Deutschland - Griechenland : Merkel, immer wieder Merkel

Allein unter Griechen: Unser Autor erlebt, wie seine griechische Wahlheimat für eine Nacht zum Feindgebiet wird – und sich am Ende doch wieder alle versöhnen.
Nicht in Krieza, sondern in Athen: Griechische Fans verfolgen das Spiel vor dem Fernseher. © Pascal Rossignol / Reuters

Es ist zehn Uhr abends in Krieza, die Zikaden schreien, Sterne flackern, es weht ein warmer Wind. 2.500 Kilometer entfernt sitzt Angela Merkel bequem und beschützt auf einem Ehrenplatz im Fußballstadion von Danzig . Sie ist umgeben von Tausenden Zuschauern aus ganz Europa . Ich sitze auf einem bastbezogenen Holzstuhl vor dem Fernseher in einem Kaffeehaus, umgeben nur von Griechen. In dieser Nacht befinde ich mich tief im "Feindesland".

An jedem anderen Tag ist Krieza, ein Dorf auf Euböa , der zweitgrößten Insel Griechenlands , meine Wahlheimat. Es ist ein typisches Dorf, winzig und verschlafen, von Bergen umgeben. Knapp 400 Menschen leben hier, es gibt eine Handvoll Straßen und Gassen, ein Klempnergeschäft, einen Metzger und eine Kirche, auf der Störche nisten. Auf den sonnenverbrannten Weiden grasen Schafe und Ziegen. Die Jüngeren leben vom Handwerk, die Alten von ihrer dürftigen Rente, ihren Tieren und dem Gemüsegarten.

Deutschland spielt also gegen Griechenland . Es ist das Viertelfinale der EM, ein Spiel, das für Zündstoff sorgt – auf beiden Seiten. Seit Tagen schießen die Medien mit scharfer Munition: "Der Euro-Knüller der EURO 2012!", schreibt eine deutsche Zeitung. Sie prophezeit, dass den Griechen im Fußball kein Rettungsschirm angeboten werde. Dafür gebe es eine kostenlose Niederlage. "Am Freitag tritt Deutschland aus dem EURO aus", kontern die griechischen Sportblätter. Der Schiedsrichter könne Merkel schon mal ein bisschen Angst einjagen und vor Spielbeginn eine Drachme-Münze werfen.

Die Freundschaft beider Länder hat sich, so scheint es, in Feindschaft gewandelt. Und heute Nacht findet die große Schlacht statt, die mutmaßlichen Gegner sind klar definiert: Es spielen die Bankrotteure gegen die Profiteure, gnadenlose Geldeintreiber gegen ausgefuchste Schuldner. Und ich, Deutscher und damit Geldgeber, sitze mitten unter den angeblichen Tricksern und Fälschern.

Wut hat sich unter den Griechen angestaut

Im Kaffeehaus ist es heiß und stickig. Es wird trotz Rauchverbot gequalmt, was das Zeug hält. Dimitris Kaskaris, 50, schnurrbärtig, wohlbeleibt, der Klempner des Dorfes, sitzt mit Freunden in der Ecke. Er winkt und deutet mir, mich zu ihnen zu setzen. Wie es gehe? Wer heute gewinne? Und schon sind wir mitten im Thema. Ob er im Wettbüro gesetzt habe, will ich wissen. "Wie denn?", fährt ein anderer am Tisch dazwischen. "Merkel hat uns doch alles Geld genommen", poltert Jorgos Koundouris, 62, der frühere Kapitän.

Da ist es, das Wort, das ich, fast schon Halbgrieche, seit über einem Jahr ununterbrochen höre – MERKEL, immer wieder MERKEL. Sie ist für viele die Inkarnation des Bösen. Es sind Sticheleien, giftige Nebensätze, die man als in Griechenland lebender Deutscher manchmal zu hören bekommt. Und doch: Nie jedoch wurden mir der Krieg und seine Gräuel vorgeworfen, nie wurde ich als Nazi oder Krisenprofiteur beschimpft. Fast alle Griechen wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen der Politik eines Landes und seinen Bürgern. Daran ändert auch das Spiel nichts.

Der Schiedsrichter pfeift an, jeder blickt gebannt auf den Fernseher. Wir sind gut 30 Leute. Erste Flüche, erste Aufschreie nach der guten Anfangsphase der Deutschen. Irgendwann lugt jemand zur Tür herein und fragt, wie es stehe. "Mensch, wir sind aus der eigenen Spielhälfte noch gar nicht herausgekommen", ruft einer. MERKEL erscheint kurz im Bild und Jorgos wettert wieder los. Er rasselt alle Namen ab, die er aus dem Fernsehen kennt: MERKEL, Schäuble, Westerwelle, Rösler. Dimitris verdreht die Augen, zwinkert mir verstohlen zu. Will heißen: Vergiss es, hör nicht zu! Wut über die Bundeskanzlerin hat sich angestaut, über die Politik Deutschlands, die als arrogant empfunden wird. Aber es ist auch die Wut darüber, dass Realität und Wunschdenken so weit auseinanderklaffen.

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Pauschalisierenden...

