Frankreich – England: England ist auferstanden
Die englische Mannschaft fuhr mit so wenig Erwartungen zur EM, dass selbst der müde Kick gegen Frankreich für unseren Paten Urs Willmann ein echter Erfolg war.
© Yuri Kochetkov/picture alliance/dpa

Joleon Lescott (r.) freut sich mit Ashley Young.
Ab und an ist es eine Freude, einem TV-Moderator zuzuhören, der gerade einen historischen Augenblick verpennt. Der nicht einschätzen kann, wie viel Gehalt die von ihm gerade gesehene Partie besitzt. Der nach dem Abpfiff das Spiel als eines zum "schnell vergessen" kategorisiert, der "nicht mal Hausmannskost" gesehen und auf beiden Seiten nur "minimalen Aufwand" beobachtet haben will. Ein Moderator, der das Überraschungsmoment nicht realisiert, das immerhin 93 Minuten andauerte.
Diese vom ZDF-Offiziellen nicht entdeckte Überraschung passierte am frühen Montagabend auf der Rasenfläche der Donbass-Arena in der ukrainischen Industriestadt Donezk. Auf dem Grün stand eine doppelte britische Viererkette. Sie brachte Frankreichs Ballkünstler, die alles taten, aber nichts hinbekamen, zur Verzweiflung.
Gegen Ende dieser EM-Partie probierte es der bayerische Vizemeister Franck Ribéry gar noch mit einem seiner typischen Mätzchen. Mit einem Schuss Schauspielkunst. Aber auch das half nix. Zu lächerlich geriet sein Versuch, die Verhackstückung seines Gesichts durch einen vermeintlichen Ellbogencheck darzustellen. Kein Engländer wurde vom Platz gestellt. Es blieb bei diesem 1:1. Einem historischen Ergebnis. Warum? Weil damit nun wirklich nicht zu rechnen war.

Urs Willmann ist Schweizer und Wissenschaftsredakteur der ZEIT. Fußballerischen Sachverstand holte er sich in den vergangenen zehn Jahren auf seinem Stehplatz in der Gegengeraden am Millerntor – dem Stadion des FC St. Pauli. Bereits als Jugendlicher besuchte er Spiele der Schweizer "Nati". In Erinnerung geblieben ist ihm vor allem der 2:1-Heimsieg im WM-Qualifikationsspiel gegen England im Jahr 1981.
Die Briten selbst hatten in den vergangenen Tagen ratlos, ohne jeglichen Optimismus in ihren Pubs herum gestanden. In den Straßen sah man nur vereinzelt Flaggen. Das EM-Turnier interessierte kaum, obwohl im Normalfall von einem englischen Team bei jedem Turnier von den eigenen Fans der Sieg erwartet wird, mindestens. Diesmal war alles anders. Ausnahmsweise kein Realitätsverlust. Stattdessen Zurückhaltung. Keiner erwartete von dieser ersatzgeschwächten Mannschaft, dass sie etwas reißt. Das Weiterkommen: angeblich kein Muss.
Umso mehr gilt es den besonderen, so verkannten Augenblick zu würdigen: England ist auferstanden. Eine Mannschaft, der man zuvor ähnlich viele Chancen eingeräumt hat wie den chancenlosen Iren, meldet in diesem Turnier plötzlich Ambitionen an.
Die Insulaner haben diesen einen Punkt nicht einmal gestohlen. Kein Glück war im Spiel. Sie hatten ihn mit einer bemerkenswerten Leistung verdient. Wer hätte von ihnen Kurzpassgedöns so nah am Strafraum des Gegners erwartet? Wer hatte den gepardschnellen Alex Oxlade-Chamberlain auf der linken Außenbahn auf dem Zettel? Wer hätte damit gerechnet, dass Danny Welbeck den gesperrten Wayne Rooney ansatzweise vergessen machen kann? Wer hat erwartet, dass mit Charles Joseph John "Joe" Hart aus Shrewsbury ein einigermaßen sicherer Keeper im englischen Tor steht – etwas, was seit Peter Shilton nicht mehr vorgekommen ist, der vor 22 Jahren im WM-Halbfinal-Elfmeterschießen gegen Deutschland hielt beziehungsweise nicht hielt.
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Man kann nun natürlich schnöden, dass dieser große Heart erst einmal mit einer typisch englischen Fliegenfängeraktion auf sich aufmerksam machte – bevor er sich in die Partie hineinsteigerte. Man kann bemäkeln, dass das englische Tor mit dem einzigen von britischen Nationalmannschaften vorgesehenen Schachzug, der Hoher-Ball-auf-Kopf-Methode, bewerkstelligt worden war. Aber das anmutige Angriffsgeschehen davor und danach war Klassen besser als es das Gerede des Moderators, der das Spiel 90 Minuten lang runtermachte, hätte annehmen lassen.
Und das war das Verdienst von Roy Hodgson. Der Manager ist erst seit ein paar Wochen im Amt, und schon bereitet er uns die größte denkbare Überraschung: spielstarke Briten. Sollten sie so weitermachen, werden sie sogar das vermeiden, was sie garantiert scheitern lassen würde: ein Elfmeterschießen. Bevor es aber in die Finalspiele geht, wird noch etwas anderes passieren. Wayne Rooney wird zurück kommen.
Spätestens dann werden die englischen Fans von ihrem Team wieder das Minimum verlangen: den Titel.









