Auschwitz-Gedenkstätte: "Wir wollten nicht, dass Autogrammjäger Klose stören"
Pawel Sawicki arbeitet in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz. Im Interview spricht er über den Besuch des deutschen Nationalteams und die Unterschiede zu einer Fanmeile.
© Markus Gilliar/Pool/getty images

Teammanager Oliver Bierhoff sowie die Nationalspieler Philipp Lahm und Miroslav Klose beim Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz
ZEIT ONLINE: Überall wird momentan über die Fußball-EM gesprochen. Auch am Arbeitsplatz, spätestens in der Mittagspause. Wie ist es am Arbeitsplatz KZ-Gedenkstätte Auschwitz?
Pawel Sawicki: Mein Arbeitsplatz ist anders als andere, es herrscht eine andere Atmosphäre – stiller, feierlicher, ernsthafter. Sehr anders als in einem Stadion oder auf einer Fanmeile. Darauf legen wir großen Wert. Deshalb bitten wir auch die Besucher, ihre Trikots, Schals und Flaggen im Bus zu lassen. Aber in Polen ist die EM überall ein großes Thema. Gerade heute, nach dem Spiel Polen gegen Russland, reden wir Angestellten untereinander natürlich darüber.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie auf die gewaltsamen Ausschreitungen im Umfeld dieses Spiels reagiert?

Pawel Sawicki, 31, arbeitet in der Pressestelle der KZ-Gedenkstätte Auschwitz in Südpolen. Dort erinnert ein Museum an den größten Komplex von Konzentrationslagern während der NS-Herrschaft. Sawicki ist kein großer Fußballfan, Volleyball liegt ihm mehr. Das Eröffnungsspiel verpasste er, weil er Material über Edith Stein für eine Konferenz übersetzte.
Sawicki: Es hat mich traurig gemacht und mir gezeigt, dass unsere Arbeit als Lehrer noch längst nicht beendet ist. Leider gibt es überall auf der Welt Gruppen, von denen fremdenfeindliche, rassistische, antisemitische Gewalt ausgeht. Und die Regeln der Statistik besagen, dass wir wohl nie alle bekehren können. Zugleich sollten wir auch das Positive sehen. Ich habe das Spiel im Fernsehen gesehen – und miterlebt, wie Hunderttausende friedlich feiern und zeigen, wie der Sport sie verbindet. Dass einhundert andere für eine negative Medienberichterstattung sorgen, ist irgendwie unfair. Ein anderes Beispiel: Als es kürzlich Schlagzeilen über Antisemitismus in polnischen Stadien gab, haben Vertreter der Jüdischen Gemeinden betont, dass das jüdische Leben in Polen grundsätzlich einen Aufschwung erlebt. So etwas ermutigt mich.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie den Besuch der Nationalmannschaften von England, Italien, den Niederlanden und Deutschland erlebt? Als PR-Ausflug oder als ernsthaften Versuch, sich mit Auschwitz auseinanderzusetzen?
Sawicki: Das muss ja kein Gegensatz sein! Ich weiß nicht, inwieweit der Besuch bei uns eine strategische Entscheidung des einen oder anderen Verbands war, aber es ist mir auch egal. Die Spieler haben als menschliche Individuen reagiert. Sie waren respektvoll und haben den Guides zugehört, egal ob sie über die grundsätzlichen historischen Fakten geredet haben oder die Fußballspiele, die die KZ-Insassen untereinander austrugen. Ich habe echte Emotionen gesehen.
ZEIT ONLINE: Was für Emotionen?
Sawicki: Ich möchte nicht ins Detail gehen, weil ich diese Besuche als Privatsache empfinde. Nur so viel: Auschwitz hat jeden Spieler verändert, wie andere Besucher auch. Die Ferienstimmung, in der man sein kann, wenn man bei schönem Wetter aus Krakau ankommt, weicht schnell. Diesen Prozess haben wir unterstützt, indem wir die Delegationen von anderen Besuchern fernhielten. Wir wollten nicht, dass Autogrammjäger Klose, Rooney und die anderen stören. Das wäre unangemessen gewesen.
ZEIT ONLINE: Aus England, Italien und den Niederlanden war die gesamte Mannschaft bei Ihnen, die deutsche Abordnung bestand nur aus einigen Offiziellen sowie Philipp Lahm, Miroslav Klose und Lukas Podolski. Hat Sie das irritiert?
Sawicki: Nein. Ich maße mir kein Urteil darüber an, welche Delegation wie groß war, wer da war und wer nicht. Jeder ist willkommen, aber niemand sollte sich zu einem Besuch verpflichtet fühlen. Bisher scheinen auch nicht viel mehr Besucher zu kommen als sonst, aber das ist auch nicht wichtig.
ZEIT ONLINE: Zum Schluss auch an Sie die Frage: Wer wird Europameister?
Sawicki: Ich weiß es nicht, und es ist mir auch nicht wichtig. Das Spiel Griechenland gegen Russland werde ich live sehen, einfach um die Atmosphäre zu erleben. Ich wünsche mir, dass Polen weit kommt. Früher haben wir immer gesagt "Es gibt das erste Spiel, das, in dem es um alles geht, und das, in dem es nur noch um die Ehre geht." Es wäre schön, wenn das letzte Gruppenspiel für uns dieses Mal nicht das letzte des Turniers ist. Aber egal, wer die EM gewinnt: Am Tag danach wird sich nichts geändert haben in unserer Welt.








