Deutsches EM-AusKaltschnäuzigkeit gesucht

Nach dem EM-Aus steht fest: Irgendwas fehlt Löw und seiner Mannschaft. Nur was? Vielleicht die Verbindung von alten und neuen deutschen Tugenden. von 

Thomas Müller nach dem Italien-Spiel

Thomas Müller nach dem Italien-Spiel  |  © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Die Diskussion, was nach dem deutschen Halbfinal-Aus anders werden muss, wird zu Recht geführt. Weitermachen wie bisher und darauf bauen, dass die noch immer junge Mannschaft reift und in zwei oder vier Jahren ihre Stärken auch am Turnierende zeigt, wäre zu einfach. Italien war mehr als eine Niederlage.

Zum dritten Mal hintereinander verlor eine deutsche Mannschaft im entscheidenden Spiel mutlos und ohne Ausdruck und Identität. Diesmal sogar, anders als die beiden Male gegen Spanien zuvor, trotz bester Voraussetzungen und als Favorit. Nicht, dass daraus ein deutsches Trauma erwächst: Die Mannschaft spielt gut und schön, wenn es drauf ankommt aber, klappt es nicht. Es wäre die Umkehrung des alten Deutschlandfußballs, der rumpelig war, aber erfolgreich, und der anderen Ländern sportliche Traumata bescherte.

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Es muss nicht alles umgekrempelt werden. Es stimmt ja sehr viel in der Nationalelf. Aber es stimmt eben auch: Irgendetwas fehlt. Bloß was? Es ist nicht ganz einfach, es zu benennen. Doch es ist eine Pflicht, sich auf die Suche nach diesem Etwas zu machen.

Vielleicht sind es ja die ominösen Führungsspieler. Als die Mannschaft im Halbfinale spürte, dass sie auf einen aggressiven Gegner traf und in Rückstand geriet, reagierte sie geschockt und orientierungslos, als wären dies unvorhersehbare Ereignisse.

Was ist falsch an Hierarchien?

In solchen Situationen hätte Löw Spieler gebraucht, die den Mitspielern Orientierung geben, dem Gegner Widerstand leisten, Führungsspieler eben. Dieser Begriff ist im modernen Fußballdiskurs zum Unwort verkommen, genauso wie die damit verwandten deutschen Tugenden. Viele denken an die Kohlergrätsche oder den Alpha-Ballack und wenden sich reflexartig ab.

Doch was ist eigentlich unmodern an deutschen Tugenden? Und was ist falsch an Hierarchien? Kann man diese Unwörter nicht enttabuisieren, entstauben?

Über die deutschen Tugenden lehrt die Fußballhistorie: Man weiß um eigene Unzulänglichkeiten, kalkuliert auch immer ein, auf einen überlegenen Gegner zu treffen, gibt aber nie auf, kämpft. Und Hierarchien sind wichtig, wenn es nicht läuft. Im deutschen Team scheinen diese Faktoren vernachlässigt zu werden. Wer Kapitän ist, scheint unwichtig, auch die Bezeichnung Abwehrchef steht auf dem Index. In der Lehre von Joachim Löw zählt alleine die Idee vom reinen Spiel, in der jeder seine Position hält, seine Funktion erfüllt.

Ein Plan ist wichtig, aber vielleicht wäre es besser, mal aus der Rolle zu fallen. Allein mit spielerischen Mitteln sind noch die wenigsten Mannschaften zum Erfolg gekommen, für deutsche und für Nationalmannschaften gilt das besonders.

So wirkt Löws Arbeit verkopft. Das zeigte exemplarisch seine Aufstellung gegen Italien, die einen fast selbstverliebten Hang zur Theorie verriet. Das Naheliegende übersah er, etwa dass Marco Reus gut in Form ist oder dass man Eckbälle trainieren sollte.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf polemische Äußerungen. Die Redaktion/mak

  2. das Spiel gegen Italien hat dieses Manko der
    deutschen Elf augenfällig werden lassen.

    Andererseits ist genau das am schwersten zu
    korrigieren, zumindest mit dem Trainer Löw.

    15 Leserempfehlungen
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    • Bashu
    • 30. Juni 2012 20:33 Uhr

    könnte es völlig anders ausgehen.
    Dieses Alles-In-Frage stellen nervt. Wenn die Deutschen schlecht und charakterlos gespielt haben, dann habe ich wohl ein anderes Spiel gesehen, nämlich folgendes:
    Die Deutschen hatten mehr Ballbesitz, mehr Ecken, mehr Schüsse auf's Tor. Überhaupt nicht vergleichbar mit 2006!
    Balotelli hatte zwei gute Aktionen, unter anderem einen perfekten Sonntagsschuss, was er auch nicht jeden Tag macht (hat schon jeder das England Spiel vergessen??).

