Fett wie ein TurnschuhWillkommen im Land der wahren Terroristen

Tuvia Tenenbom hat seit Beginn dieser Fitnesskolumne zehn Prozent von sich verloren. Weil er jetzt sogar auf Reisen trainiert, halten US-Beamte ihn für einen Terroristen.

Unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom im Mai 2012, mittlerweile sind noch mehr Kilos weg

Unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom im Mai 2012, mittlerweile sind noch mehr Kilos weg

Seit dem Tag, an dem ich zum ersten Mal ein Fitnessstudio betreten habe, verliere ich Gewicht. Falls es Sie interessiert: Ich habe mittlerweile zehn Prozent von mir verloren. Dafür ist mein neues Spielzeug verantwortlich, das Laufband. Heute beim Training kam mir allerdings ein Gedanke: Warum nicht einfach richtig laufen?

Ehe ich meine eigene Frage beantworten kann, erhalte ich eine Einladung eines Theaters in Kentucky. Direkt kommt mir eine erfrischende Idee: Ich mache die Straßen Kentuckys zu meinem Laufband!

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Am nächsten Morgen lande ich in Louisville. Der Flughafen ist voller blauer Uniformen. Es gibt hier tatsächlich mehr Sicherheitsleute als Mücken am Nil. Die Lautsprecher verkünden, am Flughafen gelte die höchste Sicherheitsstufe. Ich verstehe den Hinweis und renne aus dem Gebäude, ehe das Bombardement beginnt. Was für ein Laufband!

"Fett wie ein Turnschuh" - Die Fitness-Kolumne

Hantelschwingen und Bodypumpkurse boomen: Allein in Deutschland gibt es knapp 6.000 Fitnessstudios. Im Jahr 2011 trainierten dort erstmals mehr als sieben Millionen Menschen – mehr als der größte deutsche Sportverband, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Mitglieder zählt. Fast jeder zehnte Deutsche packt demnach seine Sporttasche und schwitzt an schwerem Gerät oder in Gymnastikkursen.

Wieso ist der Fitnesssport so erfolgreich? Was fasziniert die Menschen daran? Und wieso?

Für unsere Kolumne "Fett wie ein Turnschuh" schicken wir den (noch) etwas korpulenten New Yorker Autoren Tuvia Tenenbom in die Welt der Fitten und Starken. Er will die Fitnessjünger kennenlernen und abnehmen. Alle zwei Wochen wird er auf ZEIT ONLINE von seinen Erlebnissen berichten.

Eine hübsche junge Theaterangestellte begrüßt mich.

Was ist hier los? Kommt al-Kaida in die Stadt?

Nein, nichts dergleichen. "Der Wirtschaft geht es so schlecht", sagt sie mir, "dass die Behörden immer mehr Leute anstellen, die sonst arbeitslos wären."

Wir fahren Richtung Downtown Louisville, die völlig enthusiastische Schönheit empfiehlt mir ein Stück über Palästinenser. Palästinenser? In Louisville? Ich dachte, dass sich die Leute hier nur für Kentucky Fried Chicken und Bourbon interessieren; wie sind denn die Palästinenser dazwischen geraten? Die Schönheit gibt mir zu verstehen, ich könne eine Menge über den Nahost-Konflikt lernen, wenn ich mir nur das Stück ansehen würde.

Ob sie mir erklären könne, was sie vom Nahost-Konflikt gelernt habe.
Kann sie nicht. Er habe weit vor ihrer Geburt begonnen.

Ich verabschiede mich. Hoffentlich finde ich bald andere Schönheiten. Aber stattdessen rauscht ein Taxi mit einem riesigen aufgemalten Support-Our-Troops-Schriftzug an mir vorbei. Die Geschäfte in Kentucky müssen gut gehen: mehr Soldaten, mehr Arbeit.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Ich laufe weiter. Um mich herum nur Weiße, ich sehe keinen einzigen Schwarzen. Ich fühle mich leicht unwohl und frage mich, warum ich überhaupt so blöd war, hierher zu kommen. Ich laufe zum Galt House, einem riesigen Hotel mit unzähligen Zimmern und einer ganzen Reihe Konferenzräumen. Ein spannender Ort, sage ich mir selbst, also hüpfe ich von Etage zu Etage, um noch mehr Gewicht zu verlieren.