"Die Spieler haben als menschliche Individuen reagiert. Sie waren respektvoll und haben den Guides zugehört",
"Ich möchte nicht ins Detail gehen, weil ich diese Besuche als Privatsache empfinde".
Genauso sollte es ein. In der Debatte ist Kritik und Beobachtung erlaubt. Das Private hat in diese Angelegenheit eine Grenze vedient, die nicht überschritten werden sollte.
Richtige Gefühle und "richtige" Betroffenheit sollten nicht auch noch "verlangt" werden. Zumal manche ihre Gefühle vielleicht gar nicht in Worte fassen können.
Betroffenheit zu empfinden, sollte man auch lieber vor Waldis EM-Show sitzen lassen.
"Zumal manche ihre Gefühle vielleicht gar nicht in Worte fassen können."
Man muss dort nichts in Worte fassen, schweigen ist völlig ok.
Betroffenheit zu empfinden, sollte man auch lieber vor Waldis EM-Show sitzen lassen.
"Zumal manche ihre Gefühle vielleicht gar nicht in Worte fassen können."
Man muss dort nichts in Worte fassen, schweigen ist völlig ok.
Vielleicht sieht man an diesem Interview, wie man mit diesem Thema umgehen kann.
Ohne grosses Theater und Geschrei in der Presse, einfach nur menschlich an einem Ort an dem unmenschliches geschah
Trauer und Erinnerung kann man nicht verordnen und auch nicht ritualisieren, aber man muß trotzdem die Erinnerung an das Schreckliche aufrecht erhalten und mahnen. Ein schwieriger Weg, insbesondere wenn es irgendwann keine Täter und keine Opfer mehr geben wird.
Das ca. 20 % der Jugendlichen in der BRD nichts mit "Ausschwitz" anfangen können ist schlimm, aber nicht ob 3-4 oder 23 Spieler die Gedenkstätte besuchen. Auch wenn den Spielern wieder eine "Vorbild"-Funktion haben müssen?!?!
Herr Sawicki scheint ein äußerst intelligenter und sozial kompetenter Mann zu sein. Ich finde seine Meinung zum Thema PR-Ausflug sehr treffend, ebenso die Einschätzung zur Größe der deutschen Besucherdelegation in Auschwitz.
Ein gelungenes Interview!
Henryk M. Broder mit "Vergesst Auschwitz!" durch den Kopf....
Betroffenheit zu empfinden, sollte man auch lieber vor Waldis EM-Show sitzen lassen.
"Zumal manche ihre Gefühle vielleicht gar nicht in Worte fassen können."
Man muss dort nichts in Worte fassen, schweigen ist völlig ok.
Bitte beachten Sie, dass ich von der richtigen Betroffenheit gesprochen habe.
Nimmt man Adornos sinngemäß: "nach Auschwitz keine Gedichte mehr" zum Maßstab, könnte man jemanden fragen, ob er nicht meine, dass Fussballspielen angesichts dieser Verbrechen eigentlich eine banale Sache sei.
Dass zu beantworten dürfte jedem Menschen auf Anhieb schwer fallen. Und jedes "falsche" Wort könnte das Ende der Laufbahn bedeuten.
Das wäre manchem Interviewer aber völlig egal. Und auch Schweigen wäre bei den Böswilligen auch keinesfalls o.k. hätte sie die Chance zu fragen.
Hansi Flick noch mal Glück gehabt. Wären Nationalelf und Umfeld und auch die Verhältnisse zu Polen nicht so stabil, hätt es ihm den Posten kosten können.
Also war mein Kommentar ein "Plädoyer" für Grenzeinhaltung bei Fragen, Mutmassungen und Kommentaren. Egal wie jemand reagieren könnte oder sollte.
Bitte beachten Sie, dass ich von der richtigen Betroffenheit gesprochen habe.
Nimmt man Adornos sinngemäß: "nach Auschwitz keine Gedichte mehr" zum Maßstab, könnte man jemanden fragen, ob er nicht meine, dass Fussballspielen angesichts dieser Verbrechen eigentlich eine banale Sache sei.
Dass zu beantworten dürfte jedem Menschen auf Anhieb schwer fallen. Und jedes "falsche" Wort könnte das Ende der Laufbahn bedeuten.
Das wäre manchem Interviewer aber völlig egal. Und auch Schweigen wäre bei den Böswilligen auch keinesfalls o.k. hätte sie die Chance zu fragen.
Hansi Flick noch mal Glück gehabt. Wären Nationalelf und Umfeld und auch die Verhältnisse zu Polen nicht so stabil, hätt es ihm den Posten kosten können.
Also war mein Kommentar ein "Plädoyer" für Grenzeinhaltung bei Fragen, Mutmassungen und Kommentaren. Egal wie jemand reagieren könnte oder sollte.
Tue gutes und posaune es nicht groß herum.
Alles hat seine Zeit: Fußballspiele usw. Man sollte beides nicht vermischen.
Bitte beachten Sie, dass ich von der richtigen Betroffenheit gesprochen habe.
Nimmt man Adornos sinngemäß: "nach Auschwitz keine Gedichte mehr" zum Maßstab, könnte man jemanden fragen, ob er nicht meine, dass Fussballspielen angesichts dieser Verbrechen eigentlich eine banale Sache sei.
Dass zu beantworten dürfte jedem Menschen auf Anhieb schwer fallen. Und jedes "falsche" Wort könnte das Ende der Laufbahn bedeuten.
Das wäre manchem Interviewer aber völlig egal. Und auch Schweigen wäre bei den Böswilligen auch keinesfalls o.k. hätte sie die Chance zu fragen.
Hansi Flick noch mal Glück gehabt. Wären Nationalelf und Umfeld und auch die Verhältnisse zu Polen nicht so stabil, hätt es ihm den Posten kosten können.
Also war mein Kommentar ein "Plädoyer" für Grenzeinhaltung bei Fragen, Mutmassungen und Kommentaren. Egal wie jemand reagieren könnte oder sollte.
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