Giovanni di Lorenzo"Seine erste Mannschaft verrät man nie"

ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat einen deutschen und einen italienischen Pass. Vor dem Halbfinale seiner Länder spricht er über Loyalität, Klischees und Tränen.

Italienische Fans feiern den Einzug ins Halbfinale.

Italienische Fans feiern den Einzug ins Halbfinale.

ZEIT ONLINE: Herr di Lorenzo, wo werden Sie das Spiel heute Abend schauen und für wen sind Sie?

Giovanni di Lorenzo: Ich werde das Spiel mit der Redaktion von 3 nach 9 sehen, gleich nach den Proben in einem mir noch unbekannten italienischen Restaurant in Bremen. Und üblicherweise stehe ich immer hinter der deutschen Mannschaft – aber heute Abend kann ich nicht. Denn die erste Mannschaft seines Lebens verrät man nie.

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ZEIT ONLINE: Diese Haltung ehrt Sie, dürfte aber für den einen oder anderen merkwürdigen Augenblick gesorgt haben...

Giovanni di Lorenzo
Giovanni di Lorenzo

Der 53-Jährige ist Chefredakteur der ZEIT und Mitherausgeber des Tagesspiegel. Für Radio Bremen moderiert er die Talkshow 3 nach 9. Er wuchs in Italien und Deutschland auf und besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft.

Di Lorenzo: Ja, vor allem das WM-Halbfinale 2006 ist mir in Erinnerung geblieben. Gemeinsam mit meiner deutschen Frau habe ich es am Meer in Italien gesehen. Nach dem Abpfiff haben wir beide geweint, aus sehr unterschiedlichen Gründen.

ZEIT ONLINE: Italiens Mittelfeldmann Riccardo Montolivo wird heute Abend mit einem Schuh spielen, in den die deutsche Flagge eingenäht ist – ein Tribut an seine deutsche Mutter.

Di Lorenzo: Ja, er ist eine Promenadenmischung, so wie ich auch (lacht). Und der Aufnäher ist wirklich eine schöne Geste.

ZEIT ONLINE: Die Süddeutsche hat geschrieben, die deutschen "Özilchen und Reuslein" könnten zu klein, zu schwach, zu brav sein für ein Duell mit Antonio Cassano und Mario Balotelli.

Di Lorenzo: Was für eine Umkehrung: Normalerweise gelten doch Italiener als Weicheier! Aber bekanntlich sind sie für nichts geeignet, aber zu allem fähig. Was Italien zweifellos auszeichnet, sind ihre Taktik und ihr überragender Regisseur. Sie haben für mich die beiden besten Spiele dieses Turniers gemacht, gegen Spanien und gegen England. Das sich hartnäckig haltende Klischee vom verteidigenden, das Spiel zerstörenden, sich hinfallen lassenden, lamentierenden Italiener hat ohnehin nicht viel mit der Realität zu tun, auch wenn es selbst in intellektuellen Kreisen seine Verfechter hat.

ZEIT ONLINE: Mal angenommen, Deutschland würde heute Abend siegen und auch den EM-Titel gewinnen. Was würde das auslösen in Deutschland? Das Ende eines Minderwertigkeitskomplexes oder den Beginn neuer Arroganz?

Di Lorenzo: Ich glaube, weder noch. Dafür hat die deutsche Mannschaft eine zu umfassende Entwicklung zum Guten genommen. Egal, wie dieses Turnier enden wird: Dieses Team hat noch einen langen Weg vor sich.

 
Leserkommentare
    • deDude
    • 28.06.2012 um 17:42 Uhr

    ... wir bekommen Weltklassefussball geboten, dann passt das schon ;)

    Die beiden Mannschaften stehen ja nichtumsonst im Halbfinale ;)

    2 Leserempfehlungen
  1. und auch den EM-Titel gewinnen. Was würde das auslösen in Deutschland?
    Das Ende eines Minderwertigkeitskomplexes oder
    den Beginn neuer Arroganz? ""

    Eine eigenartige Fragestellung - es geht um Fussball,
    um ein Spiel.

    Ich drücke der deutschen Mannschaft die Daumen und hoffe, sie gewinnt:
    viel Glück.

    Falls die italienische Mannschaft als Erster vom Platz geht,
    dann freue ich mich über ihren Sieg,
    denn das bessere Team gewinnt
    und verdient die Gratulation.

    Eine Leserempfehlung
  2. Minderwertigkeitskomplex?? wer hat die denn-die deutschen haben das doch nicht nötig-und die Italiener auch nicht-was soll der Unfug?
    Ich habe zur Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders mit sehr vielen italienischen Gastarbeitern zusammen gearbeitet. Einer hieß Giovanni war damals so alt wie ich um die 23 Jahre er sang immer richtig schön und gut-es waren alle prima Kerle und einige haben hier geheiratet, und sind heute noch hier!
    hier hat keiner Komlexe gehabt, auch nicht wenn es Fußball gab!

    Eine Leserempfehlung
  3. Ich finde es ja immer sehr verstörend, wenn Redakteure den eigenen Chef für das eigene Blatt interviewn. In diesem Fall gehts ja nur um Fussball, aber guter Journalismus ist das nicht...

    6 Leserempfehlungen
  4. Ich hoffe nur dass das nächste mal , nicht zu früh vom Sieg gesprochen wird , wie sagt mal Trapattoni , schrei nicht Katze wenn Du sie noch nicht im Sack hast " ,leider es wird immer die gleiche Fehler gemacht.
    Ein wenig Demut wurde nicht schaden.

    • Effbeh
    • 29.06.2012 um 7:07 Uhr

    tun sie schon noch ... gestern mehrfach den Schiedsrichter getäuscht. Rotzfrech

    • dacapo
    • 29.06.2012 um 20:28 Uhr

    Grundsätzlich kann ich das Argument der "ersten Mannschaft" seines Lebens gelten. Dennoch, es ist immer wieder zu hören, von den "Promenadenmischungen", wie Sie sie nennen, dass der Hang zum Land des Vaters überwiegt, nicht nur bei Italienern. Die deutsche Mutter wird immer "untergebuttert". Der Vorname bestätigt das Unterbuttern. Es ist kaum eine Rede von den Müttern, es wird immer der Vater in den Vordergrund gestellt. Wie gesagt, nicht nur bei Italienern. Es macht stutzig. Jetzt mal ein gutes Wort auf die deutschen Männer bi-nationaler Familien, sie scheuen sich nicht, ihren Kindern auch Vornamen aus den Ländern und Kulturen der Ehefrauen zu geben. Nochmal, es muss stutzig machen. Warum geht es immer nach den Vätern, ich dachte, wie seien aus "dem Alter" raus.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    weil Giovanni di Lorenzo sich viel besser liest und eleganter klingt als Hans Boris, Detlef, Werner di Lorenzo..

    Grüße
    Pitti Griffi Della Rovere

    weil Giovanni di Lorenzo sich viel besser liest und eleganter klingt als Hans Boris, Detlef, Werner di Lorenzo..

    Grüße
    Pitti Griffi Della Rovere

  5. weil Giovanni di Lorenzo sich viel besser liest und eleganter klingt als Hans Boris, Detlef, Werner di Lorenzo..

    Grüße
    Pitti Griffi Della Rovere

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