Zwei Stürmer, zwei Stürmertypen: Mario Gomez und Miroslav Klose © Laurence Griffiths/Getty Images Sport

Als Fernando Torres gegen Italien eingewechselt wurde, flehte der englische TV-Experte Gary Lineker den Spanier per Twitter an: "Fernando, Du spielst für die Zukunft der Stürmer." Lineker, Torschützenkönig der WM 1986, fürchtet um seine Erben, Spanien hatte bis zu dieser 74. Minute für Aufregung gesorgt, weil sie ohne einen einzigen Stürmer spielten. Und zwar nicht aus Sicherheitsgründen, der Welt- und Europameister ist eine der offensivsten Mannschaft des Turniers. Sondern weil sie, die großen Stilpräger, beschlossen haben, keinen Angreifer mehr zu brauchen.

Der Verzicht war Teil der Offensivtaktik. Vicente del Bosque, Spaniens Trainer, bot den "falschen Neuner " Cesc Fabreg à s auf. "Neun" heißt die Position deshalb, weil es die Rückennummer des klassischen Mittelstürmers ist. Und falsch, weil er oft den klassischen Ort des Angreifers, den Strafraum, verlässt, um Räume für nachstoßende Spieler zu schaffen. Del Bosque wurde von der spanischen Presse kritisiert, José Mourinho bezeichnete Spaniens Spiel als "steril". Doch der falsche Neuner Fabreg à s schoss das Tor. Torres schoss daneben, drüber oder gar nicht.

Die bisherigen Fachdebatten dieser EM drehen sich um die Stürmer, auch das heutige Spiel zwischen Deutschland und Holland steht unter diesem Vorzeichen. Die Diskussion in Deutschland ist ein wenig anders gelagert als in Spanien, man könnte sagen, sie befindet sich auf einer Vorstufe. Es geht nicht um die Frage, ob mit Stürmer oder ohne, sondern mit welchem. Der Siegtorschütze wurde nach dem Spiel gegen Portugal vom TV-Experten Mehmet Scholl attackiert. Scholl warf ihm vor, zu statisch zu spielen, Mario Gomez habe sich "wundgelegen".

Scholl traf wahrlich einen wunden Punkt. An den Stürmer von heute stellen sich neue Aufgaben, offensiv wie defensiv. Er soll Vorlagen geben, Räume aufreißen, sich in Kombinationen einschalten, das Pressing einleiten, also die Balleroberung. Das sind nicht die Stärken von Gomez, der hat dafür drei andere: Tore mit rechts, Tore mit links, Tore mit dem Kopf – und zur Not auch mit irgendeinem anderen Körperteil. Über Gomez sagte mal ein Mitspieler aus früheren Tagen: "Wir wussten, wir müssen den Ball nur zu ihm spielen, dann macht er zwei Mann nass, und der Ball ist im Tor." Den Rest, sollte das heißen, erledigten andere. Aber reicht das plötzlich nicht mehr? Sind Tore nicht mehr genug?

Noch muss sich der deutsche Fußballfan darüber keine Gedanken machen. Joachim Löw steht ein Stürmer zur Verfügung, der das klassische und das moderne Anforderungsprofil erfüllt: Miroslav Klose . Er ist sehr klug darin zu erkennen, wie ein Gegenspieler läuft und wie er dessen Schwächen ausnutzt. Es gibt Verteidiger, die einen Stürmer eher begleiten, andere wiederum halten ihre Position. Die "Begleiter" zieht Klose aus dem Verbund raus, dann ist Platz für andere wie Thomas Müller, Lukas Podolski oder Mesut Özil . Die "Halter" ermöglichen ihm selbst mehr Spielraum, den er dann zum Toreschießen nutzt. Das kann er nämlich auch.

Zwei Beispiele, bei denen die deutsche Elf von Kloses Laufspiel profitierte: Im Testspiel gegen Brasilien vor knapp einem Jahr drängte Deutschland den Gegner in dessen Hälfte, doch kam kaum zu Chancen, so lange Gomez auf dem Platz stand. Erst mit Kloses Einwechslung gelang Deutschland der Durchbruch in die gefährlichen Zonen. Weder schoss Klose ein Tor, noch gelang ihm ein Assist. Doch zwei Treffer ermöglichte er durch seine Laufwege auf den Flügel oder auf die zentrale Position vor der Abwehr. Beide Male band er seinen Gegenspieler. Und vor dem 2:0 im WM-Achtelfinale 2010 zerzauste Klose durch schnelles Querlaufen die englische Abwehr.

Deutschland könnte die spanische Debatte bald bevorstehen. Klose ist 34 Jahre alt und wird höchstens noch zwei Jahre in der Nationalelf spielen. Im EM-Kader findet man außer ihm und Gomez nur noch Marco Reus als Stürmer, einen offensiven Mittelfeldspieler. Bei diesem Turnier müsste Löw aus taktischen Gründen eigentlich auf Klose als Spitze setzen. Es war bezeichnend, dass der Löw-Elf gegen Portugal ohne Klose im Angriffsdrittel so wenig gelang.