Schach-WM: Der 40-Minuten-Zug von Gelfand
Anand überrascht Gelfand in der Eröffnung. Der Herausforderer beginnt zu grübeln. Ulrich Stock protokolliert die dramatische vorletzte Partie der Schach-WM in Moskau.
© Anastasiya Karlovich

In der elften Partie grübelte Boris Gelfand (rechts) 40 Minuten über einem Zug.
Dieser dreiwöchige Kampf hat seine eigenen Rituale entwickelt. Eine halbe Stunde vor jeder Partie wird Weltmeister Viswanathan Anand aus Indien in einer schwarzen Limousine an der Moskauer Tretjakow-Galerie vorgefahren. Tür auf, Tür zu, ein paar Fotos, ein paar Schritte; schon ist er in einem Nebeneingang des Gebäudes verschwunden.
Der Herausforderer kommt etwas später zu Fuß, im Pulk zu fünft oder sechst, ein Assistent trägt die metallicblaue Trinkflasche, die man später am Spieltisch sehen wird und deren Inhalt ein isotonisches Geheimnis ist. Wächter öffnen Boris Gelfand die Tür, er dreht sich noch einmal um und klatscht seinem Team in die ausgestreckten Hände.
So geht es jeden Tag, aber vor dieser elften und vorletzten Runde der Schach-WM hat sich etwas um eine Nuance verschoben. Gelfands Pulk nimmt nicht den Gehweg wie sonst, muss sich einmal nicht wegducken unter dem Grün eines Baumes, das tief über den Zaun hängt, sondern schreitet nebeneinander in voller Breite die Straße entlang. Kein Wagen käme an ihnen jetzt vorbei. Es sieht sehr selbstbewusst aus, nach Showdown.
Man nähert sich dem Ende
Auch beim Auftritt im Spielsaal gibt es eine Veränderung. Gelfand sitzt sonst immer als Erster am Tisch, mustert das Brett und die Fotografen auf der Bühne und das Publikum hinter der Glassscheibe im abgedunkelten Saal. Anand kommt dann immer kurz vor dem Ende des Countdowns, der den Beginn der Partie auf die Sekunde genau markiert. Diesmal aber gehen Gelfand und Anand zusammen auf die Bühne. Alle im Saal spüren, der Kampf könnte sich mit dieser Partie entscheiden.
Vorletzte Runde, Gelfand hat Weiß. Es ist seine letzte gute Möglichkeit, den Titel zu holen. Er scheint nach allem Auf und Ab, nach der glücklich überstandenen dritten Partie, nach dem eindrucksvollen Sieg in der siebten, nach dem Kurzschluss in der achten, nach der verpassten Chance in der neunten, jetzt zu allem entschlossen zu sein.

Partie Gelfand - Anand: Stellung nach dem achten Zug von Schwarz.
Gelfand und Anand beginnen die elfte Partie wie die neunte, der weiße Damenbauer zieht, Schwarz erwidert Nimzo-Indisch, nichts Neues – bis zum achten Zug. Anand tauscht nicht die Bauern im Zentrum, sondern bewegt seinen weißfeldrigen Läufer von c8 nach d7, vor die eigene Dame. Ein bisschen geduckt sieht das aus, irgendwie seltsam. Es ist kein Zug, von dem ein direkter Zwang ausgeht. Weiß hat viele Möglichkeiten, darauf zu erwidern. Beide Lager befinden sich noch in der Phase der Aufstellung. Man kann sich so oder so oder so formieren. Eigentlich schön, wenn man die Wahl hat.






