Deutschland - GriechenlandMerkel, immer wieder Merkel

Allein unter Griechen: Unser Autor erlebt, wie seine griechische Wahlheimat für eine Nacht zum Feindgebiet wird – und sich am Ende doch wieder alle versöhnen. von Richard Fraunberger

Nicht in Krieza, sondern in Athen: Griechische Fans verfolgen das Spiel vor dem Fernseher.

Nicht in Krieza, sondern in Athen: Griechische Fans verfolgen das Spiel vor dem Fernseher.  |  © Pascal Rossignol / Reuters

Es ist zehn Uhr abends in Krieza, die Zikaden schreien, Sterne flackern, es weht ein warmer Wind. 2.500 Kilometer entfernt sitzt Angela Merkel bequem und beschützt auf einem Ehrenplatz im Fußballstadion von Danzig . Sie ist umgeben von Tausenden Zuschauern aus ganz Europa . Ich sitze auf einem bastbezogenen Holzstuhl vor dem Fernseher in einem Kaffeehaus, umgeben nur von Griechen. In dieser Nacht befinde ich mich tief im "Feindesland".

An jedem anderen Tag ist Krieza, ein Dorf auf Euböa , der zweitgrößten Insel Griechenlands , meine Wahlheimat. Es ist ein typisches Dorf, winzig und verschlafen, von Bergen umgeben. Knapp 400 Menschen leben hier, es gibt eine Handvoll Straßen und Gassen, ein Klempnergeschäft, einen Metzger und eine Kirche, auf der Störche nisten. Auf den sonnenverbrannten Weiden grasen Schafe und Ziegen. Die Jüngeren leben vom Handwerk, die Alten von ihrer dürftigen Rente, ihren Tieren und dem Gemüsegarten.

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Deutschland spielt also gegen Griechenland . Es ist das Viertelfinale der EM, ein Spiel, das für Zündstoff sorgt – auf beiden Seiten. Seit Tagen schießen die Medien mit scharfer Munition: "Der Euro-Knüller der EURO 2012!", schreibt eine deutsche Zeitung. Sie prophezeit, dass den Griechen im Fußball kein Rettungsschirm angeboten werde. Dafür gebe es eine kostenlose Niederlage. "Am Freitag tritt Deutschland aus dem EURO aus", kontern die griechischen Sportblätter. Der Schiedsrichter könne Merkel schon mal ein bisschen Angst einjagen und vor Spielbeginn eine Drachme-Münze werfen.

Die Freundschaft beider Länder hat sich, so scheint es, in Feindschaft gewandelt. Und heute Nacht findet die große Schlacht statt, die mutmaßlichen Gegner sind klar definiert: Es spielen die Bankrotteure gegen die Profiteure, gnadenlose Geldeintreiber gegen ausgefuchste Schuldner. Und ich, Deutscher und damit Geldgeber, sitze mitten unter den angeblichen Tricksern und Fälschern.

Wut hat sich unter den Griechen angestaut

Im Kaffeehaus ist es heiß und stickig. Es wird trotz Rauchverbot gequalmt, was das Zeug hält. Dimitris Kaskaris, 50, schnurrbärtig, wohlbeleibt, der Klempner des Dorfes, sitzt mit Freunden in der Ecke. Er winkt und deutet mir, mich zu ihnen zu setzen. Wie es gehe? Wer heute gewinne? Und schon sind wir mitten im Thema. Ob er im Wettbüro gesetzt habe, will ich wissen. "Wie denn?", fährt ein anderer am Tisch dazwischen. "Merkel hat uns doch alles Geld genommen", poltert Jorgos Koundouris, 62, der frühere Kapitän.

Da ist es, das Wort, das ich, fast schon Halbgrieche, seit über einem Jahr ununterbrochen höre – MERKEL, immer wieder MERKEL. Sie ist für viele die Inkarnation des Bösen. Es sind Sticheleien, giftige Nebensätze, die man als in Griechenland lebender Deutscher manchmal zu hören bekommt. Und doch: Nie jedoch wurden mir der Krieg und seine Gräuel vorgeworfen, nie wurde ich als Nazi oder Krisenprofiteur beschimpft. Fast alle Griechen wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen der Politik eines Landes und seinen Bürgern. Daran ändert auch das Spiel nichts.