    Die Italiener hatten einen Glanzabend, die Deutschen insgesamt nicht, Chancen gab es zuhauf aber der Ball wollte nicht rein. Gegen Ende hatten die Italiener natürlich noch mehr 100% Chancen, aber nur weil Löw ausnahmslos auf Offensive setzte.

    Ich seh insgesamt nur zwei Fehler auf deutscher Seite:
    1. Podolski und Gomez anstatt Reus und Klose von Anfang.
    2. Überheblichkeit. Ich erinnere mich an ein Interview mit den Italienern ein paar Tage vor dem Spiel, die Aussage war ungefähr so: Die Deutschen sind sehr stark, aber auch überheblich, und das versuchen wir auszunutzen. Löw, das Team, DFB und sämtliche Fans sahen sich siegestrunken schon im Finale.

    Mit so großer Brust sieht man sogar die Spanier nicht reden, und die hätten nun wirklich allen Grund dazu, das ist leider eine deutsche Schwäche und Hochmut kommt vor dem Fall, dachte ich mir am Tag des Spieles noch...

    • propac
    • 30. Juni 2012 18:46 Uhr

    fehlen die kantigen Charaktere. Drei Wetter Taft und das gebetsmühlige Gerede vom Erfolg führen halt nicht zum Erfolg. Balotelli war der Held des Abends. Solche Rebellen
    fehlen in der DFB Elf, wie in allen anderen Bereichen auch.
    Der Mainstream hält Einzug in unser Leben.

    17 Leserempfehlungen
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    Was Sie vermissen ist ein Gomez, der tagelang beleidigt wird, in der Pressekonferenz aber nur die Schultern zuckt um dann im nächsten Spiel gegen den Vizeweltmeister zwei Tore zu schießen?

    Oder vermissen Sie einen Podolski, der zur Not seinem Kapitän auf die Nase schlägt weil dieser ihm etwas befehlen wollte?

    Vielleicht vermissen Sie auch einen Schweinsteiger, dem nicht einmal eine Knöchelverletzung und diverse Tritte der Gegner daran hindern können, auf den Platz zu gehen um diesen Titel zu gewinnen. Derselbe Schweinsteiger hat einen entscheidenden Elfmeter verschossen, aber auf die Nachfrage, ob er nochmal antreten wird sagt er nur verwundert "warum denn nicht"?

    Das sind kantige Typen. Aber wenn ich mich recht erinnere, wurde Ablösung dieser drei von den deutschen Fans vehement gefordert. Man forderte einen Klose, dessen Gesichtszüge alleine schon Mitleid erregen, der sich nach einem Foul nicht mal traut sich zu beschweren. Oder einen Götze, der gerade erst aus der Pubertät raus ist.

    Wo gäbe es denn noch andere kantige Typen im deutschen Fußball? Kennen Sie noch einen, der gut genug ist?

    Man könnte es an Lahm festmachen. Er hat vor dem entscheidenden 0:2 einen Fehler gemacht und hätte die Verantwortung übernehmen müssen. Sprich, er hätte Balotelli umgrätschen und die rote Karte in Kauf nehmen müssen. Ballack hat sich 2002 für das deutsche Team geopfert und das Finale verpasst. Lahm hat das nicht gemacht. Aber hinterher ist man immer schlauer.

    Heute erinnert man sich immer noch gerne an die Helmut Rahns, die Gert Müllers, Karl-Heinz Rummenigges oder Rudi Völlers, die in den großen Spielen gegen technisch bei weitem überlegene Gegner auf einem Mal plötzlich und aus dem Nichts vor dem gegnerischen Tor auftauchen, trafen und oftmals den Spielverlauf komplett auf den Kopf stellten.

    An die Werner Kohlmeiers, Horst Eckels, Georg Schwarzenbeks, Bertie Vogts, Klaus Augenthalers, Hansi Pflüglers oder Jürgen Kohlers, die hinten im wahrsten Sinne des Wortes die Drecksarbeit erledigten, alles raushauten, was in die Nähe des eigenen Strafraums kam und dabei stets am Rande der Roten Karte standen, erinnert sich praktisch niemand mehr. Zu Unrecht - denn sie waren es, die die Hiedgkutis, Cruyffs oder Maradonas in den entscheidenden Spielen komplett zustellten und aus dem Spiel nahmen - und der Mannschaft die entscheidende Sicherheit gaben. Genau das ist das, was fehlt.

  3. Ich denke, die deutsche Elf hat sehr viel richtig gemacht inkl. Jogi Löw und auch bei diesem Turnier überzeugt.

    Eine Diskussion über Führungsspieler oder Trainer halte ich für das Unangebrachteste, was derzeit nur möglich scheint. Für mich führt der Weg zur WM 2014 nach Brasilien nur über Jogi Löw und die (meisten) Spieler dieses Kaders, die 2014 wieder ein Stück reifer und erfahrener sind.

