EM-ZwischenfazitWas von der Vorrunde übrig bleibt

Libero, Manndeckung, Modern Talking und "The Final Countdown" – die Fußball-EM ist eine Zeitreise in die achtziger Jahre. Unser Zwischenfazit nach der EM-Vorrunde

Manuel Neuer begegnet plötzlich Tobias Mikkelsen

Manuel Neuer begegnet plötzlich Tobias Mikkelsen

Was durften Sie auf keinen Fall verpassen?

Die drei deutschen Spiele, lassen Sie uns diese Einäugigkeit bitte durchgehen. Es gab natürlich bessere Partien, etwa das Duell Spanien gegen Italien, das Champions-League-Format hatte. Doch die erfolgreichste Mannschaft war Deutschland. Drei Siege schaffte sonst niemand – und das gegen drei starke Gegner. Doch irgendwas passt noch nicht. Entweder ist Bastian Schweinsteiger müde, Mesut Özil rennt gegen eine Mauer, Lukas Podolski macht sich unsichtbar oder Mario Gomez braucht Wundsalbe. Noch fehlt der Glanz im deutschen Spiel, der versprochene, zumindest erhoffte Zauber. Es gibt einen, der mehr will: Joachim Löw, der Ästhet. Er trägt den alten Konflikt der deutschen Geistesgeschichte im Fußball des 21. Jahrhunderts aus: den zwischen Rationalismus und Romantik, zwischen Verwaltung und Phantasie. Er ist mit der Tabelle glücklich, aber nicht mit seinen Spielern. Er ist natürlich schlau genug, das in Zwischentöne zu verpacken. Beim letzten Mal meckerte er über die Dänen, weil die nicht richtig mitgespielt hatten. Eigentlich zielte er auf seine Spieler, die diese Dänen zu lange machen und zappeln ließen. Es ist vielleicht das beste Hoffnungszeichen für den deutschen Fußball, dass der größte Kritiker der Mannschaft der Bundestrainer ist.

Was konnten Sie mit gutem Gewissen verpassen?

Das EM-Studio des ZDF, dessen Personal zu Recht viel Häme ertragen musste. Kathrin Müller-Hohenstein, die "Usedomina“, Oliver Kahn, der "Twittan", der nicht viel Substanzielles sagt, dafür aber mit den Armen rudert, als wolle er "wie Mose das Meer teilen", und überhaupt: "Wo bleibt der Anstieg des Meeressspiegels, wenn man ihn mal braucht?" Man kann nicht sagen, dass diese Bühne, die das ZDF da für viel Gebührengeld in den Ostseesand rammte, sonderlich gut ankommt. Weder bei den Kritikern noch bei den Zuschauern vor Ort. Viele Liegestühle blieben leer, das war bei den rasanten Kamerafahrten zu erkennen, die wirkten, als hätten die ZDF-Leute einer besoffenen Möwe die Kamera aufs Gefieder geschnallt. Das kann daran liegen, dass auf Usedom gerade keine Saison ist. Es kann aber auch daran liegen, dass ein ZDF-Studio in Heringsdorf nicht viel Sinn macht. Die Nähe zum Co-Gastgeber aus Polen habe den Ausschlag gegeben, so der TV-Sender. Dann hätte man das WM-Studio 2010 ja auch in Simbabwe errichten können, in der Nähe Südafrikas. Einen Gewinner gibt es: Heringsdorf selbst. Obwohl das Städtchen wohl etwa 130.000 Euro an Investitionen zuschießen muss, bleibt ein Werbeeffekt. Denn auch schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

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Was veranstalteten die Gastgeber?

So uneins Polen und die Ukraine vor der EM dargestellt wurden, so einig waren sie sich in ihrer Rolle als Partyveranstalter. Im Stadion ließen sie den Gästen höflichst den Vortritt, auf den Fanmeilen sorgten sie für meist unverkrampfte Völkerverständigung und gute Stimmung. Die polnische Mannschaft zeigte ihr Talent nur in Ansätzen, rieb sich gegen den großen Rivalen aus Russland im zweiten Spiel auf und schied aus. Den Ukrainern erging es ähnlich. Nach dem ersten Sieg für einen Geheimfavoriten gehalten, folgten eine Enttäuschung gegen Frankreich und der Schiedsrichter-Skandal gegen England. Doch die Fans feiern weiter. An dieser Stelle dürfen die Attacken der polnischen Hooligans auf russische Fans und einige rassistische Entgleisungen nicht verschwiegen werden. Doch die allermeisten Polen und Ukrainer sind gute Gastgeber und stolz darauf, den Kontinent bei sich zu begrüßen. Zwei Tage nach dem Ausscheiden sangen beim Spiel Kroatien gegen Spanien alle im Stadion – Polen, Kroaten, Spanier und der Rest – den Fan-Hit: "Polska biało-czerwoni" (Polen weiß-rot). Sowas hat in Polen noch niemand erlebt.

