ZEIT ONLINE: Drei Spiele, drei Siege für Deutschland. Haben Sie schon eine Glückwunsch-SMS von Jogi Löw bekommen?

Jürgen Buschmann: Nein, das nicht. Aber neulich hat uns Oliver Bierhoff in einer Pressekonferenz gelobt. Da steigt die Motivation natürlich nochmals.

ZEIT ONLINE: Sie betreuen rund 50 Studenten, die für den DFB Spiele der Gegner analysieren und Dossiers zusammenstellen. In den Gruppenspielen haben die Stars der Gegner gegen Deutschland nicht getroffen, weder Ronaldo noch Robben oder Bendtner. Was wurde da richtig gemacht?

Buschmann: Offenbar fast alles. Ich glaube aber, dass es beim Scouting auf die Stars gar nicht so sehr ankommt. Deren Schwächen sind ja allen bekannt und ihre Stärken sowieso. Da geht es allenfalls noch um Details. Viel wichtiger ist es, dass wir Infos liefern über einen bisher völlig unbekannten Außenverteidiger.

ZEIT ONLINE: Was springt für Ihr Team dabei heraus? Finalkarten?

Jürgen Buschmann: Der deutsche Fußball-Bund finanziert die Stelle meines Mitarbeiters Stephan Nopp. Er sitzt mit am Trainertisch und bekommt dort direkt Feedback, das er an uns weitergibt. Die Studenten werden nicht bezahlt, freuen sich aber, so praxisnah forschen zu können. Außerdem zeigt sich der DFB an anderer Stelle großzügig: Alle haben je ein grünes Trikot bekommen. Auf dem Zeugnis zum Projektende wird nicht nur meine Unterschrift stehen, sondern auch die von Jogi Löw und Oliver Bierhoff. Und wenn Co-Trainer Hansi Flick und Chefscout Urs Siegenthaler bei uns vorbeikommen, geht das Abendessen immer auf die Rechnung des DFB.

ZEIT ONLINE: Was entscheidet im Fußball über Sieg und Niederlage?

Buschmann: Da müsste man fast bei Adam und Eva anfangen. Fitness, Spielstärke, Taktik beispielsweise, aber vor allem auch mannschaftliche Geschlossenheit. Das ist vielleicht das Wichtigste überhaupt. Die Spielstärke der Niederlande ist unbestritten, aber ausgeschieden sind sie trotzdem. Weil sie kein echtes Team sind. Und last but not least gehört immer auch ein Quäntchen Glück dazu.

ZEIT ONLINE: Diesen Faktor können Sie nicht eliminieren?

Buschmann: Nein, und das wäre doch auch langweilig. Im Fußball wird eine stärkere Mannschaft von fünf Aufeinandertreffen vielleicht nur vier gewinnen – der eine entscheidende Überraschungssieg kann sich aber im wichtigsten Spiel ereignen. Auch das macht die Faszination Fußball aus. Wenn es anders wäre, könnten wir die Meisterschale jedes Jahr nach München schicken.

ZEIT ONLINE: Die Gruppenphase ist fast vorüber. Was hat Sie am meisten überrascht?

Buschmann: Fast gar nichts. Damit, dass Italien trotz aller Skandale stark sein würde, hatte ich absolut gerechnet. Das sind Vollprofis. Bei den Niederländern hingegen hatten wir viele Defizite erkannt, von der Defensivarbeit bis hin zum mangelnden Teamgefühl. Darin besteht ja unsere Hauptarbeit: qualitative Analyse. Ballkontakte statistisch auswerten kann fast jeder. Schwierig ist es, das richtige Auge zu bekommen dafür, wer wie schnell umschaltet aus der Defensive in die Offensive oder andersherum. Ich persönlich bin überzeugt, dass heute alle zehn Feldspieler auch nach hinten arbeiten müssen.

ZEIT ONLINE: Was ist der Plan gegen Griechenland ?

Buschmann: Ehrlich gesagt ist er noch gar nicht komplett fertig... Wir hatten nicht damit gerechnet, dass die Griechen weiterkommen und sie deshalb nur in dem Maß gescoutet wie alle anderen EM-Teilnehmer. In den nächsten Tagen werden wir uns die drei Spiele der Griechen ganz genau ansehen – wenn es sein muss, auch in der einen oder anderen Nachtschicht. Natürlich im stillen Kämmerlein. Man darf es sich nicht so vorstellen, dass wir alle zusammen ein Spiel gucken, dabei ein Bierchen trinken und nebenbei analysieren.

ZEIT ONLINE: Wer wird Europameister?

Buschmann: Mein Tipp ist und bleibt Deutschland. Ein positiver Nebeneffekt wäre, dass nicht wieder Nörgler auf den Plan treten und rufen könnten: "Seht Ihr, der ganze Wissenschaftsquatsch hat nichts genutzt!"