattmotive auf.

Aber WM wäre nicht WM, wenn es nicht immer noch eine Wendung gäbe. Da steht immer noch dieser weiße Bauer auf der sechsten Reihe. Ein Freibauer, wie die Schachspieler sagen. Kein schwarzer Bauer stellt sich ihm mehr in den Weg. Irgendwann wird er vorgehen, und auf der achten Reihe wird er sich in eine todbringende Amazone verwandeln.

Anand hat das im Auge. Er hält dem Angriff stand. Er kommt seinem großen Moment näher, immer näher. Als er im 29. Zug zum ersten Mal in dieser Partie seinen Königsläufer bewegt und gleich den fiesen schwarzen Springer schlägt, ist das wie ein Fanal. Der Moment wird gleich da sein. Und dann ist der Moment da. Und dann verpasst Anand ihn. Er verpatzt ihn.

Das Publikum im Spielsaal hat es nicht gemerkt. Die Kommentatoren in ihren Kabinen haben es nicht gemerkt. Hat Gelfand es gemerkt? Anand hat es gemerkt.

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Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Report und Analyse

Eine sehr schöne und instruktive Reportage - das Ambiente ist liebevoll und anteilnehmend geschildert. Daß Vishy der verpaßten Chance im 34. Zug nachtrauert, kann jeder Schachspieler nur zu gut verstehen. Allerdings fällt es mir schwer, das Mißgeschick als "Patzer" einzustufen, eher als zweitoptimal unter starkem Zeitdruck (3 Minuten für 7 Züge!). Der Gerechtigkeit und Gelfand zuliebe sollte man allerdings hinzufügen, daß der Herausforderer die Partie über weite Strecken bestimmt hat, z.b. im 23. Zuge, als er mit Tfc5 den sicheren Ausgleich (23... Sb6) verschmähte und auf Angriff spielte. Gelfand wird sich eher über 24... a5 nachträglich ärgern; stattdessen g5 nimmt all die Schwindelpläne des Weißen (mit Th4) erstmal aus dem Ring und hält den Druck aufrecht.

Entwirrungsvideo

Der englische Meister Daniel King entwirrt in einem Video auf chessbase.de sehr schön Anands verpassten Gewinn in der dritten Partie. Möglicherweise hat das Anand schon noch gesehen, aber nicht bis ins Letzte überblicken können, so daß er auf Nummer Sicher ging. In diesem Fall hätte er es nicht so sehr verpatzt als nüchtern abgeschätzt und professionell geregelt. Das wäre eine Frage für nach der WM - falls er dann in Interviewlaune ist.

Hier... http://www.chessbase.de/n...