Im Pressekonferenz-Raum riecht es um 0:27 Uhr nach Schweiß. Der niederländische Nationalcoach und Joachim Löw haben schon gesprochen. Knapp 30 Reporter, erschöpft, glücklich, sitzen da und warten. Da sagt der ältere Herr, der beim DFB für die Journalistenbetreuung zuständig ist: "Los geht’s! Männer, der Bus kommt, der Flieger wartet!"  – "Geht ja wohl gar nicht!" antwortet einer.  – "Nee", ein anderer. Ein Knurren und eine Aufforderung schwingt durch den Raum: "Sag da Bescheid, der Bus muss warten – Gomez kommt gleich!"

Ein Fußballspiel schreibt immer mehr als eine Geschichte. Mario Gomez weiß das. Aber er weiß an diesem Abend auch, dass seine Geschichte jene dieses Spiels ist. Deshalb muss er nach den Fernseh- und Radiointerviews, den Mediengesprächen in der Mixed Zone auch noch zur offiziellen Pressekonferenz. 2:1 hat die Nationalelf gegen die Niederlande gewonnen . Beide Tore hat er geschossen. Beim ersten hat er sich mit dem Ball am Fuß gedreht, als wäre er beim Tanz. Beim zweiten hat er den Ball aus vollem Lauf in die obere Torecke gewuchtet. Viel schönere Tore gab es bei dieser EM noch nicht. Doch Gomez lässt jetzt alle wissen, wie traurig er war.

Wenn alle über einen diskutieren, dann sei das schwer abzuschütteln, sagt er. Er habe "einen riesengroßen Druck" verspürt. Dass dieser Druck schwer wie Hunderte von Kilo war, hatte er vorher schon in die TV-Kameras gesagt. Und auch diesen Satz: "Da schießt man ein Tor, denkt, man ist angekommen und kriegt drei Tage lang in die Fresse."

Mit dem einen Tor meint Gomez seinen Treffer im ersten EM-Spiel. Gegen Portugal hatte sich die Nationalelf zu einem 1:0-Sieg gerumpelt. Man kann sagen, ohne Gomez hätten sie nicht gewonnen. Doch schon kurz nach dem Spiel hatte Mehmet Scholl, der Fußballexperte der ARD , gesagt, Gomez wäre viel zu wenig gelaufen. Die ARD hat Scholl genau für solche Analysen engagiert. An diesem Abend sagte Scholl auch noch, er hatte zwischendurch Angst, dass sich Mario Gomez "wundliegt und mal gewendet werden muss." Diese Worte waren die Geschichte des Portugalspiels.

Mehmet Scholl und Mario Gomez kennen sich, beide arbeiten für den FC Bayern, und Scholl ist bekannt für seine Sprüche. "Hängt die Grünen , solange es noch Bäume gibt!", hatte er mal auf die Frage nach seinem Lebensmotto gesagt. Vermutlich hat sich Scholl längst für seine Beleidigung bei Mario Gomez entschuldigt. Die Sache könnte aus der Welt sein. Wenn es nicht so eine gute Geschichte wäre.

1168 Nachrichtenartikel findet Google News zum Wundliegen-Thema. Das ist viel, im Mediengeschäft, das zum Fußball gehört, aber nicht überraschend. Auch für Mario Gomez nicht. Wer seinen Frust verstehen will, muss weiter als die vergangenen drei Tage zurück schauen.