Camper in Charkiw"Fast alle Journalisten der Ukraine waren bei mir"

Manfred Walter wohnt seit Wochen im Wohnwagen auf dem Platz der Verfassung in Charkiw. Im EM-Schnack erzählt er, wie ihm die Stadt fürs Holland-Spiel ein Ticket schenkte. von 

Manfred Walter beim Frühstück in seinem Wohnwagen in Charkiw

Manfred Walter beim Frühstück in seinem Wohnwagen in Charkiw  |  © Steffen Dobbert

ZEIT ONLINE: Herr Walter, Verzeihung! Haben wir Sie geweckt?

Manfred Walter: Ach, kommen Sie rein, ich zieh mir schnell wieder das Deutschlandtrikot an. Ich habe drei Stunden geschlafen, das reicht. Wir haben nach dem Spiel hier vor dem Wohnwagen noch bis morgens um 6 Uhr mit etwa 20 Leuten gefeiert. Immer wieder kamen Ukrainer vorbei und sagten: Congratulations . Immer wieder hat einer gesagt, ich hol noch 'ne Runde pivo .

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Manfred Walter

Manfred Walter, 63, pensionierter Polizeibeamter, kommt aus Bad Pyrmont. Am 28. April ist er mit seinem Wohnmobil und dem Hund Imo in Deutschland losgefahren. Er besuchte in Rostow am Don in Russland die Geburtsstadt seines Großvaters und fuhr danach in die Ukraine, um die EM zu erleben.

ZEIT ONLINE: Ihr Wohnwagen steht mitten im Stadtzentrum Charkiws auf dem Platz der Verfassung. Sie sind eine EM-Sehenswürdigkeit?

Walter: Inzwischen kann man das fast sagen. Radio, TV, Zeitung – fast alle Journalisten der Ukraine waren schon hier. Auch ein Generalkonsul aus Donezk im Schlips und Anzug. Aber auch viele ganz normale Leute. Die kommen her, sagen hallo und schenken mir eine Kleinigkeit. Da gegenüber, das ist ein Puppenmuseum. Als ich vor Wochen hier mit meinem Wohnmobil ankam, sagte der Besitzer gleich, ich solle es mir anschauen kommen. Ich hab dann erst mal ruhig gemacht. Aber mittlerweile kenne ich ihn und seine Frau – wir waren zusammen im Theater und haben ein russisches Drama gesehen.

ZEIT ONLINE: Wie fanden Sie das orangefarbene Drama gestern Abend?

Walter: Das war schön. Wissen Sie, die Holländer sind ja ganz Schlitzohren. Vor dem Spiel Dänemark gegen Holland ging ich durch Charkiws Straßen. Plötzlich kamen mir Tausende Holländer entgegen, alles orange. Die wollten mich ärgern, aber ich habe gesagt: Wartet ab.

ZEIT ONLINE: Sie haben den 2:1-Sieg im Stadion verfolgt?

Walter: Ja, welch ein Glück. Noch vor drei Tagen klopfte hier jeden Morgen einer an den Wohnwagen. Er wollte mir ein Ticket für 150 Euro andrehen. Nix da, hab ich gesagt, mehr als 100 Euro zahle ich nicht. Später, als dann wieder Ukrainer von der Zeitung hier waren, habe ich ihnen das erzählt. Und gestern früh kam ein Witali, von der Stadt oder so. Er schenkte mir eine Eintrittskarte. Ich war geschockt, wusste gar nicht, was ich sagen sollte.

ZEIT ONLINE: Was sagt Ihre Reisebegleitung, Ihr Hund zu all dem?

Walter: Der wedelt doch gerade mit dem Schwanz. Das ist Imo, ein roter Zwergpinscher. Im Stadion war er nicht, ich habe ihn vorher bei einer Bekannten abgegeben. Sonst war er überall dabei. Ich bin froh, das hier erleben zu dürfen. 2009 hatte ich einen Tumor groß wie ein Ei im Kopf, gutartig, die OP verlief positiv, aber es hätte auch alles vorbei sein können. Wenn ich jetzt mit meinem Wohnmobil durch Osteuropa oder Russland fahre, ist das ein Genuss. Jeder sieht im Leben ja etwas anderes. Wenn ich durch Städte wie Charkiw gehe, sehe ich die Natur und schöne Häuser. Gehen Sie mal die Straße entlang, dort steht eine Kirche, die müssen Sie sehen.

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Leserkommentare
  1. den beiden EM-Touristen.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Argumenten und verzichten auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/se

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  • Serie EM-Schnack
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ukraine | Theater | Drama | Euro | Glück | Kirche
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