Zehnkampf-Europameister"Nach meiner Dopingprobe lagen wir 0:2 hinten"

Am Abend des deutschen EM-Aus gab es doch einen deutschen Europameister. Der Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch redet im Interview über die Dominanz des Fußballs.

Pascal Behrenbruch nach seinem EM-Sieg im Zehnkampf am Donnerstagabend, kurz vor dem Halbfinale der Fußball-EM

Pascal Behrenbruch nach seinem EM-Sieg im Zehnkampf am Donnerstagabend, kurz vor dem Halbfinale der Fußball-EM

ZEIT ONLINE: Herr Behrenbruch, Sie haben EM-Gold im Zehnkampf geholt, als erster Deutscher seit 41 Jahren – nur hat es hierzulande kaum einer bemerkt, weil am selben Abend das EM-Aus für die deutsche Nationalelf kam.

Pascal Behrenbruch: Ich fand die Konstellation super, alles war perfekt. Ich wusste natürlich, dass am selben Abend Deutschland gegen Italien spielt. Das war aber eher von Vorteil, weil bestimmt schon viele vorher vor dem Fernseher saßen und meinen Sieg gesehen haben. Ich war mir sicher: Das wird ein großer Sport-Tag – ich gewinne, die gewinnen, und dann feiert ganz Deutschland!

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ZEIT ONLINE: Es kam anders. Das Halbfinale wurde erst zwei Stunden nach Ihrem Sieg angepfiffen. Haben Sie es gesehen?

Pascal Behrenbruch

Pascal Behrenbruch, 27, ist ein deutscher Zehnkämpfer, der für Eintracht Frankfurt antritt. Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 2012 in Helsinki gewann er die Goldmedaille, nur wenige Stunden vor dem Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft im EM-Halbfinale gegen Italien.

Behrenbruch: Natürlich, ich bin ein großer Fan. Normalerweise fahre ich nach deutschen Siegen bei großen Turnieren mit meinen Kumpels hupend durch Frankfurt. Dieses Mal war natürlich alles etwas anders. Nach dem Wettkampf hat sich alles ziemlich gezogen. Die ersten paar Minuten des Spiels habe ich kurz vor der Dopingkontrolle gesehen. Da war ich mir sicher: Die sind überlegen, die gewinnen das Ding 3:0. Tja, und als meine eigene Dopingkontrolle durch war, gucke ich wieder auf den Fernseher und wir liegen mit 0:2 hinten. Unglaublich.

ZEIT ONLINE: Haben Sie früher selbst Fußball gespielt?

Behrenbruch: Nie im Verein, nur auf dem Bolzplatz. Da war ich auch gar nicht so schlecht, aber mein Vater hatte Angst, dass ich mir bei der ersten Grätsche alle Knochen brechen würde. Ich war wirklich dünn damals, in der Schule nannten sie mich "Bohnenstange". Aber seit ich sechs war, bin ich ins Stadion gegangen, Eintracht Frankfurt. Ich war ein Riesenfan.

ZEIT ONLINE: Und heute? Sind Sie genervt davon, dass Fußball in Deutschland alle anderen Sportarten in den Schatten stellt?

Behrenbruch: Irgendwann habe ich mich etwas vom Fußball distanziert, ja. Bei einer WM oder EM finde ich es völlig okay, dass der Fußball alles dominiert. Aber grundsätzlich fragt man sich als Profisportler natürlich schon: Wieso ist der Fußball so dominant, wieso fließen alle Gelder dorthin?

ZEIT ONLINE: Sind Sie neidisch? Würden Sie gern tauschen?

Behrenbruch: Da ist natürlich auch ein bisschen Neid bei, ganz klar. Andererseits ist es auch von Vorteil, nicht so krass in der Öffentlichkeit zu stehen wie die Fußballer. Alles in allem juckt mich diese Vorherrschaft des Fußballs nicht. Ich bin zufrieden als Zehnkämpfer, das ist mein Traum, mein Leben.

ZEIT ONLINE: Irgendjemand hatte ja die glorreiche Idee, die Leichtathletik-EM exakt parallel zur Fußball-EM stattfinden zu lassen. Ärgert Sie das?

Behrenbruch: Nein. Der Zeitplan ist nun mal eng, in einem Monat beginnen schon die Olympischen Spiele. Das ist unsere Zeit, dann stehen wir im Fokus. Und im Rahmen der Möglichkeiten war das Timing bei dieser EM eigentlich perfekt: Die Wettkämpfe haben um neun Uhr morgens begonnen und waren vor dem Fußball vorbei.

ZEIT ONLINE: Wer macht es Ihnen nach und wird Europameister – Spanien oder Italien?

Behrenbruch: Italien. Wer so eine starke deutsche Mannschaft schlägt, hat den Titel verdient. Beim deutschen Team muss jetzt irgendetwas passieren. Auf mangelnde Erfahrung konnte man 2006 verweisen. Doch spätestens in Südafrika waren wir deutlich überlegen. Die Mannschaft spielt unglaublich stark, aber in den entscheidenden Spielen fehlt irgendetwas.

ZEIT ONLINE: Der Wille?

Behrenbruch: Nein, das ist es nicht. Ich kann nicht sagen, woran es liegt. Nur so viel: Löw muss unbedingt bleiben, er ist perfekt geeignet. Zehn Mal besser als Klinsmann.