Worüber reden nach der Vorrunde alle?

Es heißt immer: junge Spieler! Aber beeindruckt haben in der Vorrunde die Alten. Andrea Pirlo, der 33 ist und wie 43 aussieht, verteilt die Bälle im italienischen Mittelfeld mit Eleganz und Übersicht. Giorgios Karagounis, 35, schoss die Griechen ins Viertelfinale. Antonio Di Natale, 34, wirkte im Spiel gegen die Spanier vor dem Tor schneller als der 13 Jahre jüngere Balotelli. Andrij Schewtschenko, 35, der nach seinen beiden Toren gegen Schweden sagte, er fühle sich wie 20. Und Andrei Arschawin, 31, dessen Pässe im ersten Spiel der Russen die Tschechen schwindlig machten. Leider sind nicht mehr alle Oldies im Turnier, vielleicht war es ihr letztes. Der inzwischen zurückgetretene Schewtschenko sollte mit den anderen eine Altherren-Truppe aufmachen – als Trainer böte sich Giovanni Trapattoni, 73, an. Bei jedem Spiel und als einziger Trainer überhaupt trug er immer seine Akkreditierung vor dem Bauch, als fürchtete er, man könne denken, er gehöre schon gar nicht mehr dazu.

Leserkommentare
  1. Obwohl mein Herz für ein 8:2 für Deutschland hofft,
    dennoch glaubt meine Ratio an ein 1:0 für Griechenland.

    Gott, der Herr, wird es entscheiden.

  2. Redaktion

    So wie Schweden, meinen Sie?

    Bei einer EM oder WM lässt sich doch niemand abschießen. Wir sind doch nicht in der Kreisliga Dillenburg.

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    Eigentlich nicht, aber Irland (0:4 gegen Spanien) und 2010 Australien (0:4 gegen Deutschland) haben es geschafft. Und in grauer Vorzeit gewann Deutschland mal mi 8:1 (gegen Saudi-Arabien?)

    Hampelmann liefert auch eine Gute Begründung für den direkten Vergleich (#29)

    Ich verstehe beide Seiten, möchte aber noch anmerken, dass die Abseitsregel damals auch für unzumutbar und kompliziert gehalten wurde. Beim nächsten Turnier sind Auge (und TV-Livetabellen) dann schon geschult genug, um den wahren Tabellenstand leicht zu erfassen.

    Eigentlich nicht, aber Irland (0:4 gegen Spanien) und 2010 Australien (0:4 gegen Deutschland) haben es geschafft. Und in grauer Vorzeit gewann Deutschland mal mi 8:1 (gegen Saudi-Arabien?)

    Hampelmann liefert auch eine Gute Begründung für den direkten Vergleich (#29)

    Ich verstehe beide Seiten, möchte aber noch anmerken, dass die Abseitsregel damals auch für unzumutbar und kompliziert gehalten wurde. Beim nächsten Turnier sind Auge (und TV-Livetabellen) dann schon geschult genug, um den wahren Tabellenstand leicht zu erfassen.

  3. Redaktion
    27. Zitat

    Aber ich finds natürlich gut, dass Sie den indirekten freistoss zitieren.

    • Lieps
    • 21.06.2012 um 10:16 Uhr

    da sind wir ja einer Meinung, sozusgaen auf einer Augenhöhe,
    um mit Olli zu sprechen.
    Über KMH sage ich nichts, würde mir bei ZO als Frauenfeindlichkeit ausgelegt werden.
    Weshalb Waldemar Hartmann nocht nicht im Vorruhestand ist,erschließt sich mir nicht.
    Ab Viertelfinale hört das Taktieren auf und die Karten werden neu gemischt. Ich selbst erwarte Portugal, Deutschland, Spanien und Italien im Halbfinale. Aber der Ball ist rund und Schiedsrichter haben Spiele schon im Alleingang entschieden.

    Lieps
    Preußischer Diplomat

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Olli gegen Scholli"
  4. Es gibt eben für jede Regel eine gute Begründung.
    Wieso sollten denn die Russen gegenüber den Griechen weiterkommen, während sie gerade eben gegen diese 1:0 verlieren? Das bessere Team scheinen sie ja nicht zu sein...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ascola
    • 21.06.2012 um 14:35 Uhr

    wenn nur noch der direkte Vergleich ausschlaggebend sein soll wie in Ihrem Argument. In einer Vierergruppe ist auch der indirekte Vergleich maßgeblich, und da haben die Griechen gegen die Tschechen eben verloren, die Russen aber gewonnen. Das egalisiert den Ausgang der direkten Partie.
    Frage ist dann, ob wie eh und je die indirekte Tordifferenz als nächstes den Ausschlag geben soll, dann wären die Russen weiter gekommen trotz der Niederlage gegen die Griechen, woran auch der nicht gegebene Strafstoß, wäre er gegeben worden, nichts geändert hätte. Oder ob wie neuerdings primär der direkte Vergleich NACH der Punktgleichheit in der Gruppe.

