ZEIT ONLINE: Herr Howman, Sie sind eigens für zwei Interviews zur Causa Erfurt aus Montreal , dem Sitz der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), nach Deutschland gekommen. Was ist so wichtig, dass der Wada-Generaldirektor zu solch einem Blitzbesuch einfliegt?

David Howman : Beim Meeting unseres Exekutivkomitees in Montreal vor zwei Wochen bin ich von meinem Präsidenten, von John Fahey, gebeten worden, mir die Akten zu diesem Fall anzusehen und dem Exekutivkomitee ein Positionspapier zu liefern. Die Exekutive war unglücklich über das, was zu lesen war, über die Verwirrung in dieser Sache. Deshalb habe ich alle Informationen, die uns vorlagen, zusammengetragen und analysiert. Im Ergebnis war klar, dass da wirklich größeres Durcheinander geherrscht hat. Deshalb bin ich gekommen, um die Sache klarzustellen.

ZEIT ONLINE: Im Februar haben Sie eine eindeutige Meinung vertreten: Bei dem, was in Erfurt praktiziert wurde , handelt es sich um Blutdoping, weil der Gebrauch von Blut seit Langem verboten ist. Ende April dann übermittelte Olivier Rabin, der wissenschaftliche Direktor der Wada, in seinem Brief an die Nada die gegenteilige Auffassung: Die Methode war bis Ende 2010 erlaubt . Was ist heute Ihre Meinung?

Howman: Im Februar habe ich gesagt, dass Blutdoping nicht erlaubt ist . Ich habe auch gesagt, ich sei in Bezug auf Erfurt nicht ganz sicher, weil ich nicht jedes Detail kannte. Dass wir erst, wenn wir alle Informationen haben, der Nada einen Rat geben können. Als ich jetzt die Unterlagen durchgesehen habe, war ich allerdings perplex. Wir sind 2011 im Frühjahr von der Nada befragt worden. Dann war neun, zehn Monate Ruhe, und dann wurden uns dieselben Fragen noch einmal gestellt. Es ist eine Menge schiefgelaufen in der Kommunikation. Der entscheidende Punkt aber ist: Wir haben bis heute nicht alle Informationen aus Deutschland. Keiner unserer Experten hatte alle Fakten auf dem Tisch, und sie wurden auch zu unterschiedlichen Aspekten befragt. Deshalb haben sie Meinungen abgegeben, die auf unterschiedlichen Informationen basierten. Aber bevor wir Experten befragen, brauchen wir alle Fakten, den ganzen Hintergrund. Und am Ende gibt es ohnehin Richter, die entscheiden, ob all die Expertenmeinungen richtig oder falsch sind.

ZEIT ONLINE: Richard Budgett, der Vorsitzende des für die Verbotsliste zuständigen Wada-Komitees, soll zum Beispiel davon ausgegangen sein, die Athleten seien von außen mit UV-Licht bestrahlt worden, wie im Solarium.

Howman : Ich bin kein Mitglied des Komitees für die Verbotsliste. Ich werde keine Vermutungen anstellen. Alles, was ich sagen kann, ist: Sie hatten in der Tat nicht alle Informationen.

ZEIT ONLINE: Wer war dafür verantwortlich – die Nada?

Howman: Ich glaube nicht, dass man hier mit dem Finger auf jemanden zeigen sollte.

ZEIT ONLINE: Welche relevanten Informationen hat die Nada nicht nach Montreal übermittelt?

Howman: Beispielsweise haben wir die Ermittlungsunterlagen der Staatsanwaltschaft nie zu Gesicht bekommen. Das ist okay. Aber man sollte dann von uns keine Meinung erwarten, wenn man uns so wichtige Informationen vorenthält. Sonst sagen wir etwas, das die Beweislage außer Acht lässt. Und das ist schlicht falsch.

"Die Nada muss jetzt ihren Job machen"

ZEIT ONLINE: Die Nada informierte Ende April über die neue Meinung der Wada, eine angeblich "finale Einschätzung". Die sei "richtungsweisend für das weitere Vorgehen". Das heißt: Die Einleitung weiterer Dopingverfahren ist nicht geplant. Zu diesem Zeitpunkt stand das einzige Gutachten, das die Nada selbst in Auftrag gegeben hat, noch aus. Der Gutachter Prof. Heiko Striegel ist inzwischen zu dem Schluss gekommen , dass es sich auch 2005 schon um Blutdoping gehandelt hat. Wie bewerten Sie das Vorgehen der Nada? War die Wada informiert, dass die Nada noch ein Gutachten erwartete?