    Sollte es DANN wieder nicht klappen, wäre das m.E. ein guter Zeitpunkt um sich Gedanken um einen Neuanfang zu machen - wie auch immer dieser aussehen mag.

    Ansonsten gibt es einfach Tage, an denen man eingestehen muss, dass Italien verdient gewonnen hat und im Finale steht. Glückwunsch!

    7 Leserempfehlungen
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    • Bashu
    • 30. Juni 2012 20:38 Uhr

    kann nicht alles falsch sein. Die Deutschen sind stark.
    Italien - Deutschland war ein Spiel auf Augenhöhe. Ich sah sogar leichte Vorteile von Deutschland, wenn man sich Ballbesitz, Eckenverhältnis, Fehlpassquote etc anschaut. Balotelli war in der Form seines Lebens.
    Wenn die beiden Teams nun 10mal hintereinander gegeneinander spielen Deutschland 5-mal.

    nur ein weiter so darf es nicht geben. Denn dann können wir 2014 gleich zu Hause bleiben. Wie einer der Foristen sehr richtig beschrieb, müßen unsere Tugenden, worum uns übrigens die anderen in der Welt beneiden, aufopferungsvoller Kampf, Leidenschaft, Kameradschaft, unbendingter Siegeswille, wieder Einzug halten in diese Truppe. Denn dann wäre sie fast unschlagbar. Erinnern sie sich nur vor dem Spiel bei den Nationalhymnen : die Italiener sangen voller Inbrunst mit und haben sich somit ganz einfach in Spiellaune gebracht. Unsere sahen dagegen aus wie Schlaftabletten. Da war nichts von unbedingt siegen wollen, kämpfen, rackern, arbeiten. Für mich stand danach der Sieger schon fest. Jetzt können sie mich für verückt erklären, sicher. Nur es sind bei solch fast gleichwertigen Mannschaften Kleinigkeiten die entscheiden und wenn es nur die leidenschaftlich gesungene Nationalhymne ist.

    • footek
    • 30. Juni 2012 18:50 Uhr

    Die dt. Mannschaft war orientierungslos und geschockt? Ich habe eine Mannschaft gesehen, die unbeirrt nach vorne ging besonders in der zweiten HZ!
    Die Mannschaft hat nicht was die Italiener uns voraus haben? Die Italiener hatten zwei Chancen in der ersten HZ und haben zwei Tore gemacht, die Deutschen hatten eine miserable Verteidigung! Das war es was die Italiener der dt. Mannschaft voraus hatten. Mehr nicht!
    [...]

    Gekürzt. Nehmen Sie Abstand von beleidigenden Äußerungen. Die Redaktion/mak

    5 Leserempfehlungen
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    Das sehe ich auch so. Was soll das Gejammer jetzt. Ich bin sehr zufrieden mit der vorstellung der Mannschaft. Wie dieses Team aufgetreten ist ist sehr vorbildlich.

    "Die Italiener hatten zwei Chancen in der ersten HZ und haben zwei Tore gemacht, die Deutschen hatten eine miserable Verteidigung! Das war es was die Italiener der dt. Mannschaft voraus hatten. Mehr nicht!"

    Doch: eine nicht zu übertreffenden Kampfgeist. Es ist schon in Ordnung, dass diese höchst lebendige italienische Mannschaft den deutschen Primaballerinen den Schneid abgekauft hat.

  4. denkt sich der Maulwurf..

    Grüße
    P.G. Della Rovere

    Eine Leserempfehlung
  5. Die deutsche Mannschaft erinnert sehr an die niederländische Mannschaft der siebzigern. Auch damals haben die Holländer schönen Fußball gespielt, aber wenn es darauf ankam in Finalen verloren. Schöner Fußball reicht eben nicht. Man braucht "Beißer" Typen, wie Sammer, Matthäus, Breitner und Beckenbauer um solche Spiele wie gegen Italien doch noch zu gewinnen.

    2 Leserempfehlungen
  6. Über Personalentscheidungen lässt sich im Nachhinein immer leicht spekulieren und diskutieren. Hinterher ist man IMMER schlauer.

    Allerdings finde ich es schon bemerkenswert finde ich folgenden Beitrag aus der italienischen Presse, der auf kicker.de zu lesen war:

    "Gomez ist unbeweglich wie ein Laternenpfahl. Dabei war er als deutscher Super-Mario beschrieben worden. Unter dem Druck des Duos Bonucci/Barzagli hat er nichts mehr leisten können. Mini-Mario Gomez enttäuscht."

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  • Schlagworte Joachim Löw | DFB | Fußball | Italien | Nationalelf | Nationalmannschaft
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