"Wir sind keine Träumer", hatte Frankreichs Trainer das Spiel kommentiert. Laurent Blanc hätte das nicht nur auf die Nationalelf sondern auch die Nation selbst münzen können, die sich in den vergangenen Wahlmonaten im Spiegel beschaut hatte. Über das, was sie da sah, machte sie sich wenig Illusionen.

Und über ihren Fußball eben auch nicht.

Bis zum Viertelfinale durchzuhalten, das war der Auftrag. Er wurde erfüllt, mehr schlecht als recht. Nach zwei Niederlagen, einem Unentschieden und nur einem Sieg bleibt die Lehre: Mehr war nicht drin. Fußball ist ein Mannschaftssport, und wie eine Mannschaft spielt, das zeigten gestern Abend anstelle der Franzosen die Spanier. Denen war klar, dass sie eine Klasse besser sind, und sie leisteten das Nötige. Das spanische Spiel schnurrte nähmaschinenartig dahin , und nur die eine oder andere Leichtfertigkeit der Roten, wenn sie denn mit den seltenen Momenten französischer Entschlussfreudigkeit zusammentraf, ließ die diesmal in Weiß spielenden Bleus gefährlich werden.

Auseinandersetzungen in der Kabine

Laurent Blanc hatte nach dem Debakel von Südafrika noch nicht genug Zeit, eine Mannschaft zu formen. Kein gemeinsamer Wille, kein anerkannter Chef: Selbst Franck Ribéry , der herkulisch ackerte und versuchte, die Mitspieler anzufeuern, gelingt diese Rolle nicht. Das Spiel mit seinem Offensivpartner Karim Benzema funktionierte höchstens im Ansatz.

Aber egal, Benzema zufolge habe man "gut gespielt", und so wollen es offenbar auch seine Teamkameraden sehen. Fast scheint es, als wollten sie die Wahrheit verdrängen, auch die außerhalb des Spielfelds. Da gab es wieder einmal Auseinandersetzungen in der Kabine, da möchte ein Hatem Ben Arfa nach Hause fliegen, weil er ausgewechselt wurde, und ein Samir Nasri wird unflätig, weil die Presse wissen will, was seiner Ansicht nach nicht geklappt hat. Mannschaftlicher Zusammenhalt sieht anders aus, und man merkt: Das Leben vieler Beteiligter spielt sich woanders ab, in den reichen europäischen Fußballvereinen.

Die Stimmung im französischen Fußball ist derzeit zu löchrig, dass sich nun allesamt munter ans Werk machen könnten, eines Tages ein Mannschaftsspiel wie das spanische oder das deutsche zu präsentieren. Wie sehr es am nötigen Optimismus fehlt, zeigte sich in der vergangenen Woche. Das Land trauerte um Thierry Roland, den legendären Sportreporter, der mit 74 Jahren gestorben war. Plötzlich rückte Fußballfrankreich noch einmal eng zusammen, erinnerte sich an bessere Zeiten, war nur noch national und hatte mit der globalisierten Fifa-Welt und ihren Millionen nichts zu tun.

Nostalgie eben. Sie wärmt. Aber sie schaut nur zurück. Nach vorn blickt Frankreichs Fußball zurzeit nicht. Er hat schlechte Laune und quengelt.