Der Schiedsrichter pfeift an, jeder blickt gebannt auf den Fernseher. Wir sind gut 30 Leute. Erste Flüche, erste Aufschreie nach der guten Anfangsphase der Deutschen. Irgendwann lugt jemand zur Tür herein und fragt, wie es stehe. "Mensch, wir sind aus der eigenen Spielhälfte noch gar nicht herausgekommen", ruft einer. MERKEL erscheint kurz im Bild und Jorgos wettert wieder los. Er rasselt alle Namen ab, die er aus dem Fernsehen kennt: MERKEL, Schäuble, Westerwelle, Rösler. Dimitris verdreht die Augen, zwinkert mir verstohlen zu. Will heißen: Vergiss es, hör nicht zu! Wut über die Bundeskanzlerin hat sich angestaut, über die Politik Deutschlands, die als arrogant empfunden wird. Aber es ist auch die Wut darüber, dass Realität und Wunschdenken so weit auseinanderklaffen.

Leserkommentare
  1. ..könnten sie wieder gute Nachrichten hören.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Anfeindungen anderer User und diskutieren Sie sachlich das Artikelthema. Die Redaktion/vn

    Es ist deutlich zu sehen das sie nicht in der Lage sind Politik,bankenpolitik,Spekulationen und manch anderes vom empfinden eines Volkes zu unterscheiden.
    Die deutschen machen alles richtig und der rest der Welt macht alles falsch.
    Was die griechischen Schulden betrifft,sollen es die Griechen doch genauso wie die deutschen machen...das wird dann auch aus deutscher Sicht richtig sein. Und zwar die Griechen werden sich über 65 Jahre Zeit damit lassen und nicht einen einzigen Cent bezahlen. Werden sie dann daraufhin angesprochen,so können sie mit der Aussage <>.

    So werden es die Griechen machen und es wird richtig sein denn allen guten Beispiel sind die deutschen voran....mit den vielleicht für manch deutsche den unwichtigen Unterschied,menschenverbrechen uebelster Art begangen zu haben.

    PS: Deutschland müsste spätestens nach der Wiedervereinigung seine Unterschriften respektieren sollen. Das Musterland tat es aber nicht.

  2. langsam nicht mehr ertragen.

    WENN Sie die Steuern zahlen ...

    WENN die EU-Barone damals genauer hingeschaut hätten, ... wenn das Wörtchen wenn nicht wär.

    Es IST aber ... (das Wörtchen WENN)

    Genauso wie der Fakt, dass Griechenland bei seinem EU-Beitritt bereits Konvergenz-Kriterien hatte, bei denen die EU-Barone mehr als 2 Augen zugedrückt haben.
    Sie wollten nicht sehen. Sie wollten blind sein.

    Und jetzt ist natürlich nur Griechenland schuld.
    Obwohl immer zwei dazugehören: die Barone UND die Griechen.

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  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Anfeindungen anderer User und diskutieren Sie sachlich das Artikelthema. Die Redaktion/vn

  4. “Fast alle Griechen wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen der Politik eines Landes und seinen Bürgern.”

    Umgekehrt gilt leider: Die meisten Deutschen wissen eben leider nicht zu unterscheiden zwischen der Politik eines Landes und seinen Bürgern.

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    "Umgekehrt gilt leider: Die meisten Deutschen wissen eben leider nicht zu unterscheiden zwischen der Politik eines Landes und seinen Bürgern."

    Tja, liegt vielleicht daran, dass wir zu lange sogar für Politik verantwortlich gemacht wurden/werden, die stattfand, bevor wir überhaupt geboren waren, re: spezielle "deutsche Verantwortung". Das hört man so oft, da kann man schonmal vergessen, dass das Credo nationaler Verantwortung nicht überall in Europa gilt.

    (Trotzdem wurde ich letztens in GB von einem wildfremden Verkäufer genötigt, mich für Merkels Politik zu verantworten. Da half nicht zu beteuern, nie im Leben die CDU gewählt zu haben... naja, die Briten halt. ;-))

  5. Deutschland hätte einen eigenen Rettungsfond gründen sollen. Unabhängig der anderen EU-Fonds würde so der deutsche Beitrag zur Eurorettung viel deutlicher sichtbar werden.

    Für alles was in diesem Land passiert, ist Angela Merkel Schuld. Die Griechen sind nicht fähig, sich selbst zu reflektieren. Deswegen ist es auch so schwierig, dieses Land umzubauen - die Menschen dort wollen nämlich nichts verändern.

    Angela Merkel hat viel Mut bewiesen, im Stadion persönlich anwesend zu sein. Sie hat so eine ganze Menge "Wut" auf sich gezogen, statt auf die Deutschen insgesammt. Mein allerhöchster Respekt!

