Die Diskussion, was nach dem deutschen Halbfinal-Aus anders werden muss, wird zu Recht geführt. Weitermachen wie bisher und darauf bauen, dass die noch immer junge Mannschaft reift und in zwei oder vier Jahren ihre Stärken auch am Turnierende zeigt, wäre zu einfach. Italien war mehr als eine Niederlage.

Zum dritten Mal hintereinander verlor eine deutsche Mannschaft im entscheidenden Spiel mutlos und ohne Ausdruck und Identität. Diesmal sogar, anders als die beiden Male gegen Spanien zuvor, trotz bester Voraussetzungen und als Favorit. Nicht, dass daraus ein deutsches Trauma erwächst: Die Mannschaft spielt gut und schön, wenn es drauf ankommt aber, klappt es nicht. Es wäre die Umkehrung des alten Deutschlandfußballs, der rumpelig war, aber erfolgreich, und der anderen Ländern sportliche Traumata bescherte.

Es muss nicht alles umgekrempelt werden. Es stimmt ja sehr viel in der Nationalelf. Aber es stimmt eben auch: Irgendetwas fehlt. Bloß was? Es ist nicht ganz einfach, es zu benennen. Doch es ist eine Pflicht, sich auf die Suche nach diesem Etwas zu machen.

Vielleicht sind es ja die ominösen Führungsspieler. Als die Mannschaft im Halbfinale spürte, dass sie auf einen aggressiven Gegner traf und in Rückstand geriet, reagierte sie geschockt und orientierungslos, als wären dies unvorhersehbare Ereignisse.

Was ist falsch an Hierarchien?

In solchen Situationen hätte Löw Spieler gebraucht, die den Mitspielern Orientierung geben, dem Gegner Widerstand leisten, Führungsspieler eben. Dieser Begriff ist im modernen Fußballdiskurs zum Unwort verkommen, genauso wie die damit verwandten deutschen Tugenden. Viele denken an die Kohlergrätsche oder den Alpha-Ballack und wenden sich reflexartig ab.

Doch was ist eigentlich unmodern an deutschen Tugenden? Und was ist falsch an Hierarchien? Kann man diese Unwörter nicht enttabuisieren, entstauben?

Über die deutschen Tugenden lehrt die Fußballhistorie: Man weiß um eigene Unzulänglichkeiten, kalkuliert auch immer ein, auf einen überlegenen Gegner zu treffen, gibt aber nie auf, kämpft. Und Hierarchien sind wichtig, wenn es nicht läuft. Im deutschen Team scheinen diese Faktoren vernachlässigt zu werden. Wer Kapitän ist, scheint unwichtig, auch die Bezeichnung Abwehrchef steht auf dem Index. In der Lehre von Joachim Löw zählt alleine die Idee vom reinen Spiel, in der jeder seine Position hält, seine Funktion erfüllt.

Ein Plan ist wichtig, aber vielleicht wäre es besser, mal aus der Rolle zu fallen. Allein mit spielerischen Mitteln sind noch die wenigsten Mannschaften zum Erfolg gekommen, für deutsche und für Nationalmannschaften gilt das besonders.

So wirkt Löws Arbeit verkopft. Das zeigte exemplarisch seine Aufstellung gegen Italien, die einen fast selbstverliebten Hang zur Theorie verriet. Das Naheliegende übersah er, etwa dass Marco Reus gut in Form ist oder dass man Eckbälle trainieren sollte.