Ach, das wußten Sie noch nicht?! Die Qualen, die der arme Boris der Baumeister durchlitten hat, rühren freilich nicht davon her, daß er keinen Plan hatte - im Gegenteil, er hatte viel zu viele und konnte sich wohl nicht entscheiden. Das nennt man erkenntnistheoretisch ein "echtes Dilemma" - oder anders ausgedrückt: Boris war hier der Esel des berühmten Scholastikers Johannes Buridanus, der sich angeblich nicht entscheiden konnte, welchen Heuhaufen er fressen wollen sollte. Das arme Grautier ist verhungert! Das wiederum konnte Gelfand natürlich nicht passieren - er kennt ja den Modernen Nimzo-Inder aus dem Effeff, und auch Jussupows und Kortschois 8... Ld7 ist nun wirklich keine Überraschung. Im übrigen hat Gelfand in der Partie nicht ein einziges Mal irgendwie bedroht gestanden - nur eben nicht so aussichtsreich wie in der 9. Partie. Denken tut aber auch für die Zuschauer weh - wie kann ein hochintelligenter Kopf wie Gelfand sich 40 Minuten lang konzentrieren, ohne dabei herumzuhampeln (übrigens einer der Gründe, weshalb Außenstehende Turnierschach für ein Game of Nerds halten, für Leute, die einen am Appel haben). Das kann man ja nicht mitansehen - so die Kommentare aller Mitleidenden. Bei Poker oder Computerspielen passiert ja dauernd was - und die Spannung löst sich und wird auch wieder aufgebaut. Tja, und dann wundern sich die Strategen, weshalb Schach so einen seltsamen Ruf hat.
Ich habe von Schach überhaupt keine Ahnung, aber ich lese jedes Mal mit großer Freude Ihre spannenden Schachberichte. Vielen Dank, Ulrich Stock.
Dem kann ich mich nur anschließen, danke für die tollen Berichte!
Dem kann ich mich nur anschließen, danke für die tollen Berichte!
Dem kann ich mich nur anschließen, danke für die tollen Berichte!
Humorvoll und äußerst intelligent geschrieben.
und lobenswert, dass die Zeit regelmäßig über Schach berichtet.
Aber bitte die journalistischen Basics nicht ganz vergessen: Wie ging die Partie eigentlich aus? Steht weder in Überschrift noch im Vorspann noch auf der ersten Seite.
Wie ging die Partie eigentlich aus? Steht weder in Überschrift noch im Vorspann noch auf der ersten Seite.
Das am Ende des Artikels: »Schließlich, im 24. Zug, bietet der Weltmeister seinem Herausforderer Remis an. Gelfand nimmt an, [...]«. Und schließlich steht auch im letzten Absatz: »Der Showdown ist auf Montag verschoben.«
...wie es ausgeht,
liest hier gerne bis zum Schluss !
gms
... das Ergebnis steht bereits in der URL:
"http://www.zeit.de/sport/2012-05/schach-wm-remis"
:)
Wie ging die Partie eigentlich aus? Steht weder in Überschrift noch im Vorspann noch auf der ersten Seite.
Das am Ende des Artikels: »Schließlich, im 24. Zug, bietet der Weltmeister seinem Herausforderer Remis an. Gelfand nimmt an, [...]«. Und schließlich steht auch im letzten Absatz: »Der Showdown ist auf Montag verschoben.«
...wie es ausgeht,
liest hier gerne bis zum Schluss !
gms
... das Ergebnis steht bereits in der URL:
"http://www.zeit.de/sport/2012-05/schach-wm-remis"
:)
Wie ging die Partie eigentlich aus? Steht weder in Überschrift noch im Vorspann noch auf der ersten Seite.
Das am Ende des Artikels: »Schließlich, im 24. Zug, bietet der Weltmeister seinem Herausforderer Remis an. Gelfand nimmt an, [...]«. Und schließlich steht auch im letzten Absatz: »Der Showdown ist auf Montag verschoben.«
...wie es ausgeht,
liest hier gerne bis zum Schluss !
gms
Bisserl langweilig bisher der WM-Kampf -
leider kein Schäfermatt in Sicht ;)
... le coup de Napoléon (das Schäfermatt) liegt schon 200 Jahre zurück, vor und in Moskau, endete aber letztlich auf St. Helena. Schachlich gehört das Mat de berger in die Folies Bergère - frau entblößt sich (Df3 oder Dh5), aber nur die Gimpel sehen nicht, was sie will - die Geldbörse auf f7.
... le coup de Napoléon (das Schäfermatt) liegt schon 200 Jahre zurück, vor und in Moskau, endete aber letztlich auf St. Helena. Schachlich gehört das Mat de berger in die Folies Bergère - frau entblößt sich (Df3 oder Dh5), aber nur die Gimpel sehen nicht, was sie will - die Geldbörse auf f7.
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