ZEIT ONLINE: Frau Schewtschenko, würden Sie sich selbst als verrückt bezeichnen?

Alexandra Schewtschenko: Ja.

ZEIT ONLINE: Wann begannen Sie, verrückt zu werden?

Schewtschenko: Als Kind war ich noch nicht verrückt. Meine Eltern sind ganz normale Menschen, mein Vater arbeitet beim Militär, meine Mutter ist Lehrerin. Sie glaubten an die Sowjetunion , waren keine Dissidenten. Beide lieben mich, aber inzwischen halten sie mich für verrückt.

ZEIT ONLINE: Wie konnte das geschehen?

Schewtschenko: In meiner Jugend schaute ich neidisch auf die Zeit in der Sowjetunion zurück, damals hatte die kommunistische Jugend eine Idee. Ich träumte von einer Idee. Aber mein BWL-Studium hat mich nicht erfüllt. Wenn du heutzutage in irgendeiner der kleinen ukrainischen Städte auf der Schwelle zwischen Kind und Erwachsensein stehst, hast du nur zwei Möglichkeiten: Du kannst rauchen und Bier trinken, mehr Perspektiven gibt es in diesem Land nicht. Ich habe dann die anderen späteren Anführer von Femen kennengelernt. So begann alles.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet Femen für Sie?

Schewtschenko: Damals, als ich noch 18 Jahre alt war, dachte ich, Feminismus bedeutet, sich hässlich zu kleiden, verrückte Frisuren zu tragen und Männer zu hassen.

ZEIT ONLINE: Und heute?

Schewtschenko: Feminismus ist die nötige Ideologie für alle Frauen dieser Welt. Sie bedeutet, dass wir zu kämpfen haben, auch mit verrückten Waffen. Denn Feminismus ist nicht nur etwas, das in Büchern steht. Es ist wichtig für junge Frauen in der Ukraine und in Europa . Wenn ich keine Feministin bin, bin ich ein Sklave der Männer.

ZEIT ONLINE: Was heißt es konkret, Feministin zu sein?

Schewtschenko: Es heißt, dass Frauen und Männer gleichwertig sind. Dass Frauen nicht nur Ehefrauen sind, die kochen, sondern dass sie alle Rechte haben und nutzen. Ich bin außerdem Feministin, um andere Frauen zu Feministinnen zu machen.

Femen-Bewegung - Eine Aktivistin im Gespräch – Frauen- und Menschenrechte in der Ukraine Die ukrainische Frauenrechtsaktivistin Alexandra Schewtschenko über die Femen-Bewegung, Menschenrechte in der Ukraine und die Fußball-EM 2012. (englisches Interview)

ZEIT ONLINE: Wären Sie eine andere Feministin, wenn Sie in Deutschland aufgewachsen wären?

Schewtschenko: Nein, mich unterscheidet nur, dass ich mich mehr um mein Erscheinungsbild, meine Kleidung kümmere, als das deutsche Frauen tun. Das mache ich, weil es zur ukrainischen Kultur gehört. Ukrainerinnen wollen gut und sexy aussehen. Aber vergleichen Sie mich nicht mit deutschen Frauen, lieber mit anderen ukrainischen.

ZEIT ONLINE: Na dann?

Schewtschenko: Die ukrainischen Frauen haben nur ein Ziel im Leben: Einen Mann finden – am besten einen Ausländer. Dann wollen sie nur noch Ehefrauen sein. Sie wollen weder einen Beruf noch eine Berufung haben. Fast alle jungen Frauen sind in diesem Land so. Uns fehlt die Revolution. Aber wir arbeiten daran.

"Das Blut der Männer wird fließen"

ZEIT ONLINE: Wie weit sind Sie?

Schewtschenko: Wir haben bereits für ein paar kleinere Revolutionen in den Massenmedien gesorgt. Bevor wir unsere Aktionen starteten, konnte man nackte Frauenbrüste nur nach Mitternacht im Fernsehen oder in Sexmagazinen für Männer sehen. Doch inzwischen haben wir den Frauenkörper legalisiert. Sie können Brüste heute in der Ukraine in Zeitungen oder zur Primetime im TV sehen.

ZEIT ONLINE: Was steht am Ende Ihrer Revolution?

Schewtschenko: Das Matriarchat, das hoffe ich doch.

ZEIT ONLINE: Wann ist es soweit?

Schewtschenko: Ich weiß es nicht genau, vielleicht 2017, genau hundert Jahre nach jener russischen Revolution, die die Zarenherrschaft beendete. Wenn es so weit ist, müssen wir kämpfen. Dann wird wieder Blut fließen. Die Revolution wird brutal.

