Theo Zwanziger © Thorsten Wagner/Bongarts/Getty Images

ZEIT ONLINE : Herr Zwanziger , Sie sind der Vorsitzende des Gremiums zur Überprüfung der Statuten. Sie sollen die Fifa reformieren. Schaffen Sie das?

Theo Zwanziger : Ich hoffe es, in diesem Prozess sind Geduld und Erfahrung gefragt, ich habe beides. Auch mein Weg beim DFB begann mit Reformen und der Schaffung neuer Statuten.

ZEIT ONLINE : Sie wollen doch den DFB nicht mit der Fifa gleichsetzen? Das tun ja nicht mal die größten DFB-Kritiker.

Zwanziger : Natürlich nicht. Aber es gibt ein paar vergleichbare Punkte. Auch beim DFB gab es damals bei der Neufassung der Satzung zunächst ein paar Widerstände, die es zu überwinden galt. Als ich begann, mussten wir das Verhältnis Liga und Verband neu balancieren. Das war ein langer und auch nicht ganz einfacher Weg.

ZEIT ONLINE : Zur Fifa: Regelmäßig verursachen Fifa-Verantwortliche neue Skandalmeldungen. Sepp Blatter versprach im Vorjahr "Reformen im Formel-1-Tempo" . Inzwischen verschleppt er seit Monaten das Tempo. Blatter meint es doch nicht ernst mit seinen angeblichen Reformen.

Zwanziger : Ich habe aus Gesprächen einen komplett gegenteiligen Eindruck. Sepp Blatter meint das sehr wohl ernst. Sonst hätte er nicht Mark Pieth und Transparency International Deutschland (TID) an den Tisch gebeten. Nach den Entscheidungen des Exekutivkomitees bin ich optimistisch, wobei doch jeder einsehen muss, dass solche Veränderungen nicht über Nacht geschehen können, sondern mit intensiverer Gremienbeteiligung, die ihre Zeit braucht, umgesetzt werden müssen. Blatter hat von Anfang an als Abschluss der Reformarbeit den Kongress 2013 genannt.

ZEIT ONLINE : TID ist inzwischen ausgestiegen, weil es Bedenken gegen Pieth gab, der sich von der Fifa bezahlen lässt.

Zwanziger : Das finde ich sehr schade, denn ich schätze die Arbeit von Sylvia Schenk und ihren Kollegen sehr. Aber man muss dabei bedenken, auch unter Compliance-Organisationen gibt es Konkurrenz.

ZEIT ONLINE : Mark Pieth spricht von "Gangstern" in der Fifa. Die WM-Vergaben an Russland und Katar haben die Fußballwelt erschüttert.

Zwanziger : Wenn Herr Pieth tatsächlich solch drastische Worte benutzt, was ich nicht weiß, ist das seine Sache. Zu Katar zwei Dinge: Erstens, für den Fußballfan ist diese Wahl sehr fraglich, weil dem Land einfach die Voraussetzungen für ein großes Fußballturnier fehlen. Anders als in Südkorea und Japan 2002 hat Katar noch nicht mal eine fußballerische Entwicklungsperspektive. Und dann halten sich die Gerüchte, dass bei der Vergabe nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein soll. Ich gehe ergebnisoffen mit dieser Sache um, denn ich kenne die Wahrheit nicht. Aber ich würde mir sehr wünschen, auch im Sinne von Katar, dass alle Verdachtsmomente aufgeklärt werden. Dies wird aber erst gehen, wenn das neue Ethikreglement in Kraft gesetzt ist und die unabhängige Untersuchungsbehörde ihre Arbeit aufnehmen kann.

ZEIT ONLINE : Soll diese Behörde Ihrer Meinung nach auch rückwirkend arbeiten?

Zwanziger : Wenn das Reglement durch eine Sondersitzung des Exekutivkomitees, die für Anfang Juli vorgesehen ist, in Kraft gesetzt wird, dann liegt es ausschließlich in der Hand dieser unabhängigen Behörde, auch Sachverhalte aus der Vergangenheit aufzugreifen. Ich persönlich würde das begrüßen, denn es ist schon wichtig für die Fußballfans in aller Welt zu wissen: War die Entscheidung pro Katar eine rein sportpolitische – dann muss man es bei allen sportlichen Bedenken akzeptieren – oder wurden unlautere Mittel eingesetzt?

ZEIT ONLINE : Es ist ein Streitpunkt in der Blatter-Fifa, wie tief man in der Vergangenheit wühlen soll. Dagegen gibt es großen Widerstand. Auch Pieth wollte sich zunächst bloß mit der Zukunft befassen.

Zwanziger : Ich bin einig mit Professor Pieth und übrigens auch dem Präsidenten Blatter, dass die Vergangenheit von der Aufklärung nicht ausgeschlossen werden kann. Das ist wichtig, um der Fifa, über die mittlerweile viele abfällig sprechen, eine neue Glaubwürdigkeit zu verleihen. Aber noch mal: Die neue Ermittlungsbehörde ist unabhängig, sie kann weder vom Fifa-Präsidenten noch von anderen Organen angewiesen werden, was zu tun oder zu lassen ist.

ZEIT ONLINE : Der ISL-Prozess von Zug hat ans Tageslicht befördert, dass von 1989 bis 2001 rund 140 Millionen Euro Schmiergeld an Sportfunktionäre, auch aus der Fifa, geflossen sind. Blatters Wegbegleiter Ricardo Teixeira, João Havelange, Jack Warner, Chuck Blazer oder Julio Grondona , der akutelle Finanzchef der Fifa, stehen unter Korruptionsverdacht oder sind der Korruption überführt. Ist Blatter nicht der politisch Verantwortliche für den Zustand der Fifa?

Zwanziger : Blatter ist für die Mitglieder des Exekutivkomitees nicht verantwortlich, sie werden von den Konföderationen benannt. Er sucht sich seine Regierung also nicht aus und kann sie demzufolge auch nicht entlassen.

ZEIT ONLINE : Sollen die Dokumente zu diesem Fall veröffentlicht werden?

Zwanziger : Momentan können sie das noch nicht, weil noch ein Einspruchverfahren läuft. Aber ja, sie müssen veröffentlicht werden, sobald das rechtlich geregelt ist. Dann weiß man, woran man ist, Ich bin ohnehin für Transparenz in Sportverbänden. Sie sollten alles offenlegen, was nicht einer zwingenden vertraulichen Behandlung bedarf, wie zum Beispiel Arbeitsverhältnisse oder der Schutz Dritter.

ZEIT ONLINE : Verlangt die Situation nicht nach einem Neuanfang ohne Blatter? Man denke nur an sein Missmanagement im Fall Mastercard , das die Fifa viel Geld gekostet hat.

Zwanziger : Der Fall Mastercard ist mir im Detail noch nicht bekannt. Aber ich bin überzeugt, dass Blatter, der die Fifa in seiner Amtszeit wirtschaftlich von Grund auf saniert hat, nichts unter den Teppich kehren, sondern alle Angriffspunkte aufklären will. Das ist der Schwerpunkt seiner letzten Amtsperiode.

ZEIT ONLINE : Formiert sich eine Opposition zu Blatter?

Zwanziger : Das Prinzip Opposition ist auf der politischen Ebene wichtig, aber Verbände funktionieren anders. Hier gibt es eine stärkere Grundgemeinsamkeit, aus der Bindungen und Freundschaften erwachsen. Man muss nur aufpassen, dass Freundschaften nicht zur Kumpanei werden.