 
Leserkommentare
    • erzel
    • 30.06.2012 um 15:36 Uhr

    liegt in seiner Einfachheit, ein abgeranzten Ball, eine Häuserwand ein Mitspieler und man hat Spaß

    2 Leserempfehlungen
    • LB
    • 30.06.2012 um 16:17 Uhr

    Schade für die vielen talentierten Athleten Deutschlands, die im Schatten der Nationalelf stehen. Auch ich habe von dem Sieg von Hr. Behrenbruchs nichts mitbekommen bzw. nicht drauf geachtet. Es sind halt v.a. die Mannschaftssportarten und insbesondere so eine im deutschen Vereinsleben derart verwurzelte wie der Fußball, welche die Menschen am meisten mitreißen.

    Nichtsdestotrotz freue ich mich bereits auf die Olympischen Spiele. (Wie immer!)

    MfG aus dem Pott
    LB

  1. war der Ball auch schon vor 30 oder 50 Jahren. Klar war der Fußball damals auch schon beliebt, aber der Hype heute ist Medien-gemacht.

    Man muss sich nur die Zeit ansehen: Über andere Sportarten wird kaum berichtet. Im ÖRF findet nicht einmal Wimbledon statt. Basketball? Fehlanzeige. Volleyball, Hockey? Wann kam's eigentlich das letzte mal?
    Dafür kommt jeden Tag eine Presse-Konferent, auf der irgendein gegelter Fußball-Jüngling seine Phrasen absondert.

    Nichts gegen Fußball, aber die Sache ist grotesk überdreht. Und unter der Monokultur leiden fast alle anderen Sportarten.

    3 Leserempfehlungen
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    Ich liebe Fußball und bin selbst Fan eines großen Vereins. Trotzdem finde ich es schade, dass Amateurspiele höchstens 100 Zuschauer anlocken, obwohl der Unterschiede gar nicht sooo groß sind. Man sieht auch beim Amateurfußball tolle Spielzüge und Tore und das auch noch kostenlos. Klar ist alles ein bisschen langsamer und dilletantischer als bei den Profis, aber deswegen sind es ja auch Amateure.

    Ich spiele in der 2. Mannschaft eines 5. Ligisten, also nur zwei Ligen unter den Profis und da ist man über 500 Zuschauer glücklich. Echt schade irgendwie.

    Vor allem merkt man dem Fussball ganz deutlich den Einfluss der Couchpotatoes an. Merkel ist da nur repräsentativ.

    Ich liebe Fußball und bin selbst Fan eines großen Vereins. Trotzdem finde ich es schade, dass Amateurspiele höchstens 100 Zuschauer anlocken, obwohl der Unterschiede gar nicht sooo groß sind. Man sieht auch beim Amateurfußball tolle Spielzüge und Tore und das auch noch kostenlos. Klar ist alles ein bisschen langsamer und dilletantischer als bei den Profis, aber deswegen sind es ja auch Amateure.

    Ich spiele in der 2. Mannschaft eines 5. Ligisten, also nur zwei Ligen unter den Profis und da ist man über 500 Zuschauer glücklich. Echt schade irgendwie.

    Vor allem merkt man dem Fussball ganz deutlich den Einfluss der Couchpotatoes an. Merkel ist da nur repräsentativ.

  2. Ich liebe Fußball und bin selbst Fan eines großen Vereins. Trotzdem finde ich es schade, dass Amateurspiele höchstens 100 Zuschauer anlocken, obwohl der Unterschiede gar nicht sooo groß sind. Man sieht auch beim Amateurfußball tolle Spielzüge und Tore und das auch noch kostenlos. Klar ist alles ein bisschen langsamer und dilletantischer als bei den Profis, aber deswegen sind es ja auch Amateure.

    Ich spiele in der 2. Mannschaft eines 5. Ligisten, also nur zwei Ligen unter den Profis und da ist man über 500 Zuschauer glücklich. Echt schade irgendwie.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "abgeranzt"
  3. Vor allem merkt man dem Fussball ganz deutlich den Einfluss der Couchpotatoes an. Merkel ist da nur repräsentativ.

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    Antwort auf "abgeranzt"
  4. Die einseitige Dominanz des Profifußballs begann mit der Etablierung des Kommerzfernsehens und dessen Nachahmung durch die ÖR's in den 80er/90er Jahren.
    Seitdem läuft im TV außer Fußball allenfalls noch fragwürdiger "Sport" wie Formel Eins und Profiboxen, vom Wintersport in ARD und ZDF mal abgesehen.
    Der durchschnittliche Zuschauer ist deshalb in der Wahrnehmung dessen, was unter der Rubrik Sport läuft, sehr beschränkt.
    Leichtathletik z.B. war in den 60er/siebziger Jahren im TV häufig zu sehen, Länderkämpfe fast so beliebt wie Fußballländerspiele.
    Heute findet sie außer bei großen Meisterschaften nur noch auf Spartenkanälen statt, kein Wunder, dass das Interesse in der breiten Öffentlichkeit immer mehr schrumpft.
    Offenbar gelten in einer ökonomisierten Welt nur noch die als richtige "Sportler", die damit Millionen scheffeln.

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