Jetzt ist es so weit, fast lautlos besucht eine DFB-Delegation die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, einen Tag nach dem 2:0 im Freundschaftsspiel gegen Israel. Jogi Löw und Wolfgang Niersbach werden der DFB-Delegation angehören, dazu einige politische Vertreter sowie drei Nationalspieler: Philipp Lahm, Miroslav Klose und Lukas Podolski.

Drei Spieler nur? Ging es nicht um einen Besuch der ganzen Mannschaft? Wird der Besuch damit nicht zur Alibiveranstaltung?

Es ist zwei Wochen her, dass ich selbst mit der Autorennationalmannschaft in Auschwitz war. Mit den Schriftstellerteams der Polen und Ukrainer veranstalteten wir ein einwöchiges Dreiländerturnier in Berlin, Krakau und Lemberg. Als wir auf der Autobahn bei Katowice den Wegweiser nach "Oświęcim" passierten, fragte ich im Bus meinen Sitznachbarn, den polnischen Lyriker Robert Król, was er zu unserem geplanten Besuch in der Gedenkstätte meine. Króls Antwort war ein Zögern. Er erzählte mir, dass seine Großmutter drei Jahre lang in Auschwitz inhaftiert gewesen sei. Sie war keine Jüdin, auch keine politische Gefangene, einfach eine junge Frau, die wie viele Polen von den Nazis als Arbeitssklavin dorthin deportiert wurde. Von Fotos, sagte er, kenne er ihre eintätowierte Häftlingsnummer.

Das verdeutlicht die verstörende Realität, in der man sich hier bewegt. In Krakau, wohin man auch kommt, werben Reiseveranstalter mit Tagestouren. Ein bizarrer Tourismus, der irritierend an Kaffeefahrten nach Neuschwanstein oder Disneyland erinnert. Doch nicht weniger merkwürdig ist es, den Linienbus Krakau-Auschwitz zu besteigen. Ich hatte diesen Ort schon oft in Spielfilmen und Dokumentationen gesehen. Längst ist er zu einem so emblematischen Medienbild geworden, dass die Realität nur wie ein verkleinertes Zitat wirkt.

Wohin man hier auch tritt, in die Baracken oder auf die sogenannte Rampe, der Ort bleibt zunächst auf seltsame Weise stumm. Es braucht Zeit, damit sich die eigenen Gefühle gegen die drastischen Bilder, die man von hier kennt, durchsetzen. Bei mir war es die Erinnerung an ein Gespräch, das ich vor zwei Jahren mit dem Auschwitz-Überlebenden Adolek Kohn geführt hatte. Kohn wurde als junger Mann mit seiner Mutter im Viehwaggon aus dem Ghetto Łódź hierher deportiert. An der "Rampe", wo die Selektionen der SS stattfanden, wurden er und seine Mutter getrennt. Es war das letzte Mal, dass er sie sah.

Auf genau auf diesem Boden zu gehen, ist ein schreckliches, unbegreifliches Gefühl. Rechts und links des großen Mahnmals, das man am Ende des Geländes erreicht, liegen die Überreste der Krematorien, wo die Leiche von Adolek Kohns Mutter verbrannt worden ist. Durch Bäume, die hier Spalier stehen, geht der Wind, stimmt in den Kronen einen Gesang an. Erst jetzt beginnt die Wirklichkeit dieses Ortes zu sprechen. Als wir eine Stunde später die Ausstellung im Stammlager Auschwitz besichtigten und dort wieder die hundertfach gesehenen Fotos von der "Rampe" sahen, war etwas in mir in Gang gekommen, das mich seither nicht mehr losgelassen hat. Es begleitete mich, auf der Rückfahrt im Linienbus, in der Nacht beim Einschlafen, auf dem Fußballplatz, als wir wieder gegen die polnischen Autoren spielten, unter ihnen Robert Król in seinem weißroten Trikot. Für ihn war es wichtig zu hören, dass wir in Auschwitz waren.

Wie ist es, wenn die DFB-Delegation am heutigen Freitag denselben Ort besucht? Zwei Stunden soll das Ganze dauern, zwei Stunden, die nicht mehr als eine formale Visite mit einer Führung über das Gelände sein können. Die Journalisten sollen Abstand halten, man will das Ganze auf pietätvolle Weise gestalten, und trotzdem: Wird dieser Besuch mehr sein als eine Medieninszenierung? Hätte es nicht um etwas ganz Anderes gehen müssen, darum, dass die Mannschaft hier zusammenfindet, Zeit hier verbringt, untereinander ins Gespräch kommt, zum Beispiel mit den polnischstämmigen Spielern? Lukas Podolski, so ist zu hören, soll auf ausdrücklichen eigenen Wunsch an dem Besuch teilnehmen. Was ist mit den anderen? Sollten sie es sich nicht mit ihm über seine und ihre Familiengeschichten austauschen?