Es ist deutlich zu sehen das sie nicht in der Lage sind Politik,bankenpolitik,Spekulationen und manch anderes vom empfinden eines Volkes zu unterscheiden.
Die deutschen machen alles richtig und der rest der Welt macht alles falsch.
Was die griechischen Schulden betrifft,sollen es die Griechen doch genauso wie die deutschen machen...das wird dann auch aus deutscher Sicht richtig sein. Und zwar die Griechen werden sich über 65 Jahre Zeit damit lassen und nicht einen einzigen Cent bezahlen. Werden sie dann daraufhin angesprochen,so können sie mit der Aussage <>.

So werden es die Griechen machen und es wird richtig sein denn allen guten Beispiel sind die deutschen voran....mit den vielleicht für manch deutsche den unwichtigen Unterschied,menschenverbrechen uebelster Art begangen zu haben.

PS: Deutschland müsste spätestens nach der Wiedervereinigung seine Unterschriften respektieren sollen. Das Musterland tat es aber nicht.

ein Vorschlag

Ich denke man sollte Griechenland die Schulden stunden oder erlassen, so wie es im Londoner Abkommen mit der BRD gemacht worden ist, wenn dies zu Folge hätte, dass Griechenland seine Wirtschaft so aufbauen kann, dass es in Zukunft seine Staatsausgaben ohne Milliardentransfers von der EU bestreiten kann.

Durch den Schuldenerlass für Griechenland würde Deutschland 80 Milliarden verlieren und es sollte daher vertraglich festgelegt werden, dass dieses Geld auf von Griechenland geltend gemachte Reparationsansprüche angerechnet wird. So würde sichergestellt, dass in dem Fall, dass Griechenland in 50 oder 60 Jahren wieder bankrott sein könnte, nicht mit dem Hinweis auf den zweiten Weltkrieg erneut Geld gefordert werden kann.

Da Portugal, Spanien und Irland nicht von Nazi Deutschland besetzt waren besteht auch nicht die Gefahr, dass die Politiker dieser Länder für sich mit dem gleichen Argument einen Schuldenerlass durchsetzen können.

Ich kann solche Dreikäsehoch-arrogant-Kommentare

langsam nicht mehr ertragen.

WENN Sie die Steuern zahlen ...

WENN die EU-Barone damals genauer hingeschaut hätten, ... wenn das Wörtchen wenn nicht wär.

Es IST aber ... (das Wörtchen WENN)

Genauso wie der Fakt, dass Griechenland bei seinem EU-Beitritt bereits Konvergenz-Kriterien hatte, bei denen die EU-Barone mehr als 2 Augen zugedrückt haben.
Sie wollten nicht sehen. Sie wollten blind sein.

Und jetzt ist natürlich nur Griechenland schuld.
Obwohl immer zwei dazugehören: die Barone UND die Griechen.

Aus der Nummer kommt man nicht raus...

"Umgekehrt gilt leider: Die meisten Deutschen wissen eben leider nicht zu unterscheiden zwischen der Politik eines Landes und seinen Bürgern."

Tja, liegt vielleicht daran, dass wir zu lange sogar für Politik verantwortlich gemacht wurden/werden, die stattfand, bevor wir überhaupt geboren waren, re: spezielle "deutsche Verantwortung". Das hört man so oft, da kann man schonmal vergessen, dass das Credo nationaler Verantwortung nicht überall in Europa gilt.

(Trotzdem wurde ich letztens in GB von einem wildfremden Verkäufer genötigt, mich für Merkels Politik zu verantworten. Da half nicht zu beteuern, nie im Leben die CDU gewählt zu haben... naja, die Briten halt. ;-))

britischer Verkäufer ?

Ich hoffe Sie haben den Gentleman darauf hingewiesen, dass die Krise zum Großteil durch Zockerbanken in der City of London ausgelöst worden ist und ihn gefragt warum Cameron sich trotzdem weigert England für die Krise mitbezahlen zu lassen ? Oder warum Cameron sich gegen eine Finanztransaktionssteuer sperrt ?!?

Sollen die britischen Banken die dicken Zinsgewinne kassieren während die dt. Arbeitnehmer für die Risikien alleine die Zeche zahlen ? England (hier sollte man zu Schottland und Wales unterscheiden) ist wirklich das letzte Land, das in der Euro Krise oberlehrerhafte Ratschläge erteilen sollte.

Griechenland

Deutschland hätte einen eigenen Rettungsfond gründen sollen. Unabhängig der anderen EU-Fonds würde so der deutsche Beitrag zur Eurorettung viel deutlicher sichtbar werden.

Für alles was in diesem Land passiert, ist Angela Merkel Schuld. Die Griechen sind nicht fähig, sich selbst zu reflektieren. Deswegen ist es auch so schwierig, dieses Land umzubauen - die Menschen dort wollen nämlich nichts verändern.

Angela Merkel hat viel Mut bewiesen, im Stadion persönlich anwesend zu sein. Sie hat so eine ganze Menge "Wut" auf sich gezogen, statt auf die Deutschen insgesammt. Mein allerhöchster Respekt!