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  6. Diese Mentalität der Sündenbocksuche für eigene Verfehlungen kann einem ja Angst machen, so dass man sich wirklich wie in "Feindesland" fühlt. Zumal solche Fußballspiele sublimierte Kriege zwischen Völkern sind, die das früher übliche blutige Kämpfen durch Sport ersetzen. Auch in Spanien macht man uns Deutsche zum Sündenbock: http://www.welt.de/politi...

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    Auch wenn es in einem Land, wo die Spardoktrin zur Staatsdogma erhoben wurde, ohne Rücksicht auf Realitäten, zur Zeit unendlich schwierig ist, eine differenzierte Sicht auf die wirtschaftliche Situation und Notwendigkeiten der Euro-Zone zu bekommen (wofür ich beim Lesen der deutschen Leitmedien allerdings auch Verständnis habe), und auch auf die Gefahr hin, dass das gegen Ihren Glauben verstößt (zumal wenn Sie sich ihre täglichen Psalme von der WELT holen);
    aber die stur-realtitätsferne deutsche Euro-Politik ist maßgeblich am Schlamassel des Euros (und seinem zukünftigen weiteren Niedergang) mitschuld. Und dennoch stellen sich die deutschen Entscheidungsträger hin und behaupten arrogant, andere "retten" zu müssen, dass es an "ihr Geld" ginge, womit die anderen nicht umgehen könnten.

    Natürlich ist "Merkel hat uns alles Geld genommen" Unsinn, aber von Sündenbock zu reden ist ebenso irreführend. Denn Merkel und Co.s Position muss eigentlich als arrogant, ignorant und anmaßend aufgefasst werden. Zutreffenderweise.

    http://www.nytimes.com/20...

    Übrigens, netter Artikel, Herr Fraunberger! Allein, wenn Sie schon "Feindesland" in Anführungsstriche setzen, um nicht einer widersinnigen Eskalation hinzugeben, können Sie auch "Geldgeber" so behandeln - offensichtlich haben Sie ja verstanden, dass Sie den Griechen um Sie herum bisher mitnichten "Geld gegeben" haben. Ach, teilen Sie diese Erkenntnis etwas in der Redaktion. Danke!

    • HGAZIS
    • 23. Juni 2012 13:06 Uhr

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

  7. Es ist deutlich zu sehen das sie nicht in der Lage sind Politik,bankenpolitik,Spekulationen und manch anderes vom empfinden eines Volkes zu unterscheiden.
    Die deutschen machen alles richtig und der rest der Welt macht alles falsch.
    Was die griechischen Schulden betrifft,sollen es die Griechen doch genauso wie die deutschen machen...das wird dann auch aus deutscher Sicht richtig sein. Und zwar die Griechen werden sich über 65 Jahre Zeit damit lassen und nicht einen einzigen Cent bezahlen. Werden sie dann daraufhin angesprochen,so können sie mit der Aussage <>.

    So werden es die Griechen machen und es wird richtig sein denn allen guten Beispiel sind die deutschen voran....mit den vielleicht für manch deutsche den unwichtigen Unterschied,menschenverbrechen uebelster Art begangen zu haben.

    PS: Deutschland müsste spätestens nach der Wiedervereinigung seine Unterschriften respektieren sollen. Das Musterland tat es aber nicht.

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    Ich denke man sollte Griechenland die Schulden stunden oder erlassen, so wie es im Londoner Abkommen mit der BRD gemacht worden ist, wenn dies zu Folge hätte, dass Griechenland seine Wirtschaft so aufbauen kann, dass es in Zukunft seine Staatsausgaben ohne Milliardentransfers von der EU bestreiten kann.

    Durch den Schuldenerlass für Griechenland würde Deutschland 80 Milliarden verlieren und es sollte daher vertraglich festgelegt werden, dass dieses Geld auf von Griechenland geltend gemachte Reparationsansprüche angerechnet wird. So würde sichergestellt, dass in dem Fall, dass Griechenland in 50 oder 60 Jahren wieder bankrott sein könnte, nicht mit dem Hinweis auf den zweiten Weltkrieg erneut Geld gefordert werden kann.

    Da Portugal, Spanien und Irland nicht von Nazi Deutschland besetzt waren besteht auch nicht die Gefahr, dass die Politiker dieser Länder für sich mit dem gleichen Argument einen Schuldenerlass durchsetzen können.

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