Howman : Zuerst einmal ist klar: Die Wada fällt keine Entscheidungen. Sie kann einen Rat geben, aber mehr nicht. In diesem Fall hat uns die Nada in eine Situation manövriert, in der wir nicht sind. Sie hat suggeriert: Was die Wada sagt, das ist eine Entscheidung. Das ist komplett falsch. Deshalb mische ich mich jetzt ein und sage: Nein, nicht wir entscheiden. Und, nein, über das ausstehende Gutachten waren wir nicht informiert.

ZEIT ONLINE: Wie lautet jetzt Ihr Rat?

Howman : Ich empfehle, aus den mehr als 20 Athleten, die vor 2011 in Erfurt Blut bestrahlen ließen, einen herauszugreifen und ihn vors Schiedsgericht zu bringen. Wenn dabei festgestellt wird, dass diese Methode schon immer verboten war, ist es leichter, weitere Dopingverfahren einzuleiten. Die Nada muss jetzt ihren Job machen. Sie muss entscheiden, welchen Fall sie auswählt. Unser Job ist es, das zu beobachten. Und wenn das Schiedsgericht falsch entscheidet, dann haben wir das Recht, beim Weltsportgerichtshof CAS in Berufung zu gehen.

ZEIT ONLINE: Was also ist die Wada-Auskunft vom 26. April wert?

Howman : Der Brief von Olivier Rabin kann nur als das genommen werden, was er ist. Ein Zwischenstand, basierend auf den Informationen, die uns zur Verfügung standen. Da uns Informationen fehlten, ist diese Einschätzung hinfällig. Unvollständige Informationen ergeben keine finale Antwort. Der Brief ist nichts wert. Das ist der Kern.

ZEIT ONLINE: Die meisten Experten in Deutschland halten diese UV-Methode für seit Langem verboten. Nur drei Wissenschaftler, die bereits 2010 als Gutachter im Fall Claudia Pechstein aufgetreten sind, berufen sich auf die Überschrift über dem Blutdoping-Verbot in der Wada-Verbotsliste: "Verbesserung des Sauerstofftransports". Sie sagen, weil die Manipulation von 50 Millilitern Blut den Sauerstofftransfer nicht erhöht, waren die Erfurter Praktiken bis zu einer Regelpräzisierung Anfang 2011 erlaubt. Widersprechen Sie?

Howman : Diese Experten machen einen Denkfehler. Die Überschrift ist kein Teil des Textes. Es ist nur eine Überschrift. Und jeder Anwalt, jeder Richter, der Gesetze zu interpretieren hat, weiß, dass es auf den Gesetzestext ankommt, nicht auf die Überschrift. Der Text sagt klar, was unter Blutdoping zu verstehen ist. Blutdoping ist der Gebrauch von Blut und Produkten aus roten Blutzellen. Da steht nichts von Erhöhung des Sauerstofftransfers. Die Frage, die ein Richter zu beantworten hat, lautet: Fällt die Erfurter Methode unter M 1 der Verbotsliste, unter Blutdoping? Das habe nicht ich zu entscheiden. Diese Sache gehört vors Schiedsgericht.

ZEIT ONLINE: Eine Radsportlerin, deren Blut in Erfurt bestrahlt wurde, ist mit der Unbedenklichkeitsbescheinigung der Nada bereits für die Spiele in London nominiert. Ist das in Ordnung?

Howman: Ich rate dasselbe wie bei anderen Athleten weltweit. Wenn es Vorwürfe gegen Olympiateilnehmer gibt, sollten diese Vorwürfe mit großer Dringlichkeit behandelt und vor ein Sportgericht gebracht werden. Dann haben wir zwei Möglichkeiten – der Athlet darf starten oder er darf nicht starten. Im zweiten Fall kann er durch einen sauberen Athleten ersetzt werden. Wir ermutigen dazu, solche Fälle zu klären. Das ist auch hier meine Botschaft.

ZEIT ONLINE: Die Nada behauptet gern, dass sie weltweit beispielgebend im Kampf gegen Doping sei. Dagegen spricht die Statistik, 2010 bei 8.100 Trainingstests sieben positive Fälle, und sicher auch der Umgang mit der Causa Erfurt. Wo setzt die deutsche Nada Maßstäbe?

Howman: Das weiß ich nicht. Die häufigen Führungswechsel haben sicher dazu geführt, dass Dinge liegen geblieben sind. Das ist bedauerlich. Aber ich würde die Nada jetzt auch nicht allein nach dem Umgang mit dem Fall Erfurt beurteilen. Wir sollten sehen, was von jetzt an passiert. Ich hätte gern eine deutsche Nada, die so stark ist wie andere starke Nadas. Die Wada wird gern mit daran arbeiten, dass die Nada auf dieses Niveau kommt.