Es war nicht der Tag der Herren Götze, Gündogan, Klose, Mertesacker, Schürrle (v.l.) © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Im Baseler Fußballstadion gibt es ein Altersheim. Kein Scherz. Eine Seniorenresidenz , um genauer zu sein. Das klingt besser, und zieht den Bewohnern ein paar Franken mehr aus dem Geldsäckli. Dafür gibt es ein Restaurant, Gymnastikräume und ab und an schaut mal die Fußpflegerin vorbei. Der Clou aber ist die altersheimeigene Loge, der sogenannte Joggeliblick, von der aus man ins "Joggeli" blicken kann, wie die Basler ihren St. Jakob-Park nennen, als wäre er ein putziges Tierchen und nicht ein Fußballstadion.

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass ein paar der 27.381 Basler Zuschauer sich noch an den letzten Sieg der Schweiz gegen Deutschland erinnern können. 1956 war das, schon eine Weile her, 3:1, Sepp Herberger war Bundestrainer, Joachim Löw noch lange nicht geboren. Jetzt also 5:3 , weshalb alle sehr aufgeregt waren. Die Schweizer, weil 56 Jahre eben doch eine lange Zeit sind, das Wort "historisch" klang nach dem Schlusspfiff bis hoch zum Joggeliblick. Die Deutschen, weil sie in ein paar Wochen Europameister werden wollen und sich nach diesem Spiel fragen müssten, wie das nur gelingen soll, wenn man sogar gegen die Schweizer verliert. Die dürfen ja nicht einmal hinfahren.

Selbst Joachim Löw wirkte etwas verstört. Bei Testspielen wirbelt er gerne mal Personal und System so wild durcheinander, dass am Ende viel Verkorkstes rauskommt. Er kann dann immer sagen: Keine Bange, ich wollte halt mal was probieren. So übel wie gegen die Schweiz sah es aber lange nicht mehr aus. Diesmal sagte Löw zwar auch, das Spiel mache ihm keine größeren Sorgen, weil ja noch ein wenig Zeit bis zur EM sei. Er sagte aber auch: "Wir haben viele Fehler gemacht. Es gibt einiges, einiges aufzuarbeiten nach diesem Spiel. Es sind unheimlich viele Dinge passiert." So deutlich ist er selten.

Mats Hummels macht den Anfang

In Basel dauerte es etwa eine Viertelstunde, bis Löw sich mit durchgedrücktem Rücken an der Seitenlinie aufbaute. Das macht er immer, wenn es nicht läuft. Besonders seine Abwehr verstimmte ihn. Es begann damit, dass Mats Hummel einen dieser langen Bälle probierte, die Jürgen Klopp in Dortmund so entzücken, bei Joachim Löw aber unter Strafe stehen. Der Ball landete beim Gegner, Löw winkte ab, dreht sich um, brabbelte vor sich hin.

Das muss den um einen Stammplatz kämpfenden Innenverteidiger Mats Hummels und seine Abwehrkollegen Benedikt Höwedes , Per Mertesacker und Marcel Schmelzer, die auch gerne spiele würden, so verunsichert haben, dass sie sich fortan in dem Wettbewerb überboten, wer denn nun den absurdesten Stellungsfehler im Repertoire habe. Gemeinsam mit dem etwas unentschlossenen Torwartneuling Marc-André ter Stegen machten sie den Schweizer Eren Derdiyok zum Mann des Abends. Ein durchschnittlich begabter Bundesligastürmer, der bald nach Hoffenheim geht, weil er in Leverkusen nur auf der Bank saß. Er traf gleich dreimal.

Die Frage, die nach dem Spiel alle beschäftigte: Waren die Fehler eher individueller Natur, weil die Spieler müde waren? Schließlich kamen sie direkt aus dem Trainingslager, mit Beinen schwer wie Blei. Oder stimmt etwas grundsätzlich nicht? Eine wichtige Frage, deren Antwort darüber entscheiden könnte, ob der Sommer 2012 ein schöner Sommer wird.