ZEIT ONLINE: Wessen Blut?

Schewtschenko: Das der Männer.

ZEIT ONLINE: Ich möchte gar nicht gegen Sie kämpfen.

Schewtschenko: Vielleicht nicht gegen Sie, ich kenne Sie nicht. Aber gegen Putin, Lukaschenko, Typen wie Berlusconi und Platini.

ZEIT ONLINE: Sie müssen erfreut sein, dass die EM in der Ukraine stattfindet, so eine große PR-Bühne hatten Sie selten?

Schewtschenko: Ich bin nicht froh, dass es die EM gibt. Aber es stimmt, es ist für uns eine Chance, um auf die Probleme in der Ukraine hinzuweisen. Unser Land braucht Aufmerksamkeit von Europa. Wenn die EU nicht nach uns schaut, wird uns Putin ganz schnell schnappen, dann sind wir wieder ein Teil Russlands.

ZEIT ONLINE: Sind Sie mit Ihren bisherigen EM-Protesten zufrieden?

Schewtschenko: Vor dem Eröffnungsspiel in Polen haben wir oben ohne mit Feuerlöschern auf Fußballfans geschossen. Das war ein Erfolg.

ZEIT ONLINE: Wieso, Sie haben doch nichts verändert?

Schewtschenko: Doch, wir haben Aufmerksamkeit bekommen: RTL , Reuters, FP, AP, DPA – sie alle waren da und haben berichtet. Nachdem uns die Polizei eingefangen hatte, waren wir für acht Stunden auf der Wache. Aber für 500 Euro konnten wir alle vier wieder gehen.

"Die Ukraine ist nicht das Bordell der westeuropäischen Länder"

ZEIT ONLINE: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie sich vor den Fernsehkameras ausziehen?

Schewtschenko: Als ich es das erste Mal tat, spürte ich in meinem ganzen Körper das Adrenalin. Die wichtigsten Gedanken und Empfindungen kommen einem aber schon vor der Aktion. Da muss man sich selbst beweisen, dass man bereit ist, auch gegen den Widerstand der Familie, der Freunde. Nachdem ich die erste Aktion durchgeführt hatte, weinte meine Mutter, sie schrie, dass ich die Familie geschändet hätte und nun nicht mehr ihre Tochter bin.

ZEIT ONLINE: Wieso tun Sie Ihren Eltern das an?

Schewtschenko: Ich bin keine Prostituierte, ich bin keines dieser Mädchen, die in NachtKlubs tanzt, ich bin kein Model. Ich bin eine Feministin und das ist ein Teil unseres Kampfes.

ZEIT ONLINE: Wie finanzieren Sie sich?

Schewtschenko: Ich wohne in einer Drei-Zimmer-WG zusammen mit vier Freunden und arbeite hauptberuflich für Femen. Jeden Monat brauche ich etwa 500 bis 600 Euro.

ZEIT ONLINE: Wer finanziert Femen?

Schewtschenko: Wir nehmen auf verschiedenen Wegen unser Geld ein. Ein Teil kommt durch Spenden, ein anderer Teil durch den Verkauf in unserem Femen-Shop. Dort verkaufen wir Abdrücke von unseren Busen.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert das?

Schewtschenko: Leute schreiben uns, dass sie einen Abdruck unserer Brüste haben wollen und bezahlen dafür. Dann bekommen sie ein Plakat zugeschickt.

ZEIT ONLINE: Wie viel Geld nehmen Sie im Monat ein?

Schewtschenko: Etwa 5.000 bis 7.000 Euro. Bereits alle ukrainischen Parteien wollten uns schon mit Geld, Autos oder Wohnungen unterstützen – damit wir sie dann im Gegenzug bei unseren Aktionen außen vor lassen. Aber wir nehmen keine Spenden von politischen Parteien an.

ZEIT ONLINE: Kann es sein, dass Sie inzwischen so bekannt sind, dass Ihre PR-Aktionen nicht mehr viel bewirken, sondern die Menschen nerven?

Schewtschenko: Die Revolution ist unser Ziel und dafür brauchen wir die Aktionen. Ja, das ist PR. PR für die Probleme einer Gesellschaft. Wir haben im Jahr 2008 angefangen, über diese Probleme zu informieren. Damals war das Ausmaß an Prostitution riesig, aber niemand wollte darüber sprechen, niemand! Und sogar in diesen Tagen wollen viele das Thema verschweigen. Aber wir sorgen dafür. Mit unseren Aktionen setzen wir die Themen. Die Ukraine ist nicht das Bordell der westeuropäischen Länder!