    • ascola
    • 21.06.2012 um 14:35 Uhr

    wenn nur noch der direkte Vergleich ausschlaggebend sein soll wie in Ihrem Argument. In einer Vierergruppe ist auch der indirekte Vergleich maßgeblich, und da haben die Griechen gegen die Tschechen eben verloren, die Russen aber gewonnen. Das egalisiert den Ausgang der direkten Partie.
    Frage ist dann, ob wie eh und je die indirekte Tordifferenz als nächstes den Ausschlag geben soll, dann wären die Russen weiter gekommen trotz der Niederlage gegen die Griechen, woran auch der nicht gegebene Strafstoß, wäre er gegeben worden, nichts geändert hätte. Oder ob wie neuerdings primär der direkte Vergleich NACH der Punktgleichheit in der Gruppe.

  5. Kahn verliert schon allein aufgrund seiner Frisur ;-)
    Er gibt zudem nur das wieder, was sich der halbwegs versierte Fußballbegeisterte selbst bereits erschlossen hat.

    Von Scholl kann man dagegen noch was lernen. Den taktischen Schazug der Ukraine gegen England z.B.

    Wieso zudem kein zweiter Experte sondern immer nur diese unsäglichen Moderatorentypen an die Expertenseite gestellt werden, ist mir unbegreiflich. Leider ist nur Kerner verschwunden. Delling, Beckmann, Opdenhöfel etc. braucht kein Mensch. Genausowenig wie die multiplen EM-Songs und Videojingles zwischen den Schalten.

    Ich wünsche mir nen Kloppoersatz an Scholls Seite oder 5 Euro für jeden belanglosen Satz. Davon könnten sich ARD und ZDF dann in kürzester Zeit Unmengen wirklicher Experten leisten.

  6. "Deren Trainer Oleh Blochin war nach dem Spiel so erbost, dass er auf der Pressekonferenz einem Journalisten vorschlug, vor die Tür zu gehen und dessen kritische Fragen unter Männern zu klären."

    HAR HAR HAR, um den Panzerknackerhumor aus Entenhausen zu bemühen-

    zeigt das doch eher Blochins altes Sojwet Understatement. Möge der kritisch fragende Journalist, in Folge, nicht zwangsweise zum Zellengenossen und Pressesprecher Timoschenkos in Haft befördert werden.

    Seine "Männer" hatten auf dem Platz, abgesehen von Shevchenko`s Sternstunde gegen Schweden, doch eher dünne Wassersuppe zu bieten. Wer sich nach dem Spiel gegen die Engländer, als bessere Mannschaft hochlobt, denkt dabei doch eher an die sich selbst-beklatschende Hermelin-Politeske aus CCCP Zeiten.

    Ganz ukrainische Oligarchen Fussball-Schule.

    Den erneuten Einmarsch nach Ungarn muss man dann aber nicht befürchten, oder ?

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    Wenn Oleg Blochins Reaktion wirklich so war, wie Sie diese hier beschreiben, kann ich Oleg Blochin nur dazu gratulieren. Es gibt Journalisten, die haben keine andere Reaktion auf ihre unverschämten, provozierenden Fragen verdient.
    Wer das allerdings mit der sowjetischen Vergangenheit in Verbindung bringt, muss ein sehr armes, pathologisches Verhältnis zur Geschichte (und Gegenwart?) haben.
    Dass ein reguläres Tor der Ukraine nicht anerkannt wurde, hatte dann offensichtlich etwas mit Revanchismus zu tun…?

    Wenn Oleg Blochins Reaktion wirklich so war, wie Sie diese hier beschreiben, kann ich Oleg Blochin nur dazu gratulieren. Es gibt Journalisten, die haben keine andere Reaktion auf ihre unverschämten, provozierenden Fragen verdient.
    Wer das allerdings mit der sowjetischen Vergangenheit in Verbindung bringt, muss ein sehr armes, pathologisches Verhältnis zur Geschichte (und Gegenwart?) haben.
    Dass ein reguläres Tor der Ukraine nicht anerkannt wurde, hatte dann offensichtlich etwas mit Revanchismus zu tun…?

  7. Den einzigen echten "Schiedsrichter-Skandal" der laufenden EM 2012, hat die deutsche Gurkentruppe mit und um Herrn Stark, im Spiel Kroatien-Spanien, zu verantworten, die sich nicht nur in einer Situation, als Ergänzungs-Spieler, der spanischen Mannschaft angeboten haben.

    Die hier viel gescholtene UEFA, hat das sehr richtig erkannt, und dem Fussballgott sei es gepriesen, hat es sich für diese Herren, bei diesem Turnier,ausgepfiffen.

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