Es ist zehn Uhr abends in Krieza, die Zikaden schreien, Sterne flackern, es weht ein warmer Wind. 2.500 Kilometer entfernt sitzt Angela Merkel bequem und beschützt auf einem Ehrenplatz im Fußballstadion von Danzig . Sie ist umgeben von Tausenden Zuschauern aus ganz Europa . Ich sitze auf einem bastbezogenen Holzstuhl vor dem Fernseher in einem Kaffeehaus, umgeben nur von Griechen. In dieser Nacht befinde ich mich tief im "Feindesland".

An jedem anderen Tag ist Krieza, ein Dorf auf Euböa , der zweitgrößten Insel Griechenlands , meine Wahlheimat. Es ist ein typisches Dorf, winzig und verschlafen, von Bergen umgeben. Knapp 400 Menschen leben hier, es gibt eine Handvoll Straßen und Gassen, ein Klempnergeschäft, einen Metzger und eine Kirche, auf der Störche nisten. Auf den sonnenverbrannten Weiden grasen Schafe und Ziegen. Die Jüngeren leben vom Handwerk, die Alten von ihrer dürftigen Rente, ihren Tieren und dem Gemüsegarten.

Deutschland spielt also gegen Griechenland . Es ist das Viertelfinale der EM, ein Spiel, das für Zündstoff sorgt – auf beiden Seiten. Seit Tagen schießen die Medien mit scharfer Munition: "Der Euro-Knüller der EURO 2012!", schreibt eine deutsche Zeitung. Sie prophezeit, dass den Griechen im Fußball kein Rettungsschirm angeboten werde. Dafür gebe es eine kostenlose Niederlage. "Am Freitag tritt Deutschland aus dem EURO aus", kontern die griechischen Sportblätter. Der Schiedsrichter könne Merkel schon mal ein bisschen Angst einjagen und vor Spielbeginn eine Drachme-Münze werfen.

Die Freundschaft beider Länder hat sich, so scheint es, in Feindschaft gewandelt. Und heute Nacht findet die große Schlacht statt, die mutmaßlichen Gegner sind klar definiert: Es spielen die Bankrotteure gegen die Profiteure, gnadenlose Geldeintreiber gegen ausgefuchste Schuldner. Und ich, Deutscher und damit Geldgeber, sitze mitten unter den angeblichen Tricksern und Fälschern.

Wut hat sich unter den Griechen angestaut

Im Kaffeehaus ist es heiß und stickig. Es wird trotz Rauchverbot gequalmt, was das Zeug hält. Dimitris Kaskaris, 50, schnurrbärtig, wohlbeleibt, der Klempner des Dorfes, sitzt mit Freunden in der Ecke. Er winkt und deutet mir, mich zu ihnen zu setzen. Wie es gehe? Wer heute gewinne? Und schon sind wir mitten im Thema. Ob er im Wettbüro gesetzt habe, will ich wissen. "Wie denn?", fährt ein anderer am Tisch dazwischen. "Merkel hat uns doch alles Geld genommen", poltert Jorgos Koundouris, 62, der frühere Kapitän.

Da ist es, das Wort, das ich, fast schon Halbgrieche, seit über einem Jahr ununterbrochen höre – MERKEL, immer wieder MERKEL. Sie ist für viele die Inkarnation des Bösen. Es sind Sticheleien, giftige Nebensätze, die man als in Griechenland lebender Deutscher manchmal zu hören bekommt. Und doch: Nie jedoch wurden mir der Krieg und seine Gräuel vorgeworfen, nie wurde ich als Nazi oder Krisenprofiteur beschimpft. Fast alle Griechen wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen der Politik eines Landes und seinen Bürgern. Daran ändert auch das Spiel nichts.

Der Schiedsrichter pfeift an, jeder blickt gebannt auf den Fernseher. Wir sind gut 30 Leute. Erste Flüche, erste Aufschreie nach der guten Anfangsphase der Deutschen. Irgendwann lugt jemand zur Tür herein und fragt, wie es stehe. "Mensch, wir sind aus der eigenen Spielhälfte noch gar nicht herausgekommen", ruft einer. MERKEL erscheint kurz im Bild und Jorgos wettert wieder los. Er rasselt alle Namen ab, die er aus dem Fernsehen kennt: MERKEL, Schäuble, Westerwelle, Rösler. Dimitris verdreht die Augen, zwinkert mir verstohlen zu. Will heißen: Vergiss es, hör nicht zu! Wut über die Bundeskanzlerin hat sich angestaut, über die Politik Deutschlands, die als arrogant empfunden wird. Aber es ist auch die Wut darüber, dass Realität und Wunschdenken so weit auseinanderklaffen.