NationalmannschaftLöws Ärger mit dem Maulwurf

Die Maulwurf-Affäre im DFB-Team klingt harmlos. Doch dass die "Bild" wieder Aufstellungen vorab meldet, stellt Joachim Löw bloß und schürt Misstrauen im Team. von 

Dass seine Aufstellung vorzeitig an die Presse geriet, war eine Blöße für Joachim Löw.

Dass seine Aufstellung vorzeitig an die Presse geriet, war eine Blöße für Joachim Löw.  |  © Getty Images Sport

Im Spiel gegen Griechenland sah man den neuen deutschen Fußball, der seit der Reform im Jahr 2004 einem Höhepunkt, dem EM-Titel, zustrebt. Begleitet wurde der Sieg von einem altbekannten Phänomen, einem Maulwurf. Joachim Löw wollte die Veröffentlichung der Mannschaftsaufstellung bis zur Meldepflicht 75 Minuten vor Anpfiff zurückhalten. Die Bild-Zeitung und Sportbild vermeldeten sie jedoch schon am frühen Nachmittag, nur wenige Minuten nach der Mannschaftssitzung.

Nun ist den Springer-Blättern ihr investigativer Erfolg zu gönnen, doch der taktische Nachteil für die Mannschaft, auch wenn sie gewann, lag auf der Hand. In diesem Spiel wollte Löw den Gegner mit drei Wechseln im Sturm überraschen. Der Trainer des Griechen sagte nach dem Spiel, er sei nicht überrascht worden, weil er die Aufstellung schon früh gekannt habe.

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Der Maulwurf ist unbekannt, auch aus welchem Zirkel er stammt. Drei Szenarien sind denkbar: ein oder mehrere Spieler mit direktem Draht zur Presse, was von der Mannschaft verneint wird. Früher wurde die Boulevardpresse auch mal vom Verband gefüttert, damit sie sonst Ruhe gibt. Das gilt heute als sehr unwahrscheinlich. Oder jemand aus dem Umfeld der Spieler hat die Information weitergegeben, zum Beispiel ein Berater, der sich gut mit der Zeitung stellen will.

Die Beratervariante ist die wahrscheinlichste, viele Reporter reden im Pressezelt des DFB in Danzig darüber. Es ist auch die harmloseste, denn sie ließe sich mit der Naivität der Spieler erklären. Die Innung der Berater hat ohnehin ein schlechtes Image, da kommt es auf einen Schwarzen Peter mehr oder weniger nicht an.

Eine Prinzipienfrage

Unabhängig davon bleibt die Sache für den Trainer ein großes Ärgernis. Das sagt Löw selbst, noch deutlicher ist das seiner Mimik abzulesen, wenn er darauf angesprochen wird. Zumal schon beim Auftaktspiel gegen Portugal die Aufstellung vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangte. Und zumal er dem Team seine Meinung zu dem Vorfall anschließend kundtat. Dass sich das nun wiederholt hat, ist eine Blöße für Löw.

Für ihn ist das eine Prinzipienfrage. Unter Löws Vorgängern war es üblich, der Bild-Zeitung die Aufstellung rechtzeitig zu stecken. Das war für diese Zeitung, die sich als Machtfaktor im deutschen Fußball versteht, symbolisch wichtig.

Genauso symbolisch wichtig war es für Jürgen Klinsmann und Löw, ihr dieses Privileg zu nehmen. Die Bild-Zeitung war in deren Betrachtung Teil der alten Fußballfamilie. In der Führung der Nationalmannschaft gilt es als Baustein des Erfolgs, dass solche Formen der "Informationskorruption" abgeschafft wurden.

Vermutlich wird das Informationsleck Löw auf seiner Titelmission nicht weiter stören. Doch es ist davon auszugehen, dass der Vertrauensbruch innerhalb des Teams weiter Argwohn schürt.

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Leserkommentare
  1. ... außer den wenigen Grundsätzen, bei denen für Geld auch Blut fließen darf.

    Oder eben Tore für die deutsche National-Elf.

  2. Ich empfehle Herrn Löw sich mal den Film "Departed - Unter Feinden" von Martin Scorsese anzuschauen. Dort wird sehr gut gezeigt, wie man einen Maulwurf aufdeckt.

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    • dacapo
    • 24. Juni 2012 20:02 Uhr

    Dazu wird sich Herr Löw sicherlich die Zeit nehmen, um sich den von Ihnen empfohlenen Film anzusehen.

  3. die, die man nicht sieht.

  4. ...welchen genauen Vorteil der "Maulwurf" sich denn von seinem Tun verspricht? Gemessen an den nachteiligen Konsequenzen, die sich bei einer Aufdeckung ergäben.

    Selbst wenn es "nur" der Berater eines Spielers war, so ist dieser doch von seinem Schützling informiert wurde. Ich könnte mir sehr wohl vorstellen, dass Löws Sanktionen in diesem Falle bis zum Ausschluss aus dem Kader der Nationalmannschaft führen könnten. Weniger wegen "der Tat" an sich, sondern wegen der Loyalitätsverletzung. Denn wenn Löw neben fußballerischen und taktischen Fähigkeiten seines Personals auf eines Wert legt, dann ist es Loyalität.

    Und keine noch so mächtige Boulevardzeitung wird Löw dann vom Umsetzen seiner Konsequenzen abhalten.

  5. ist es so schwer sich das ausserhalb der Springerpresse anzugewöhnen?

    "... ein Berater, der sich gut mit der Zeitung stellen will."
    Spätestens seit Wulf sollte klar sein, daß mit der Bild auf Dauer niemand gut steht.

  6. In der Nationalmannschaft!

    Hat schon jemand die Filmrechte gesichert?

    • tchonk
    • 24. Juni 2012 18:50 Uhr

    Wirklich schade, dass die Bild kein Problem damit hat, für die Auflagen gegen das Wohl der deutschen Nationalmanschaft zu handeln

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    ..seine Großmutter verkaufen.

    Und dann nicht liefern.....

  7. Wenn die Spieler mit niemandem (nicht nur nicht mit der Presse) über die Aufstellung reden, dürfte sich das Thema schnell erledigt haben.

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    ein extrem unzufriedener zum Beispiel, der stocksauer war, das er beim großen Umbruch in der Offensive vor dem Griechenlandspiel "wieder" nicht mit dabei war...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Joachim Löw | DFB | Jürgen Klinsmann | Bild-Zeitung | Boulevardpresse | Fußball
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