In einem Stockwerk sehe ich plötzlich nur noch Schwarze. Wie sind die, unbemerkt von mir, hier reingekommen? Ich frage ein paar von Ihnen nach dem Anlass, und sie erklären mir, dass hier eine Konferenz für regionale Führungskräfte der Bürgerrechtsorganisation NAACP stattfindet, der National Association for the Advancement of Colored People. Ich schließe mich an, der einzige Weiße auf einer schwarzen Konferenz. Interessanterweise singen sie Lift ev'ry voice and sing, die sogenannte Schwarze Nationalhymne. Ich wusste nicht, dass es eine solche Hymne überhaupt gibt, aber offensichtlich existiert sie. Als die Hymne zu Ende ist, setzen sich alle und eine Dichterin hält eine Rede. "Willkommen in Amerika", sagt sie, "dem Land des Betrugs und der wahren Terroristen".

Es gibt riesigen Applaus.

Ich versuche zu begreifen, was ich hier erlebe: Wenn publik würde, dass solche Dinge bei Amerikas mächtigster Menschenrechtsorganisation passieren, der höchstgeschätzten Vereinigung der Schwarzen, könnte das dieses Land im Kern erschüttern. Soll ich es öffentlich machen? Oder soll ich weiterlaufen?

Leserkommentare
  1. Mir schlafen die Füße ein.

    12 Leserempfehlungen
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    • dacapo
    • 03.05.2012 um 0:57 Uhr

    So ist das nun mal mit Humor, er muss nicht verstanden werden, aber kann verstanden werden. So findet jeder zu dem Humor, der anspricht. Aber es scheint mir immer wieder, dass Foristen die Artikel des Herrn Tenebom lesen, obwohl sie dessen Humor nicht verstehen und sind dann pikiert. Das soll jemand verstehen.

    • dacapo
    • 03.05.2012 um 0:57 Uhr

    So ist das nun mal mit Humor, er muss nicht verstanden werden, aber kann verstanden werden. So findet jeder zu dem Humor, der anspricht. Aber es scheint mir immer wieder, dass Foristen die Artikel des Herrn Tenebom lesen, obwohl sie dessen Humor nicht verstehen und sind dann pikiert. Das soll jemand verstehen.

  2. Bitte beachten Sie, dass die Kommentarfunktion zur Diskussion des Artikelthemas vorgesehen ist. Danke, die Redaktion/fk.

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  3. von Tuvia Tenenbom erfrischend - mehr davon, bitte!

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  4. ...über Deutschland hat er geschrieben? Ich konnte es mir nicht verkneifen, bei Amazon danach zu schauen - die von den Kindle-Lesern markierten Zitate lassen mir allerdings das Gesicht einschlafen:

    They are the most narcissistic nation on the planet.

    They are, in short, the most self-deluded and self-righteous people in the world.

    These Germans have no backbone, no pride, no knowledge, and very little humanity.

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  5. Erschreckend, wie ignorant Tenenboom und seine Quelle sind. Es gehört zum Chemiegrundwissen, dass es weder "Nitratphosphat" noch "Nitratphosphate" geben kann. Nitrat (besteht aus einem Stickstoff- und drei Sauerstoffteilchen, ist einfach negativ geladen) und Phosphat (besteht aus einem Phosphor- und vier Sauerstoffteilchen, ist dreifach negativ geladen) sind die Anionen der Salpeter- und der Phosphorsäure und finden einander zutiefst abstoßend.
    Es gibt allerdings diverse Nitrate und Phosphate (Ammoniumnitrat diene als potenziell explosives Beispiel), die durchaus zusammen vorkommen können, aber nur in Begleitung ihrer positiv geladenen jeweiligen Gegenionen.

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  6. Habe Herrn Tenenboms Buch gelesen, seine Entdeckungsreise durch Deutschland und seine Emotionen, die bei der Begegnung mit den Leuten ---faszinierend --- man muss die Zitate im Kontext lesen!

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  7. aber so ist Amerika. was ist nicht alles in den letzten 10 Jahren kaputtgegangen. die Amis haben sich selber in die Füsse geschossen...

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