Ein würdiger, -sachverständiger Pate.
Bravo, Roy Hodgson.
Ein schöner Bericht, so hab ich's auch gesehen. Gruß aus England
Octavian
wenn man meint man hätte den stärksten Gruppengegner vor sich und sich auf ein allenfalls durchschnittliches Unendschieden einigt, dabei hat man in Wirklichkeit gegen den Schwächsten gespielt.
Und für wenn gilt das jetzt? Für beide!
....Schweden und die Ukraine werden den beiden ganz schön einheizen. Was den Titel des Artikels angeht: Nun ja, bekanntermaßen kommt nach der Auferstehung die Himmelfahrt. Ich denke, in diesem Falle, die Allegorie meint hier die Heimfahrt nach der Vorrunde.
....Schweden und die Ukraine werden den beiden ganz schön einheizen. Was den Titel des Artikels angeht: Nun ja, bekanntermaßen kommt nach der Auferstehung die Himmelfahrt. Ich denke, in diesem Falle, die Allegorie meint hier die Heimfahrt nach der Vorrunde.
....Schweden und die Ukraine werden den beiden ganz schön einheizen. Was den Titel des Artikels angeht: Nun ja, bekanntermaßen kommt nach der Auferstehung die Himmelfahrt. Ich denke, in diesem Falle, die Allegorie meint hier die Heimfahrt nach der Vorrunde.
Michael Ballack (als Euro 2012 Kommentator auf Espn) hat ebenfalls das Spiel der Engländer stark kritisiert, zehn Mann Verteidigung, Fussball, den niemand sehen will: "I'm not impressed". Da hätte doch ein Vergleich mit seinem früheren Club in der diesjährigen Champions League gut gepasst ;)
genau dieser vergleich hat sich auch mir aufgedrängt.
von einer auferstehung mag man da wohl kaum sprechen. dieses spiel war alles andere als eine offenbarung. bleibt bloß zu hoffen, daß das altehrwürdige kick and rush nicht durch dieses gähnend langweilige betonanrühren ersetzt wird.
bislang fahren die tommies ja ganz gut damit.
genau dieser vergleich hat sich auch mir aufgedrängt.
von einer auferstehung mag man da wohl kaum sprechen. dieses spiel war alles andere als eine offenbarung. bleibt bloß zu hoffen, daß das altehrwürdige kick and rush nicht durch dieses gähnend langweilige betonanrühren ersetzt wird.
bislang fahren die tommies ja ganz gut damit.
habe ich auch nicht entdeckt.
Grottenkick und ziemlich misslungener Artikel. Vermutlich hatte der Redakteur seine Auferstehungs-These schon vor dem Spiel und wollte sie danach nicht aufgeben.
England wird bei der EM natürlich gar nichts reißen. Wie immer.
Ganz richtig. Ein Kommentator, der zum Schluß sagte: "Frankreich und England trennen sich eins zu null." Nachdem er beim Stande von eins zu eins fabuliert hatte, es stünde null zu null. Hat Thomas Wark das Spiel überhaupt gesehen?
Diesmal eindeutig ja.
Die Engländer haben aus nicht viel das Beste gemacht. Bemerkenswert ihre Disziplin bei der Deckung des Raumes vor dem Tor durch die Vierketten.
Vom Angriff war nicht viel mehr zu erwarten, als die paar Konter, die zu sehen waren. Aber wie den Italienern, hat diese Taktik, auch den Engländern, zu einem Punktgewinn gegen die spielerisch stärkere Mannschaft verholfen.
Ob die Leistung der Engländer als Wiederauferstehung zu deuten ist, wird man erst wissen, wenn das Team wieder durch Rooney komplettiert wird. Man kann aber nach dem ersten Auftritt der Engländer sagen, dass es voreilig wäre, diese Truppe jetzt schon abzuhaken.
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